Community

Sitcom-Lacher - Die erstaunliche Geschichte des Laugh Tracks

Laugh-Track-unterstützt: The Big Bang Theory
© CBS
Laugh-Track-unterstützt: The Big Bang Theory
16.09.2016 - 08:50 UhrVor 4 Jahren aktualisiert
36
21
Eine der seltsamsten Errungenschaften des Fernsehzeitalters ist wohl der Laugh Track. Wir widmen uns den Ursprüngen, der Technik und dem Sinn und Zweck dieser ganz speziellen akustischen Serienbegleitung.

Wer an Sitcoms denkt, denkt wohl zuallererst an deren Laugh Track. Dabei ist diese einst fast schon obligatorische Lachbegleitung mittlerweile alles andere als selbstverständlich, egal, ob sie mehrheitlich von einem Live-Publikum stammt oder komplett aus der Konserve kommt. Und doch wollen immer noch zahlreiche Sitcoms wie The Big Bang Theory nicht auf ihn verzichten. Warum nur?

Die Geburt des künstlichen Lachens

Schon vor dem Siegeszug des Fernsehens warteten Comedy-Sendungen im Radio mit lachendem Publikum auf und überließen die Zuhörer daheim nicht ihrer eigenen Entscheidung, ob das Gehörte lustig genug zum Lachen war. In diesen Anfangszeiten des Rundfunks sollten sowohl Radio- als auch Fernsehsendungen dem Live-Erlebnis von Theatervorführungen möglichst nahekommen, wobei die nach dem Zweiten Weltkrieg beginnende Aufzeichnung der Sendungen vor ihrer Ausstrahlung einen entscheidenden Vorteil bot: Fehl-Lachen konnte korrigiert werden. Dem Problem, dass das Publikum im Studio nicht immer wie gewünscht lachte, begegneten Toningenieure zuerst bei Bing Crosbys Radio-Show durch die Kombination der Reaktionen  verschiedener Folgen. Das brachte zwar eine gewisse Flexibilität, wahre Kontrolle über das Lachen ermöglichte aber erst die Erfindung der sogenannten Laff Box durch den Toningenieur Charles Douglass.

Die mysteriöse Laff Box

Mittels Schreibmaschinen-ähnlicher Tasten und eines Pedals konnte Douglass aus seiner Laff Box zahlreiche unterschiedliche Lacher erklingen lassen, die er zuvor auf Magnetband aufgenommen hatte. Sie waren kategorisiert nach Geschlecht, Alter sowie Stil des Lachens und konnten in ihrer Lautstärke und Länge je nach Bedarf variiert werden. Dazu gesellten sich auch andere Publikumsreaktionen wie Pfiffe, Applaus oder überraschte Ausrufe.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle findest du einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt. Du kannst ihn dir mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.

Twitter Inhalte zulassenMehr dazu in unserer Datenschutzerklärung


Zunächst stammten die Lacher aus dem Archiv von CBS , später vom Publikum wortloser Comedy-Darbietungen wie denen des Pantomimen Marcel Marceau. Generell war Charles Douglass auch immer auf der Jagd nach neuen Lachern, durch die er ältere ersetzte, bis er diese Jahre später wieder hervorholte, wenn die Zuschauer sich nicht mehr an ihren Klang erinnern konnten. Kenner der Materie  meinen deswegen gar, das Produktionsjahr einer Sitcom einzig aus der Zusammensetzung ihres Laugh Tracks ermitteln zu können.

Geschnitten oder am Stück?

Die Laff Box erlaubte es dabei nicht nur, echte Zuschauer-Reaktionen zu unterstützen (sweetening genannt), etwa, weil das Publikum nicht an den richtigen Stellen lachte, durch Schnitte Lach-Anschlussfehler entstanden oder die Lachmuskeln der Zuschauer nach dem x-ten Take einer Szene schlicht ermüdet waren. Auch gänzlich ohne Publikum aufgenommene Sitcoms konnten mit Lachern versehen werden. Ihren ersten Einsatz hatte die Laff Box dann auch 1950 in der Hank McCune Show, die ohne Live-Publikum auskam.

Wie zu erwarten, kam es bei der Frage der Dosierung  rasch zu Konflikten: Während viele Sender-Verantwortliche die Lacher gerne mit der Schöpfkelle über ihre Sitcoms gekippt sahen, wollte Charles Douglass sie lieber mit dem Salzstreuer abschmecken. Auch zahlreiche Serien-Macher wehrten sich vergeblich dagegen, dass ihre Sitcoms einen Laugh Track bekamen. Mehr als zwanzig Jahre lang hatte Douglass fast ein Monopol auf künstliche Lacher, wobei in dieser Zeit die meisten Comedy-Serien ohne Zuschauer gefilmt wurden, und somit komplett mit Dosenlachen unterlegt wurden. Über seine Erfindung und seine Arbeit legte Douglass den Mantel der Verschwiegenheit, erst Jahrzehnte später erblickte die Laff Box das Licht der Öffentlichkeit .

Nicht totzulachen

Als ab den 70ern immer mehr Sitcoms vor Publikum aufgezeichnet wurden, brachte dieses die Lacher zwar mit, trotzdem wurden dessen Reaktionen fast immer künstlich unterstützt. Mit Beginn der 2000er-Jahre kamen dann verstärkt Comedy-Serien ins Fernsehen, die weder ein Live-Publikum noch künstliche Lacher hatten, trotzdem ist der Laugh Track bei weitem nicht ausgestorben, wie gerade extrem erfolgreiche Sitcoms wie The Big Bang Theory beweisen. Deren Schöpfer Chuck Lorre schwört allerdings Stein und Bein , in keiner seiner Comedy-Serien jemals Dosenlachen verwendet zu haben.

Allerdings gibt es auch andere Tricks, um die gewünschten Zuschauer-Reaktionen zu erhalten. Eine große Rolle spielt die richtige Publikums-Zusammensetzung : Bei Eine schrecklich nette Familie saßen stets viele Soldaten im Studio, deren Humor-Geschmack den raueren Gags der Serie entsprach, bei der Trennungs-Sitcom Mein lieber John wurde das Publikum mit Singles bestückt usw. Daneben kann die Zuschauer-Tonspur auch nur dann im Mix hochgefahren werden, wenn gelacht wird, was einerseits danach klingt, dass das Publikum einfach nicht an sich halten kann vor Begeisterung, andererseits aber nicht besonders natürlich wirkt. Auch heutzutage sind in der US-Fernsehindustrie für all diese Manipulationen des Laugh Tracks nur eine Handvoll Toningenieure verantwortlich, die wie einst Douglass gern im Verborgenen wirken.

Was sagt die Fachwelt?

Aber was bewirkt ein solcher Laugh Track nun genau? Da gibt es die naheliegende These , dass sich der Zuschauer im heimischen Wohnzimmer nicht so allein fühlt, wenn er andere lachen hört, und sich als Teil eines großen Publikums begreift. Eine Erklärung, warum eine solche Reaktions-Tonspur nur bei Sitcoms eingesetzt wird und nicht bei Seifenopern oder Krimiserien, liefert folgende Vermutung: Der Laugh Track wirkt als Hinweis darauf, dass es in Ordnung ist, über die Missgeschicke der Serien-Protagonisten zu lachen, was im Alltag ja weniger erwünscht wäre. Bei anderen Genres fallen die erwünschte und tatsächliche Reaktion hingegen auch ohne akustische Hinweise eher zusammen.

Experimentelle Ergebnisse zeigen jedoch keine eindeutige Tendenz, ob mit Laugh Track tatsächlich mehr gelacht wird: Bei einer gern zitierten Studie von 1974  konnten durch eingespieltes Lachen positivere Reaktionen auf eigentlich unlustige Anekdoten hervorgerufen werden, ein jüngerer Vergleich  der Gehirnaktivität beim Anschauen von Sequenzen der Simpsons und Seinfeld fand dagegen keine signifikanten Unterschiede. Das legt wiederum nahe, dass ein Laugh Track vor allem bei wenig gelungenen Gags seine volle Wirkung entfaltet. Welche Rückschlüsse das wiederum auf die heutigen Sitcoms mit Laugh Track zulässt, die hohe Einschaltquoten vorweisen können, möge jeder ganz ungezwungen selbst entscheiden.

Was haltet ihr von Sitcoms mit Laugh Tracks?

Das könnte dich auch interessieren

Angebote zum Thema

Kommentare

Aktuelle News