#verafake - Mehr als eine Ohrfeige fürs Privatfernsehen?

21.05.2016 - 08:50 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
Die Fake-KandidatenZDF/RTL
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Auf den #verafake-Stunt des Neo Magazin Royale reagierte RTL aufreizend gelassen. RTL könnte tatsächlich sauber aus der Nummer rauskommen. Es könnte aber auch richtig dicke kommen für die Privatsender und ihr Lieblingsformat Scripted Reality. Vor allem, wenn Jan Böhmermann nicht locker lässt.

Wo war eigentlich Captain Obvious? Der schwingt doch normalerweise immer dann erhaben durchs Neo Magazin Royale-Studio, wenn offensichtliche Tatsachen erörtert werden. Zum Beispiel: "Dass Bayern seine Grenzen nach der ersten Flüchtlingswelle wieder kontrollieren möchte, wer hätte das bloß gedacht?“ Fanfare. Und dann: „Ich! Captain Obvious! Hätten Sie gewusst, dass Deutschland gar nicht so einwandererfreundlich ist, wie es immer tut?“ Und wer hätte nun gedacht, dass RTL die bemitleidenswerten Kandidaten  seiner sonntagnachmittäglichen Schnulz-und Schnabulier-Sendungen mies bezahlt und deren geistige Eingeschränktheit zu Show-Zwecken ausnutzt? Fanfare und so weiter. Nein, hätte wir gar nicht gedacht.

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Natürlich wussten wir das alle, und Captain Obvious sehr wahrscheinlich auch. Die Frage, die sich daraus ergibt: Schmälert unser Wissen über die Misstände die Tragweite des #verafake oder eben nicht? Dagegen spricht, dass sich viele unangenehme Wahrheiten unter einer sehr dünnen Decke des Wegguckens und Weghörens grummeln, bis ein Diskurs-Kompass wie Jan Böhmermann daherkommt und diese sprunghafte Masse deutscher Ausdiskutier-Kultur auf jene Misstände richtet. Und dann wird die Sache ausdiskutiert und alles ändert sich oder es bleibt, wie es ist. Wahrscheinlicher ist in diesem Fall sogar das Zweite. Der Majestätsbeleidigungs-Paragraph verschwindet, Scripted Reality und eklige Privatsender-Machenschaften wohl eher nicht. Die gibt es solange es Privatsender gibt.

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Gut, die Reichweite des Verafake war enorm. Wer den nicht mitbekommen hat, der schaut sowieso nicht fern und kann mit diesem Internetdingens auch nicht viel anfangen. Der #verfake-Beitrag ist ein exzellentes Beispiel für gut gemachten Hero-Content, also kreative, leicht konsumierbare Inhalte mit politischer, ideologischer oder satirischer Wucht, die sich durch aufgescheuchtes Teilen in der Internetbevölkerung rasend schnell verbreiten. In erster Linie muss Hero-Content unterhaltsam sein. Die unzähligen viralen Videos aus dem Neo Magazin-Œuvre sind das in der Regel und oft weisen sie überdies einen hohen Aufklärungsgehalt auf. Der Verafake war informativ, spektakulär und unterhaltsam. Gesehen hat ihn fast jeder, ergo darf kaum jemand vorgeben, nicht zu wissen, was hinter der rotgelbblauen Fassade so abgeht. Die formbare Masse "Unterhaltungs-Fernsehen" kann nicht mehr leisten als in den Händen Jan Böhmermanns – vor allem im Kampf gegen die verkommenen Sitten des eigenen Mediums. Aber der Verafake war letztlich doch eher ein Feuerwerk als eine Bombe, eher für den Moment schön anzusehen als wirklich effektiv, oder?

Der Social Media-Nachhall war jedenfalls uniform positiv, aber auch fast immer in so einem Geile-Aktion-Alter-Ton formuliert. Feuilleton-Schulterklopfen für den, der sich aus der Asche seines verbrannten Meinungsmacher-Federkleides erhebt. Amerikanische Blätter nennen sowas wie den Verafake bewundernd einen "Stunt". So klingt dieser Chor aus Respektsbekundungen wie der hochachtungsvolle Jubelsturm nach der Ohrfeige, die ein dünner blasser Junge dem verhassten und gleichsam gefürchteten Schulhof-Rüpel verpasst hat. Der rennt anschließend vielleicht flennend nach Hause, hat am nächsten Morgen aber immer noch eine Scheißwut im Bauch, die schwersten Fäuste der Schule, bleibt der Arsch, der er schon immer war und verprügelt bald wieder die Kleinen und Schwachen. Denn, was soll man schon machen.

Um bei dem Bild zu bleiben: Das Schulhof-Publikum hat zuvor jahrelang dabei zugesehen, wie der fiese gewissenlose Typ vor aller Augen, also auf den besten Sendeplätzen, auf seine am Boden liegenden Opfer eintritt. Wenn ich selber nicht der Verprügelte bin, dann ist das eben ganz unterhaltsam. Wer sich nicht an Demütigungen weiden kann oder will, ohne sich anschließend stundenlang unter die Dusche zu stellen, der geht weiter oder sieht weg. Die zweite Gruppe ist größer, die erste, im Falle von Schwiegertochter gesucht, aber immerhin 3 Millionen Zuschauer stark. Vor drei Jahren schon hat die Streberin Anja Reschke den Rüpel RTL bei der Schulleitung angeschwärzt. Aber auf Panorama hat seinerzeit niemand gehört und auf die kleinen Blogger-Petzen (Fernsehkritik-TV ) auch nicht.

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