Halfway to a Donut

Wir schauen Homeland - 4. Staffel, 8. Folge

18.11.2014 - 11:03 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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Homeland
© Showtime
Homeland
Auf halbem Wege zum Süßgebäck bleibt einem fast das Herz stehen. Homelands 8. Folge der 4. Staffel setzt den Aufwärtstrend der Spionageserie fort und liefert in Halfway to a Donut eine der mitreißendsten Szenen der Serie ab.

Der Titel verwundert, die Folge überwältigt: Halfway to a Donut, Episode 8 der 4. Staffel, kommt zwar nicht ohne Homeland-typische Dödeligkeit aus, aber deswegen lieben wir die Serie so. Im einen Moment ein hanebüchener Dialog, im nächsten eine fesselnde Parallelmontage, die Thriller-Effekte derart mit emotionalem Gepäck auflädt, dass einem unter der Last fast der Herzkasper ereilt. Aber nur fast, denn obwohl am Ende auf Seiten der CIA durchaus ein Schritt nach vorne getan wird, ist und bleibt der Donut ein kalorienreicher Kringel.

Homeland - S04E08 (Halfway to a Donut)

Zunächst einmal: Khan (Raza Jaffrey) ist einer von den Guten! Also wacht Carrie nicht mit einem markerschütternden "Khaaaaaaaaaan" auf, sondern nur umgeben von einer ihrem Zustand angemessen wackeligen Kameraführung. Was genau Khan abseits seines Gewissens antreibt (vielleicht eine Rivalität zu ISI-Kollegin Tasneem?), erfahren wir zwar nicht, aber immerhin wird Carrie von dem pakistanischen Anti-Terror-General nicht im Regen stehen gelassen (hihi). Sie erfährt zum Ende der Episode, dass Boyd (Mark Moses) der Maulwurf in der amerikanischen Botschaft in Islamabad ist. An dieser Stelle sei allerdings angemerkt, dass Boyds Ehefrau allzu leicht auf seine anbiedernde Süßigkeiten-Tour hereinfällt. Startete die Botschafterin die Staffel als durchsetzungsfähige, wenn auch unterkühlte Autoritätsperson, gerät sie nun entweder zum Sicherheitsproblem (geheime Informationen weitergeben, um die Ehe zu kitten?) oder zur zweiten Geige neben einem ausfälligen Lockhart (Tracy Letts). Der erringt mehr und mehr Sympathiepunkte, obwohl er auf den amerikanisch-pakistanischen Beziehungen herumtrampelt, als sei er von Michael Flatley besessen.

Denn Gegensatz oder Kollaboration von Diplomatie (Außenministerium) und Intervention (CIA) bestimmen die Struktur der 8. Homeland-Episode. So besteht der Kern von Halfway to a Donut leider nicht aus zuckersüßem Plot-Gelee, sondern aus einer mehrbödigen parallelen Erzählung: die Verhandlungen zwischen Amerikanern und Pakistanern über einen Gefangenenaustausch, um Saul zu befreien; die Mauscheleien der teilnehmenden Tasneem per Handy, in die wir aber kaum Einblick bekommen; die Versuche der CIA, während der Meetings Saul aus der Taliban-Hochburg zu befreien; schlussendlich verfolgen wir noch Saul selbst on the ground, der seine jahrelange Agency-Erfahrung nun auch körperlich zur Schau stellt. Er krallt sich einen Nagel, täuscht einen Selbstmord mit seinen Fesseln vor, tötet mit aller Kraft einen Wärter und entkommt der Hütte in den Bergen. Dort wartet allerdings kein Delikatessenladen, sondern ein langer Marsch zur nächsten Stadt, wo ein CIA-Kontakt wartet. Per Drohne und Handy halten Carrie und Co. Kontakt, was ihnen und Saul zum Verhängnis wird.

Während all dessen spielen die Vertreter von USA und Pakistan ein Spiel, das zur Zugkraft dieser Episode beiträgt: Was weiß die Gegenseite? Haben beide den gleichen Informationsstand? Wer will Zeit schinden und warum? Dass der amtierende Chef der Central Intelligence Agency zwischendurch fragt, warum die Pakistanis den Amerikanern so feindlich gesinnt sind, ist einer dieser Momente, in denen man die Homeland-Autoren am liebsten mit drei Tage alten Krapfen bewerfen will. Davon abgesehen hätte ich mir die Verhandlungsszenen insgesamt länger gewünscht. Aber seit ein paar Folgen hat sich Homeland ganz dem Thriller-Modus verschrieben und dieser enttäuscht nicht. Sauls Anwesenheit in Pakistan wirkte zunächst erzwungen. In seiner proaktiven Rolle als Gefangener eröffnet sie aber - neben Verweisen auf aktuelle Ereignisse wie die Befreiung von Bowe Bergdahl und die Ermordung von James "Jim" Foley - auch neue Facetten seiner Persönlichkeit, einerseits, was seine Agentenerfahrung betrifft. Andererseits könnte das Finale dieser Episode einen Quantensprung in der Beziehung zwischen Saul und Carrie andeuten, sofern die Autoren ihre in der dritten Staffel gezeigte süßliche Harmoniesucht ablegen.

In einer weiteren, nervenzerreißenden Selbstmordszene greift Autor Chip Johannessen indirekt auf zwei der besten Momente von Homeland zurück: In State of Independence aus der zweiten Staffel hatte Carrie sich rechtzeitig gegen den Suizid entschieden, nur um von Saul wenig später in ihrem Verdacht bezüglich Brody bestätigt zu werden. Ihr väterlicher Mentor präsentierte ihr das Bekennervideo Brodys. Denken wir aber auch an Marine One, das Finale von Staffel 1, und daran, wie Brodys personifiziertes Gewissen Dana ihren Vater davon abhielt, sich in die Luft zu sprengen. In Halfway to a Donut tauschen Carrie und Saul ihre angestammten Rollen, ist es Carrie, die ihm Hoffnung zuspricht, ihn vor dem Aufgeben, der Kugel im Kopf, rettet, und ihm im selben Schritt belügt. Fantastisch von dem zuletzt viel kritisierten Alex Graves inszeniert, will man als Zuschauer Carrie glauben, dass hinter der Tür Rettung wartet und nicht eine Gruppe bewaffneter Taliban. Doch Sauls "Fuck Yous" sowie die Vielzahl roter Dreiecke, die einen einsamen blauen Kreis umschwirren, belehrt einen audiovisuell regelrecht quälerisch eines Besseren.

So bewegt sich Homeland im Handlungsstrang Sauls im Kreis, wie es auch die Terroristen und Amerikaner tun. Die lassen Gegenschlag auf Gegenschlag folgen, was Carrie gegen Ende nicht ganz subtil in den Raum wirft. Solch ein konstruierter und seinem Wesen nach redundanter Spannungsmoment (ein Gefangener entflieht, wird wieder gefangen) ist natürlich leicht durchschaubar. In dem Johannessen ihn aber ganz auf die Vertrauensbeziehung zwischen Mentor und Schülerin, Ersatzvater und -tochter herunterkocht, gewinnt er eine ganz andere Tragweite. Leben retten - das ist leichter gesagt als getan.

TIL: Nach umfangreichen Recherchen  bin ich mir relativ sicher, dass Dennis Boyd seiner Gemahlin Balushahi anbietet. Wer etwas anderes auf der Tonspur gehört hat, möge sich in den Kommentaren melden oder schweigend an einem Pfannkuchen nagen. Balushahi sehen superlecker  aus (Google-Bildersuche: einer der Vorzüge des Recap-Schreibens) und finden sich sowohl in Pakistan als auch in Indien, Bangladesch und Nepal. Das traditionelle Dessert wird zum Beispiel aus Maida, einem indischen Weizenmehl, geformt, in Butter frittiert und anschließend in Zuckersirup getaucht. Die Kreis-Metapher hinsichtlich des Homeland-Titels und der Handlung bietet sich an. Gleichzeitig verweist Boyds Beschreibung der Speise als "halfway to a Donut" aber auch auf die Außensicht auf eine Kultur und Nation, deren widersprüchliche innere Abläufe zumindest den Homeland-Amerikanern ein Geheimnis bleiben. Was sie vom Abbeißen nicht abhält.

Zitat der Folge: "Escape or die - I promise."

Recap: Wir schauen Homeland - 4. Staffel, Folge 7 
Recap: Wir schauen Homeland - 4. Staffel, Folge 6
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