Incorporated – Die neue Science-Fiction-Serie im Pilot-Check

Incorporated: ab sofort auf Syfy
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Meint es gut mit den Menschen.

Update, 27.06.2017: Anfang Dezember vergangenen Jahres startete Incorporated bei Syfy in den USA, ab heute 21 Uhr erfolgt die deutsche Auswertung bei Syfy Deutschland. Hier lest ihr die zur US-Ausstrahlung von uns veröffentlichte Kritik.

Der ursprüngliche Artikel vom 02.12.2016:

Kaum wurde Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt, gehen bereits Schreckensvisionen eines post-zivilisatorischen Amerikas in Serie. Nicht subtil jedenfalls zeigt der Beginn von Incorporated Nachrichtenbilder, die über Flüchtlingswellen in Folge des Klimawandels berichten, über Pläne, Emigranten mit einer Schutzmauer abzuschrecken, und über aktivistische Versuche, Hungersnot und Abschirmungsversuche zu bekämpfen. Im Jahr 2074, so die serielle Prämisse, kontrollieren multinationale Unternehmen den Planeten. Regierungen sind faktisch abgeschafft und besitzen nur noch symbolpolitischen Charakter, alle Entscheidungsgewalt liegt in Händen von Konzernen, die synthetisches Essen produzieren und das Militär stellen. Ihre Mitarbeiter leben in der "grünen Zone", einer genretypisch steril designten Zukunftsmetropole mit dekadenten Wolkenkratzern, Sicherheitskontrollen und Überwachungssystemen, der Rest der Menschheit kämpft in "roten Zonen" ums Überleben. Diese sind, ebenfalls genretypisch, als retro-futuristische Slums entworfen, einerseits dominiert von Drogenkriminalität, andererseits zusammengehalten von Bemühungen, sich Menschlichkeit zu bewahren.

In diese Welt stolpern wir mit Ben Larson, gespielt von Sean Teale, den manche aus der britischen Serie Skins – Hautnah kennen (ich kannte ihn nicht, finde aber, dass er eine frappierende Ähnlichkeit mit Oscar Isaac hat). Ben arbeitet für den Gentechnik-Riesen Spiga und wohnt – vorstadtidyllisch und nur einen Streifzug durch die Slums vom Stadtzentrum entfernt – in der begehrten Green Zone. Mit Ehefrau Laura (Allison Miller) arbeitet er gerade an Nachwuchs, wobei arbeiten tatsächlich das richtige Wort ist, denn eine Schwangerschaftserlaubnis erhalten die wenigsten Bewohner. Zu seinem beruflichen und privaten Vorteil kann Ben auch in dieser Angelegenheit auf Unterstützung durch Schwiegermutter Elizabeth hoffen, der Chefin von Spiga (Auftritt Julia Ormond, die vor Jahren eine gut laufende Kinokarriere hatte, aber jetzt wie nahezu alle Schauspielerinnen über 40 ausschließlich fürs Fernsehen arbeitet). Ben revanchiert sich dafür mit Schlichtungsgesprächen, das Verhältnis zwischen Laura und ihrer Mutter ist zerrüttet und der Vater abstinent. Rückblenden deuten ein gewalttätiges Ereignis an, Details behält sich die Pilotfolge von Incorporated zunächst vor.

Wir lernen: Selbst in einer so schrecklich zugrunde gerichteten Welt dreht sich noch alles um die kleinen und großen Dramen des Lebens. Aufschwung verleiht Incorporated den bedingt interessanten Familiendynamiken durch einen erzählerischen Aufhänger. Der (beklagt sich Ehefrau Laura) ständig gut aufgelegte Ben heißt eigentlich Aaron und wurde auf der anderen Seite der Mauer geboren, in der Red Zone sucht er bislang unbemerkt nach einer verschwundenen Freundin (seiner wahren Liebe, vermutlich). Er muss sich bei Spiga hocharbeiten, muss (ohnehin) nervige Bekannte aus dem Weg räumen und heikle Kontrollen meistern, um nicht aufzufliegen. Sollte das nämlich passieren, drohen ihm die harten Strafen für Deserteure – sie werden verhaftet und im sogenannten Quiet Room verhört, misshandelt, wahrscheinlich auch getötet (der hier nur kurz als Folterknecht in Erscheinung tretende Dennis Haysbert spielt in den nächsten Episoden eine größere Rolle). Die zwei Plotebenen also, der Schein und das Sein, laufen mit- und gegeneinander zwischen buchstäblich zwei Welten. Sie bringen Druck, Tempo, Cliffhanger in die Serie.

Der Tropus der im Doppelleben gefangenen Hauptfigur wirkt mittlerweile recht abgegriffen, so sehr er sich für serielle Formate anbieten mag (und in Dexter, Breaking Bad, The Americans et al. ganz vorzüglich zum Einsatz kam und kommt). Er ist auch nicht das Einzige, was allzu vertraut erscheint. Zukunftsentwürfe, die über gewaltsam abgeriegelte Gesellschaften von Klassen und, mehr oder weniger explizit, Geschlechter und -Rassismusfragen erzählen, haben im Science-Fiction-Kino eine lange Tradition (weil sich Konkretes über den Zustand unserer Welt daran fest- und griffig machen lässt). Zuletzt gab es mit The Hunger Games und anderen Teen-Dystopien eine Neuauflage dieser Tradition, seriell griff die Arte-Miniserie Stadt ohne Namen (Trepalium) ein ähnliches Szenario auf. Dass Incorporated dazu erst einmal nichts Neues einfällt, ist wenig dramatisch. Negative Utopien leben von Wiederholungen, sie wollen als immer wieder ähnlich panische Zukunftsentwürfe davon überzeugen, nicht eintreffen zu dürfen. Auf Serienlänge gebracht heißt das aber auch, melodramatisch erzählen zu müssen: Kritik an bestehenden Verhältnissen ist persönlich motiviert, die Welt wird zwangsläufig privat statt politisch erschlossen.

Vordergründig geht es dann zwar um relativ viel. Um gefährliche Überquerungsversuche von der roten in die grüne Zone, das Spiel mit der doppelten Identität oder die Frage, ob und wie der Held Ben Larson enttarnt wird. Für Hintergründiges aber bleibt erstmal nicht die Zeit. Langweilen wollen Fernsehserien wie diese schließlich unter keinen Umständen (langweilen nicht im Sinne uninteressanten, sondern kontemplativen Erzählens: mit langer Weile, also Ruhe und Gelassenheit). Das ist natürlich eine Einschätzung unter Vorbehalt, möglicherweise überrascht die zehn Folgen umfassende erste Staffel der Serie mehr, als es der Pilot vermuten lässt. Hinter Incorporated stehen mit dem Brüdergespann Àlex und David Pastor immerhin zwei Talente, die noch schwer zu fassen sind. Ihr Endzeitfilm Carriers hatte was, der von ihnen geschriebene Sci-Fi-Thriller Self/less eher nicht. Kommerziell waren das herbe Misserfolge, aber sie weckten das Interesse der Oscarpreisträger Ben Affleck und Matt Damon. Beide beteiligen sich als Produzenten an Incorporated, der – Project Greenlight nicht mitgezählt – ersten TV-Serie ihrer Firma Pearl Street Films. Die Voraussetzungen könnten also schlechter sein.

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