Wie ist der Tatort heute?

Tatort: Das Muli - Herzschlagfinale im Milliardengrab

22.03.2015 - 20:00 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
7
4
Tatort: Das Muli
© rbb/ARD
Tatort: Das Muli
Er ist so richtig dicke mit den Drogenschmugglern, sie stellt ihre Familie auf eine Zerreißprobe. "Alles außer Harmonie" lautet de Devise beim neuen Berliner Tatort-Team um Mark Waschke und Meret Becker.

Da sind sie, die Neuen aus dem Hauptstadt-Tatort . Eine Kommissarin, die mit Kollegen fremdgeht und vom Ehemann nach einer durchgefeierten Nacht ein "du stinkst!" an den Kopf geworfen bekommt. Ein allzu pragmatischer Drogenfahnder, dessen Partner unter ungeklärten Umständen starb und der mit den Gangstern der Stadt per du verkehrt. Dagegen wirkt die Kombination von bindungsscheuem Womanizer und schüchternem Familienmensch der Marke Dominic Raacke und Boris Aljinovic regelrecht altbacken in ihrer überraschungsfreien Dynamik. Das, was den jüngeren Berliner Tatorten selten bis nie gelang, war jedoch weniger in den Charakteren als ihrer Umgebung zu missen. Mit Berlin selbst kämpften die Krimis nämlich nur selten. In den meisten Fällen schien die Kapitulation irgendwo zwischen dem Drehbuchentwurf und der Suche nach Archivbildern des Fernsehturms stattgefunden zu haben.

Nun also Tatort: Das Muli. Hauptfigur Nina Rubin (Meret Becker) wird in einem dieser typisch ranzigen Berliner Hedonistenclubs eingeführt, der ihr viel näher liegt als die hübsche Altbauwohnung ihrer Familie. Eine Ansage soll das sein ebenso wie der scheinbar anonyme Sex, den sie in einer Seitengasse sucht. Nur schwächelt der Krimi, wenn er solche effektheischenden Ausrufeszenen mit seriösem Drama zu kontern versucht.

Tatort: Das Muli

Immer wenn sich die Kamera zum zerrütteten Familienleben Rubins verirrt, wenn Papa auszieht und Sohnemann sie Hure nennt, verliert sich der eigentlich sehenswerte Tatort in einer totgelaufenen Krimi-Trope, der das Drehbuch von Stefan Kolditz (Unsere Mütter, Unsere Väter) wenig abgewinnen kann. So oder so ähnlich haben wir das alles schon gesehen, zuletzt im Dortmunder Tatort und Magdeburger Polizeiruf. Das ist einer der Gründe, warum Mark Waschkes Robert Karow, Neuling in der Mordkommission, jedes Mal fehlt, sobald er ins Off verschwindet. Karows Hintergrund, obschon bis an die Grenzen der Krimibelastbarkeit angedeutet, bleibt vergleichsweise vage, seine Loyalitäten unscharf. Er sieht das große Ganze, sie menschelt, so steht es im Fall Tatort: Das Muli auf dem Papier; noch ein abgewetzter Krimi-Baustein, gerade hinsichtlich der Geschlechterrollen. Erst wenn Karow stichelt und manipuliert, Rubin drauf eingeht, nicht reinfällt, erschließt sich die Attraktivität des Krimi-Doppels Waschke und Becker.

Ihr erster Fall hält sie trotzdem erstmal auf Sicherheitsabstand, während sie dem brutalen Mord an einem jungen Mädchen nachgehen. Parallel wird die Ausreißerstory einer Zeugin erzählt, bis sich alle Parteien auf dem Flughafen Berlin Brandenburg zum Herzschlagfinale zusammenfinden. Damit gelingt dem Team um Regisseur Stephan Wagner (Mord in Eberswalde - Der Fall Hagedorn) einerseits ein netter Clou für die Aufmacher von morgen. Zum anderen reiht sich das Milliardengrab mit seinen verlassenen Landebahnen, S-Bahn-Schienen und Hotels ganz ausgezeichnet ins Berlin ein, durch das Rubin und Karow und die Mulis und die Drogenschmuggler hetzen. Sie alle gehören hierher: Die Polizistin mit ihrem nächtlichen Doppelleben, der Kollege und seine undurchsichtige Vergangenheit, die verlorengegangenen Mädchen mit dem Vermögen im Bauch, die rücksichtslosen Gangster mit ihren niedlichen Kindern und veganen Freundinnen. Nicht von ungefähr huschen sie in den Bildern von Kameramann Thomas Benesch vielfach als tiefschwarze Schemen durch die Stadt. Mit Berlin kämpfen, kann heißen, es nicht festlegen zu können. Stehen die beiden Ermittler schließlich vor dem verrottenden T. rex im Spreepark und die Mundwinkel zucken, darf das auch als Ansage gelesen werden.

Mord des Sonntags: Ausgeweidet in der Badewanne. Wohl eine der brutalsten Todesarten der jüngeren Tatort-Geschichte.

Zitat des Sonntags: "Wenn man einen Mörder überführt, hat man den Fall abgeschlossen. Mit 'ner Droge schließt du nie etwas ab. Man ist nicht Sisyphos. Man hat nicht einen Stein, man hat Hunderte."

Wie hat euch der erste Fall des neuen Berliner Teams gefallen?

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle findest du einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt. Du kannst ihn dir mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.

Externe Inhalte zulassenMehr dazu in unserer Datenschutzerklärung


Das könnte dich auch interessieren

Angebote zum Thema

Kommentare

Aktuelle News