It’s A Matt, Matt, Matt, Matt World

The Leftovers - Wir schauen Staffel 3, Folge 5

The Leftovers: Christopher Eccleston als Matt Jamison
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The Leftovers: Christopher Eccleston als Matt Jamison
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Es ist eine starke Leistung, dass diese Episode von The Leftovers am Ende nicht nur wie ein makaberer Witz dasteht. In It’s a Matt, Matt, Matt, Matt World trifft Pfarrer Matt Jamison zusammen mit seinen drei ungleichen Aposteln Laurie, John und Michael Murphy auf eine Orgie, einen inbrünstigen Löwen und später auf Gott höchstpersönlich. Zumindest behauptet der Mann, Gott zu sein. Und den nackten Franzosen, der eine Atombombe zündet, habe ich noch gar nicht erwähnt.

Es ist eine der wildesten Folge einer Serie, die für ihre Experimentierfreudigkeit bekannt ist. Dass dies alles in einer Folge ohne die Hauptfiguren und wirklichen Drang nicht nur funktioniert, sondern tatsächlich auch emotional mitreißt, verdankt The Leftovers der Charakterarbeit in den vergangenen zwei Staffeln. Erst mit der 3. Folge Two Helicopters And A Boat konnte die Serie nach zwei Episoden, die die Welt drei Jahre nach dem Plötzlichen Verschwinden greifbar machten, wirklich überzeugen und Fahrt aufnehmen. Darin folgten wir Pfarrer Matt Jamison auf seiner Suche nach Antworten für seine Leiden und seinem Kampf gegen die vernommene Sinnlosigkeit des Lebens, verkörpert durch die Guilty Remnant. Eine Staffel später fokussierte sich die Serie erneut auf seinen Kampf mit sich selbst, Gerechtigkeit und einem Leben in Frieden mit seiner Frau und Familie, das er sich so sehr erhofft.

Zu Beginn der neuen Staffel hat er all seine Ziele erreicht. Seine Frau ist aus dem Koma erwacht, zusammen ziehen sie einen Sohn groß und seine Kirche bekommt größeren Zulauf als je zuvor. Doch wie alles in The Leftovers ist auch dieser Zustand nicht für die Ewigkeit gemacht. Tief in Matt nagen Zweifel an ihm. Also begab er sich in die Hände Gottes, das komplett Gegenteil der Reaktion seiner Schwester Nora (Carrie Coon). Die Geschwister sind die zwei Seiten einer Medaille. Während Nora versucht, alle Lügen aus der Welt zu schaffen und die Wahrheit herauszufinden, versinkt Matt tiefer im Glauben. Er muss einfach an etwas Höheres glauben, an eine Macht, die ihn leitet und die seinem Leiden einen Sinn gibt. So sehr sogar, dass er sein eigenes Evangelium über einen schwerkranken Mann verfasst und ihn nur noch weiter in die Tiefe stürzt. Oder steckt doch mehr dahinter? Dazu später mehr.

Zunächst wird die Frage um die Explosion aufgeklärt. Wer den Trailer zur letzten Staffel etwas aufmerksamer analysierte, wird von den Aufnahmen auf einem U-Boot verwirrt gewesen sein. Die Serie, die den Auftakt der 2. Staffel in prähistorischen Zeiten ansetzte, scheut nicht vor wilden Cold Opens zurück. Aber ein U-Boot? In der Tat scheint sich ein Fanatiker unter die französische Marine geschlichen zu haben, der nun die Sicherheitsschlüssel stiehlt und splitternackt eine Atombombe zündet. Niemand stirbt, die Bombe explodiert irgendwo im Pazifik auf einer unbewohnten Insel. Doch die globalen Auswirkungen sind wieder auf der individuellen Ebene zu spüren und hier blüht The Leftovers auf. Ebenso wie beim Plötzlichen Verschwinden ist es viel interessanter zu hinterfragen, wie ein Individuum mit der Situation umgehen würde, als zum Beispiel das deutsche Kanzleramt. Die Serie will Empathie erzeugen, und das geschieht nun mal nicht über die Reaktionen von Institutionen, sondern denen echter Menschen. Selbst, wenn man die Ereignisse nicht durchleidet oder einen ähnlichen Vorfall erlebte, kann das (in der 1. Staffel noch buchstäbliche) Wandgemälde aus Leid Anlass zur Identifikation bieten. Dazu mehr im großartigenInterview mit Damon Lindelof von Matt Zoller Seitz.

Matt lässt sich jedoch nicht von den Auswirkungen kleinkriegen. Wie in den anderen Folgen zuvor kämpft er erbittert darum, seinen Willen durchzusetzen. "Sure, the world might be mad, but it’s still Matt’s world". Der eigensinnige Pfarrer überzeugt ein Mitglied seiner Gemeinde dazu, ihn sowie Michael und John nach Australien auf einer der Hilfsmissionen mitzunehmen, weil weltweit sämtliche Flüge gestrichen wurden. Laurie kommt ebenfalls mit, entgegen Matts ausdrücklichem Wunsch. Die Gruppe muss in Tasmanien zwischenlanden, Melbourne ist dicht. Als Notlösung dient eine Fähre, die jedoch an diesem Tag von Fans des Sex-Löwens Frasier (Yep, er ist echt) gechartert wurde. Matt kann die Anführerin überzeugen, dass die Jünger Kevins auf die Fähre gelassen werden, obwohl dort eine große Orgie gefeiert werden soll. Bereits in den vergangenen beiden POV-Folgen mit Matt wurden ihm heidnische, chaotische Widersacher gegenübergestellt. Es handelt sich in gewisser Weise schon um einen Aufguss, aber was für einen!

Am interessantesten in der Figurenkonstellation, bevor sich die Folge dem großen Finale widmet, ist, wie sehr die Murphys in dieser finalen Staffel auf das Abstellgleis geschoben wurden. Selbstverständlich ist dies der reduzierten Episodenanzahl zuzuschreiben, doch dass selbst John, der eine dramatische Veränderung zwischen den Staffeln vollzogen hat, in dieser Folge zur Nebenfigur der Nebenfigur Matt Jamison wird, überrascht zunächst. Doch Evies Tod hat John so aus der Bahn geworfen, dass er wie Matt Führung braucht. Die erhält er in Form seiner neuen Frau, der er sich völlig unterwürfig zeigt; so sehr sogar, dass sie ihm buchstäblich den Tag lang ins Ohr flüstert, was er zu sagen und zu tun hat. Michael hingegen ist bereits in der 2. Staffel untergegangen und kann jetzt in den finalen Folgen nur noch als Anhängsel agieren.

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