Zum Jubiläum des Anime-Klassikers

Revolutionary Girl Utena wird 20 - Wie Sailor Moon im Märchenland

Utena DVD Cover
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moviepilot Team
Thunderdrome Sebastian Wienecke
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Ein junges Mädchen, ein tragischer Verlust, ein edler Prinz, ein Ring, ein Versprechen. Mit dieser Einführung wird unweigerlich ein genaues Bild zum weiteren Verlauf der Geschichte von Revolutionary Girl Utena aufgebaut, das durch jahrelange Erfahrung mit Märchen-, Film- oder Buchklischees informiert wird: ein schicksalhaftes Wiedersehen, eine erneute Rettung und Glück bis an ihr Lebensende, aber der Kult-Anime wechselt bereits den Kurs, noch bevor wir bei der eigentlichen Serie angekommen ist. Statt auf ihren stattlichen Retter zu warten, beschließt die junge Frau, selbst die Rolle eines edlen Prinzen zu übernehmen, sich für andere einzusetzen und gegen Ungerechtigkeit anzukämpfen. Bei all den Schichten in Kunihiko Ikuharas Schaffen, all den verschiedenen Thematiken ist das unscheinbar wirkende Intro mit seiner Märchenbuch-Ästhetik und der Ablehnung von Konformität wohl immer noch die beste Kurzzusammenfassung, die man über Ikuharas Meisterwerk geben kann.

https://www.youtube.com/watch?v=scbWK1d5RUA

Von edlen Prinzen und edleren Prinzessinnen

Revolutionary Girl Utena wurde vor etwa 20 Jahren das erste Mal ausgestrahlt und war Ikuharas erstes eigenes Projekt, das eine ähnliche Geschichte wie der gleichzeitig veröffentliche Manga der Autorin Chiho Saitô auf eigene Weise umsetzte. Sie wäre auch Ikuharas bekannteste Serie, hätte er nicht vorher als Regisseur am Massenphänomen Sailor Moon gearbeitet. Ikuhara zeigte früh seine Vorliebe für Yuri, also Liebesgeschichten zwischen Frauen, mit der Einführung von Haruka und Michiru in der dritten Staffel, an der er stärker beteiligt war als noch zuvor. Sie sind bis heute eines der ikonischsten Liebespaare in Animes, von gleichgeschlechtlichen ganz zu schweigen. Daran ändern auch frühe Synchronisationen nichts, die sie stattdessen als Cousinen verkaufen wollten und so versehentlich die explizite Homosexualität durch implizite Inzest erweiterten. Spätere Projekte nahmen sich das scheinbar zu Herzen und verzichteten auf die Ambivalenz: Wo es Revolutionary Girl Utena als Serie noch bei Untertönen in Bezug auf ihre beiden Protagonistinnen Utena und Anthy beließ, endeten sie im Film Utena - The Movie zwei Jahre später in einer nackt umschlungenen Autofahrt durch die Apokalypse. Die neuere Serie Yuri Kuma Arashi trägt währenddessen ihr Genre stolz im Titel.

Dies birgt ein gewisses Risiko von Queerbaiting und aufdringlichem Fanservice in sich, aber Ikuhara wirkte immer interessierter an seinen Charakteren und ihren Beziehungen untereinander. Denn in ihrem Kern sind seine Serien charaktergetriebene Melodramen, die sich wahlweise um Schwertduelle, einen Terroranschlag oder ein Portal zu Bären in Magical Girl-Outfits drehen. Die Bindungen werden aus diversen Blickwinkeln betrachtet, oft basieren sie auf einseitiger Zuneigung, die als Mittel zur Kontrolle genutzt wird. Eine auf den ersten Blick mit Tropen geladene Liebe zwischen Geschwistern stellt sich als krankhafte und naive Besessenheit heraus, die einem ähnlichen, aber weitaus toxischeren Verhältnis gegenüber gestellt wird. Gleichgeschlechtliche Beziehungen werden oft sehr simpel und idealisiert dargestellt, um nicht wie andere negative Darstellungen zu wirken oder einen tragischen Tod tragischer erscheinen zu lassen. Die Beziehung zwischen Utena und Anthy liegt in einem starken Kontrast dazu. Von vornherein besteht ein fragwürdiges Machtverhältnis zwischen den beiden, das die Show als Teil ihrer weiteren Behandlung von Fragen gegenseitiger Einwilligung nie außer Acht lässt. Auch toxische Beziehungen werden thematisiert in Form einer Freundschaft, die durch ein Missverständnis und unerwiderte Gefühle in bösartige Manipulation übergeht.

Das Schloss im Himmel
Prunkvolle Schlösser, ein zweites Opening zur Einstimmung auf die Kampfszenen und die Kostüme als Mischung aus Schul- und Militäruniformen geben der Show einen einzigartigen und eindrucksvollen Look; vor allem in Kombination mit einem damals schon mehr aus der Mode gefallenen Zeichenstil und dem in jedem Frame verbauten Rosenmotiv. Da kann ich darüber hinweg sehen, dass der Aufbau der Ohtori Academy nicht im geringsten in sich schlüssig ist, eine Entscheidung, die gewollt erscheint.

Ein riesiger Wald hinter der Schule birgt einen Turm, der ihn um ein Vielfaches übersteigt. Beide Gebäude sind nie zu sehen, sofern nicht ein Charakter direkt vor ihnen steht. Das Schulgelände selbst existiert als Ansammlung zusammenhangloser Räumlichkeiten, und trotz des Schauplatzes an einer Akademie sehen wir ihre Studenten nie beim Unterricht, lediglich in der Zeit direkt davor oder danach.

Teile des Aufbaus werden später noch erklärt, aber selbst das lässt architektonische Unstimmigkeiten bestehen, die von den Charakteren ohne weiteres hingenommen werden. Die surreale, traumartige Struktur des Schulgeländes stimmt Zuschauer direkt auf die noch surrealere Geschichte ein, die gelegentlich völlig abstruse Wege einschlagen kann. (Zwischeneinlagen wie die "Curry-Episode" und eine Folge mit zentraler Kuh-Thematik machen Revolutionary Girl Utena gleichzeitig zu einem der besten Comedy-Animes.) Der unbesorgte Umgang mit einem klaren Raumverständnis erinnert an Dario Argentos Horrorklassiker Suspiria, ein zufällig wirkender Vergleich, hätte Ikuharas jüngste Serie Yuri Kuma nicht ganze Sets des Films kopiert.

Und die Moral von der Geschicht'
Revolutionary Girl Utena ist bekannt für seine Fülle an Symbolik, die auf einer oberflächlichen Ebene ebenso gut funktioniert, wie sie Material für seitenlange Essays bietet. So lassen sich wesentliche Charakterzüge der Figuren durch einfache Farblehre ableiten. Quasi als Gag werden während der zweiten Arc auf diverse wichtige visuelle Elemente wortwörtlich mit dem Finger gezeigt. Mein liebstes Element ist aber das Schattenspiel, kurze Fabeln mit einer leicht zu deutenden Moral. Im Zusammenhang mit den Folgen, in denen sie auftreten, bauen sie deren Kernthematik weiter aus. Diese kurzen Einlagen haben sogar ihre eigene Kontinuität und begleiten den Übergang zwischen Arcs mit einem eigenen Wechsel ihrer Bühne.

Die Serie Revolutionary Girl Utena und sein Film Utena - The Movie springen mühelos zwischen etlichen Genres hin und her, und bauen sich aus zahlreichen akustischen und visuellen Stilmitteln auf, die so seitdem nicht mehr aufgetreten sind. Die Show zeigt eine aufrichtige Liebe zu ihrer Welt und ihren Charakteren und denkt nicht einmal daran, sich für seine übermäßige Theatralik zu entschuldigen. Mit fünf Serien und dazugehörigen Filmen in etwa 25 Jahren ist Ikuharas Arbeit von der Masse her überschaubar und lässt oft mehrere Jahre zwischen zwei Werken verstreichen. Umso größer ist der Anlass zur Freude, wenn er sich für ein neues Märchen wieder in den Regiestuhl setzt.

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