RTLplus - Haben wir nicht schon genug Fernsehen?

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Surfer Rosa Hendrik Busch
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Redakteur bei Moviepilot. Glaubt, dass Netflix sich irgendwann noch durchsetzen wird und schreibt deshalb hauptsächlich über VOD und Streaming. Schöner als Sport sind nur Filme darüber.

Der vergangene Unwettermittwoch, 17:22 Uhr: ProSieben ist auf der Nummer 7 der Fernbedienung, es zeigt einen Wasserrutschen-Test bei taff, was sonst?; auf der Nr. 1 Das Erste, Brisant, auch Wasser, aber nicht witzig, da hoch und mitten in Salzgitter; auf der 12, nicht auf der sechs, wie es die ProSieben/Sat. 1-Gruppe wohl gerne hätte, Sixx und eine Wiederholung von Ghost Whisperer, bzw. die Werbung darum und ein Trailer mit Menschen und Tattoos; bei RTL Nitro (Nr. 13) Miami Vice, komische Synchronisation in diesen alten Serien und gewaltsam gestreckt von 4:3 auf 16:9; bei Sat. 1 Gold Mord ist ihr Hobby und Die Rettungsflieger bei ZDFneo; nichts mit Hitler bei N24, langweilig; bei ZDFkultur die Familienserie Jede Menge Leben, eine deutsche Soap, die im ZDF von 1995 bis 1996 fast 400 Episoden anhäufte und jetzt, warum auch immer, nachmittags wiederholt wird; aber wenigstens Hitler bei ZDFInfo und bei Tagesschau 24 (nicht auf der Nr. 24) läuft Fußball. Schluss, ihr seht zu viel fern, Kinder!

Der Sender für Zuschauer mit erhöhter Sehdauer

Es war eine andere Zeit für das Fernsehen, 1997, Bärbel Schäfer talkte, Big Brother gab es noch nicht und Günther Jauch hätte nicht gedacht, dass er irgendwann mal 1250 Ausgaben einer Quizshow moderiert haben wird. Aber in diesem an behäbiger Buntheit abnehmenden letzten Drittel der 1990er-Jahre zappte sich der mittlerweile verstorbene Schriftsteller Walter Kempowski 19 Stunden am Stück durch die 37 in seinem Empfangsgerät eingespeicherten Kanäle, transkribierte, was er hörte und machte ein Buch daraus. Bloomsday 97 heißt das Werk, in Anspielung auf den Ulysses von James Joyce. Die Frauen über 45 (Lebensjahre), die RTL sich als Zielpublikum für seinen neuen Spartensender RTLplus fantasiert, sehen lediglich 298 Minuten täglich fern, aber immerhin. Damit gehören sie zu den Zuschauern mit einer erhöhten Sehdauer (Wer jetzt schon seinen täglichen Netflix-and-chill-Bedarf nachrechnet: Das sind ungefähr 6,6 The Walking Dead-Episoden). RTL denkt, diese Frauen könnten noch ein bisschen mehr fernsehen - was, das ist egal, Hauptsache Programm, unendlich viel Programm.

Der gute Benjamin von Stuckrad-Barre führte anlässlich der Veröffentlichung von Bloomsday 97, die es irgendwann viel später tatsächlich gegeben hat, ein Telefon-Interview mit Kempowski, das beide simultan zappend verbrachten. „Absurderweise“, fragt B. v. St.-B., „wird ja im Fernsehen – trotz visueller Darstellung – viel mehr gequatscht als im Radio. – „Ja Ja, ununterbrochen wird da gesprochen. 365 Tage im Jahr auf 78 Kanälen, ist das nicht ungeheuerlich?“

Kill it, before it lays eggs!

„Ist es.“, befindet B. v. St.-B, viel zu viele Sender, viel zu viel Fernsehen, viel zu viel Unterhaltung. Und knapp eineinhalb Jahrzehnte später kontert Christian Nienaber mit dieser, ja, Kampfansage: "TV isn't dying, it's having babies", sagt er, der verantwortlich ist für die digitale Entwicklung bei RTL II, der mit RTL II you (ja, Du!) ebenfalls ein neues, jedoch lediglich digital einsehbares Angebot zur Verfügung stellt, für die Jungen, selbstredend. Zitat: "Wir bauen hier Next-Generation-TV!" Damit ficht er jene an, die das klassische Fernsehen schon jetzt als Verlierer im unvermeidbaren Wettstreit mit Streaming-Diensten ausgemacht haben. Recht hat er ja. In der Breite wächst das Fernsehen. Was in der Spitze bei den Einschaltquoten verloren geht, wird durch ein plattes, ausgewalztes immer weiteres Programm wettgemacht. Und es wird dabei wiederholt, was das Zeug hält. Aber was sollen wir denn mit dem ganzen Fernsehen anfangen? Die Wiederholung wird zur Entlagerung des eigentlich längst entsorgten TV-Mülls, der noch irgendwo in den feuchten Sender-Kellern vor sich hin gammelte.

RTLplus lässt ab heute solche Zombie-Sendungen wie Unsere erste gemeinsame Wohnung, Dr. Stefan Frank - Der Arzt, dem die Frauen vertrauen und Hinter Gittern - Der Frauenknast durch sein Vollprogramm torkeln. Die Ableger von ARD und ZDF machen das genauso mit alten Knüllern wie Disco und Die Hitparade. Letzte Woche früh morgens zeigte ProSieben das Staffelfinale von Two and a Half Men und mit der nächsten direkt im Anschluss ausgestrahlten TaHM-Episode ging es direkt wieder von vorne los. Wie bei dieser Futurama-Episode The Late Philip J. Fry. Das Universum verschwindet dort am Ende der Zeit und beginnt dann wieder von vorne, als wäre nichts gewesen. Dergleichen beigewohnt zu haben, ist eine aufwühlende Erfahrung. Mit The Big Bang Theory passiert so ein Loop bei ProSieben wahrscheinlich einmal die Woche. Gerade wenn die Dinge endlos wiederholt und ausgeleiert und ausgelutscht und ausgeschlachtet werden, büßen sie ihr Wesen und ihre Geschichte ein, schreibt Don DeLillo. Aber genau das tut das Fernsehen, dieses sich träge um sich selbst drehende Archiv des eigenen Stumpfsinns.

Jede Fernsehsendung verdient einen ehrenvollen Tod

Im Fernsehen des Jahres 2016 könnten, rein theoretisch, die Wiederholungen von Das Literarische Quartett parallel zur Neuauflage der Show mit Christine Westermann
laufen, und ich frage mich, wie oft Marcel Reich-Ranicki wohl in seinem Grab rotieren würde, erführe er, er ist Teil dieser nie verebbenden Endlosschleife, dieses Wirbelsturms des Nonsens. Das neue Literarische Quartett fände er wohl noch ganz ok, wahrscheinlich auch das Zeug bei Arte. Aber was mag er wohl davon halten, dass RTLplus demnächst zu Recht vergessene Shows wie Das Glücksrad von den Toten zurückholt und sowas wie Das Strafgericht wiederholt, was ein wenig so klingt, als würde man Dosenerbsensuppe, und nicht die gute von Knorr, essen, erbrechen, aufwärmen, wieder kalt werden lassen und dann noch mal essen. Manche Dinge (Klopapier zum Beispiel) sind halt nur zur Einmalverwertung bestimmt. Das widerspricht zwar unseren zeitgenössischen ökologischen Grundsätzen, ist in diesem Fall aber wirklich für alle besser so. Jede Fernsehsendung hat das Recht auf einen ehrenvollen Tod.

Oder bin ich jetzt ungerecht, schreibe hier von meinem hohen strammen Netflix-Ross runter auf die, die noch traditionell fernsehen? Die sich für ein paar Stunden von bunten Popkulturfragmenten berieseln lassen und dabei bestenfalls einem Remix aus fast vierzig Jahren Fernsehgeschichte begegnen. Haben wir die erlösende Ziellosigkeit des nachmittäglichen Zappens vergessen? Die Wonne, ganz ungezwungen alle fünfzehn Sekunden den Kanal zu wechseln, wie Kempowski es hielt, was ja auch das romantische Versprechen der Entdeckung birgt, das spontane Glück, zum Beispiel einen Horrorfilm anstelle von Coco - Der neugierige Affe um sechs Uhr morgens an einem Sonntag zu sehen. Zappen ist TV-Russisch Roulette und Netflix da viel berechenbarer und ökonomischer, ja langweiliger. Bald ist wieder Fußball und das Zappen im Gegensatz zu all dem Public Viewing, das da am Horizont dräut, ja eine eher einsame Angelegenheit, was zum Runterkommen halt und für sich selbst sein. Vielleicht meint es RTL auch einfach gut mit uns. Nur frisches, originelles Fernsehen wäre auf Dauer ja langweilig.

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Redakteur bei Moviepilot. Glaubt, dass Netflix sich irgendwann noch durchsetzen wird und schreibt deshalb hauptsächlich über VOD und Streaming. Schöner als Sport sind nur Filme darüber.
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