Wo ist Fan Bingbing? Das Verschwinden eines Stars erschüttert China

Fan Bingbing in X-Men - Zukunft is Vergangenheit
© 20th Century Fox
Fan Bingbing in X-Men - Zukunft is Vergangenheit
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the gaffer Jenny Jecke
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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Stellt euch vor, Scarlett Johansson würde einfach so vom Erdboden verschwinden. Fan Bingbing ist einer der bestbezahlten Stars der chinesischen Filmindustrie. Seit knapp zwei Jahrzehnten ist sie eine feste Größe, die vom Forbes-Magazin vier Jahre hintereinander zum einflussreichsten Star in China ernannt wurde. In X-Men: Zukunft ist Vergangenheit lieh sie ihren Bekanntheitsgrad als Blink einem Hollywood-Film und demnächst sollte sie für den Thriller 355 neben Jessica Chastain und Lupita Nyong'o vor die Kamera treten. Doch seit knapp drei Monaten wurde Fan Bingbing nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen. Damals erschütterte ein Leak über Steuerbetrug und unverhältnismäßige Gehälter die chinesische Filmindustrie. Fan Bingbing wurde zum Sinnbild für extravagante Gagen und zur Zielscheibe eines politischen wie moralischen Aktionismus gegen Vielverdiener. Seitdem reichen die Gerüchte über ihren Verbleib von der Flucht nach Los Angeles bis zur Festnahme in der Volksrepublik. Doch der Skandal um Fan Bingbing ist noch viel bizarrer und weitreichender als die kurze Beschreibung andeutet.

Was wird Fan Bingbing vorgeworfen?

Fan Bingbings Aufstieg zum Star fiel mit dem Boom der chinesischen Unterhaltungsindustrie zusammen. 1999 wurde sie durch eine Fernsehserie berühmt. Es folgten Filmauftritte wie in Cell Phone von Feng Xiaogang, der 2003 zum erfolgreichsten chinesischen Film des Jahres wurde. So stieg Fan zu den Top-Stars auf, die entsprechend der Wachstumsraten der chinesischen Filmindustrie hohe Gagen einfordern konnten, selbst für wenige Tage Arbeit. 2016 zählte Fan mit 17 Millionen Dollar Einnahmen zu den am besten bezahlten Schauspielerinnen der Welt. Im Mai diesen Jahres gerieten Fans Einnahmen ins Visier der Behörden. Grund war der Vorwurf doppelter, sogenannter Yin-Yang-Verträge, mit denen Gagen an der Steuer vorbeigeschleust werden sollen.

Der chinesische TV-Moderator Cui Yongyuan hatte entsprechende Dokumente auf seinem Social Media-Kanal geteilt. Auf dem ersten, einem Vertrag über umgerechnet 1,56 Millionen Dollar für vier Tage Arbeit an einem Kinofilm, war Fans Name zu erkennen gewesen. Ein zweites Bild zeigte laut Variety einen (namenlosen) Vertrag über 7,8 Millionen Dollar für dieselbe Arbeit. Cuis Kommentar: "Warum muss es zwei Verträge geben?" (via Radii China) Nur einer der Verträge würde der Steuerbehörde vorgelegt werden, so die Andeutung, nämlich der niedrigere. Die Offenlegung dieser Praxis folgte nun ausgerechnet auf Bemühungen der chinesischen Regierung, die Gehälter der Stars einzuschränken. Erst vergangenes Jahr wurden Regelungen eingeführt, nach denen die Gehälter von Darstellern nicht höher als 40 Prozent der Produktionskosten sein dürften. Der Skandal war gemachte Sache, Fan Bingbing wurde sein weltberühmtes Gesicht und die chinesischen Behörden kamen in Zugzwang.

Fußnote dieses Leaks: Cell Phone, in dem Fan Bingbing eine ihrer ersten großen Kinorollen spielte, basierte eindeutig uneindeutig auf dem Leben des Moderators Cui, der sich über die negative Darstellung beschwerte. Bei dem Film, dessen Yin-Yang-Verträge besagter Cui nun leakte, handelte es sich um Cell Phone 2.

Fan Bingbing im Gefängnis? Gerüchte überschlagen sich

Fan Bingbing stritt die Vorwürfe ab und drohte ob der Verleumdung mit ihren Anwälten. Die Behörden schalteten sich ein. Seitdem ist es still um den Star geworden. Zum letzten Mal wurde sie am 1. Juli in der Öffentlichkeit gesehen. Es häufen sich Gerüchte über Inhaftierungen oder Hausarrest (Epoch Times). Ein Bericht über ein Ausreiseverbot für Fan und ihren Bruder wegen des Vorwurfs der Steuerhinterziehung wurde im Juli laut South China Morning Post kurz nach Veröffentlichung wieder offline genommen. Das Hongkonger Boulevard-Blatt Apple Daily vermutete sie auf Asylsuche in Los Angeles.

Vor wenigen Tagen spitzten sich die Meldungen zu. Da veröffentlichte das staatliche Magazin Securities Daily einen Report, in dem es hieß, Fan Bingbing sei "unter Kontrolle und werde die juristische Entscheidung akzeptieren". Weiterhin wurde darin laut Taiwan News eine einflussreiche Quelle aus Beijing zitiert, Fan Bingbing sei noch im Gefängnis und "es sei wirklich tragisch und sie würde da nicht mehr rauskommen". Die Yin-Yang-Verträge seien diesem Bericht zufolge nur die "Spitze des Eisbergs" ihrer juristischen Probleme. Laut Hollywood Reporter ging der Bericht unter chinesischen Netizens viral, bevor auch dieser nach wenigen Stunden offline genommen wurde.

0% soziale Verantwortung - Fan Bingbing als Gesicht der Gier

Während der Verbleib von Fan Bingbing und die juristischen Konsequenzen unklar bleiben, haben die chinesischen Behörden reagiert. Landesweite Untersuchungen der Yin-Yang-Verträge wurden angekündigt. Anfang August wurde eine überarbeitete Besteuerung der Film- und Fernsehschaffenden bekannt (Quelle: mtime). Demnach wurden bestimmte Steuererleichterungen gestrichen, sodass der Steuersatz der Gagen, der von den Produktionsfirmen direkt bezahlt wird, von 6,7 Prozent auf 42 Prozent ansteigt. Hinzu kommt, dass die Firmen diese Steuern rückwirkend für den Rest des Jahres nachzahlen müssen, was Auswirkungen auf die ganze Branche hat. Laut der Apple Daily aus Hongkong mussten im August 70 Film- und TV-Produktionen zeitweise eingestellt werden, da Verträge neu verhandelt und Steuern nachgezahlt werden mussten.

Berechtigte Sorgen über die Profitabilität der Filmindustrie spielen in diese Maßnahmen hinein. Nur ein Bruchteil der 400 chinesischen Filme im Jahr spielt genügend Geld ein, um Millionen-Gagen von Stars wie Fan Bingbing, Donnie Yen oder Huang Xiaoming zu rechtfertigen. Hinzu kommt jedoch auch ein moralisierender, erzieherischer Ton, der den Vorgaben der Zensurbehörden für Inhalte von chinesischen Filmen ähnelt. So war in einer offiziellen Verlautbarung im Juni davon die Rede, dass die Filmindustrie "soziale Werte verzerre" und "die Tendenzen der Verehrung des Geldes" unter jungen Leuten fördere, die "blind Stars hinterherjagten" (New York Times). Der Ton und die Perspektive auf die Filmindustrie als unmoralischer, geldgieriger Hort erinnert an konservative Kampagnen rund um das noch junge Hollywood der 20er und frühen 30er Jahre.

Fan Bingbing ist in den vergangenen drei Monaten der Gerüchte und des Schweigens zum Gesicht dieser Seite der chinesischen Filmindustrie mutiert. Ein Gesicht, das bereits aus Werbekampagnen ihrer kommenden Filme entfernt wurde. Vor wenigen Tagen wurde zudem ein Report über die "soziale Verantwortung" von chinesischen Stars veröffentlicht, mit fraglicher Datenlage und eindeutigem Ziel. 100 Schauspieler, Sänger und öffentliche Persönlichkeiten wurden danach angeordnet, ob sie "relativ starke soziale Vorbilder" seien oder einen "negativen Einfluss" hätten, wie Sixth Tone berichtet. Verantwortlich waren Akademiker einer Beijinger Universität. Nur 9 der 100 Stars erhielten einen Wert von 60 Prozent oder mehr. Auf dem letzten Platz landete Fan Bingbing. Ihr Wert: 0 Prozent.

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