Ghost in the Shell - Körperpolitik des Grauens

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Achtung, Spoiler für Ghost in the Shell: Eine Beobachtung zum neuen Ghost in the Shell möchte ich mit euch teilen. Sie hat mit der Körperpolitik des Filmes zu tun, der ja schon durch seine Prämisse, menschliche Körper mit Cyborg-Teilen ersetzen oder verbessern zu können, ein ganz wunderbar körperpolitisch aufgeladener Film ist. Also, hätte man daraus was gemacht. Hat man aber nicht.

Das Grundproblem von Ghost in the Shell ist ja, dass er sich, bis auf ein paar Poesiealbumssprüche à la "Der Mensch definiert sich viel zu sehr durch seine Erinnerungen" damit gar nicht klarkommt. Um genau zu sein, ist es eben diese Ignoranz seiner potentiellen Tiefe, aber eben auch seiner Implikationen (die gar nicht mal so implizit sind, sondern eigentlich sehr offensichtlich), die den Film so unfassbar problematisch macht. Vor allem in Bezug auf seine Körper ist dieses Prinzip extrem auffällig. Ich möchte behaupten (und hoffe wirklich, dass es so ist), dass die Macher dieses Filmes gar nicht bemerken, was sie hier für Aussagen treffen, die, das sollte man dazu sagen, nicht unbedingt im Original so vorhanden sind.


Als die ersten Whitewashing-Rufe laut wurden, weil Scarlett Johansson die Hauptrolle übernahm, hieß es, man solle den Film sehen, dann würde man verstehen, dass es sich hier nicht um eine klassische Übernahme einer inhärent japanischen/asiatischen Geschichte handele, sondern um eine Figur, die gar keine Identität und damit eben auch Ethnizität hat. So zumindest erklärte es Johansson selbst in einem Interview:

Klingt gut, interessant sogar. Stimmt aber ganz und gar nicht. Denn im dritten Akt des Filmes passiert das, was in einem amerikanischen Film immer passieren muss. Alles wird erklärt. Und die Erklärung dafür, wer denn Major Mira Killian eigentlich ist, ist wahrlich ein Schlag ins Gesicht. Gezeigt wird hier eine junge, japanische Frau namens Motoko Kusanagi, die, zusammen mit Freunden, die alle japanisch sind, in einem ehemaligen Shinto-Tempel wohnt und sich dort politisch gegen die völlige Cyborgisierungen engagiert. Sie und ihre Freunde werden von der Firma, die die ersten vollständigen Cyborg-Körper herstellt, entführt und für Experimente benutzt, mit Genehmigung der Regierung. Major ist der 99. Versuch, ein menschliches Hirn in einen völlig mechanischen Körper einzusetzen. Dafür werden alle ihre Erinnerungen an ihre Vergangenheit medikamentös unterdrückt. Ebenso geht es ihrem ehemaligen Freund Hideo Kuze (der Cyborg-Körper Hideos wird gespielt von Michael Pitt), an dem vor ihr experimentiert wurde und der seiner Vernichtung entgehen konnte. Beide finden am Ende des Filmes Teile ihrer Erinnerungen und Major/Motoko sogar ihre Mutter und ihr Kinderzimmer wieder.

Holy Whitewashing, Batman!

Nun könnte man aus dieser Geschichte auch viel rausholen. Wie ist es für eine japanische Person, in einem Körper aufzuwachen, der nicht nur mechanisch, sondern auch weiß ist? Denn Ethnizität ist nicht nur eine Sache der Shell. Sie kann nicht einfach durch eine Hülle ausgewechselt werden. Die Erinnerungen, die in Major/Motoko (erfolglos) unterdrückt werden, unterdrücken auch ihre ethnische Identität, die ja ebenfalls geprägt ist durch Erfahrungen, Kultur etc. Was würde es eigentlich für die nicht-weißen Menschen in der Filmwelt von Ghost in the Shell bedeuten, wenn in naher Zukunft ihre Ghosts in weißen Shells landen? Welchen Effekt hätte das auf ihre ethnische Identität? Und warum stellt keiner Shells in pink, blau oder grün her? Wer hat sich eigentlich darauf geeinigt, dass alle Shells Größe 34, Cup B und einen thigh gap haben müssen? Brauchen rein mechanische Shells eigentlich noch Geschlechtsmerkmale? Ist ein japanischer Ghost in einer weißen Shell eigentlich die perfekte Metapher für amerikanische Adaptionen japanischer Klassiker wie, ähm, Ghost in the Shell?

Es gibt SO VIEL was man hier hätte draus machen können.

Aber selbst die offensichtlichste Frage, die sich im Film regelrecht aufdrängt, wird nicht angegangen: Wie geht ein japanischer Ghost mit einer weißen Shell um? Was ändert das in diesem Ghost, was sind die Auswirkungen, psychologisch und anderweitig? Antwort: keine.

Denn diese Frage kommt nicht einmal auf. Vielmehr wird hier, im Bau der Shell als auch in der Zusammensetzung aus Ghost und Shell überhaupt, nicht auf Ethnizität geachtet. Und das spricht unglaublich laute, kolonialistische Bände, die genau eine Aussage treffen: Der Default-Körper und das Default-Dasein sind weiß. Darüber muss man gar nicht nachdenken, das ist einfach so. Und nicht nur das. Majors Körper wird mehrmals komplimentiert und als State-of-the-Art gesehen. Ihr weißer Johanssonscher Körper ist die Crème de la Crème.

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Er ist die Zukunft. Diese Aussage muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, wird sie doch in einem Film getroffen, der angeblich in einer postkolonialistischen, diversen Welt spielt. Aber dem ist nicht wirklich so. Weiß wird hier immer noch und grundsätzlich als Standard und das Beste betrachtet. Motokos japanischer Ghost indes wird ständig überwacht, unterdrückt und zu kontrollieren versucht. Und, das darf nicht vergessen werden, ihr Ghost ist nur das Experimentierstadium, sie ist die Laborratte, die austausch- und letztendlich verzichtbar ist, ganz wie es Hideo erging.

Ghost in the Shell mag eindeutig futuristisch, cyberpunkig daher kommen. Doch in seinen Körpern sind eindeutig die westlichen Ideen dieses und der letzten Jahrhunderte verankert und die lassen, trotz unfassbarer neuer Möglichkeiten, keinen Platz für Diversität. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, addiert sich hier noch der absurde Fakt, dass dafür eine japanische Geschichte genommen wurde, ihre Ideen ausgehöhlt, der Rest aber angeeignet wurde, nur um dann am Ende eine Geschichte zu zeigen, die nicht nur in der Machart, sondern der Story an sich asiatische Identität nur ausnutzt und negiert. Chapeau und 200 Extrapunkte auf der Mindfuck-Skala für diesen Move, der letztendlich die Whitewashing-Vorwürfe der letzten Monate nicht nur bestätigt, sondern quasi im Kreis quadriert.

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