Wie ist der Polizeiruf heute?

Polizeiruf 110: Kreise - Die Schönheit steckt im Klischee

Polizeiruf 110: Kreise
© ARD/BR
Polizeiruf 110: Kreise

Peter Brauer (Justus von Dohnányi), Ex-Mann einer Möbelmagnatin und Hauptverdächtiger im Fall ihrer Ermordung, ist ein Geschichtenerzähler. Das kommt Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) in Polizeiruf 110: Kreise eigentlich gelegen. Der übt sich dank der Inspiration des australischen Krimiautors Garry Disher gerade in einer "mäandernden" Verhörtechnik, bei der das "Wie" der Erzählung - eines Tathergangs z.B. - fast das "Was" hinsichtlich der Aussagekraft ablöst. So umtänzelt Brauer jede Frage mit einer ausführlichen Erzählung, etwa über seine erste Annäherung zu seiner späteren Ehefrau oder einen Film mit Gérard Depardieu, dessen Inhaltswiedergabe und besonders deren Auslassungen eine der Kernszenen von Christian Petzolds neuem TV-Krimi ausmacht. Der Kritiker Manny Farber schrieb nach einer New Yorker Aufführung von Ganz so schlimm ist er auch nicht (so der Titel des Depardieu-Streifens) 1975 über dessen "sanfte, frische Landschaften und Städte, gereinigt bis zur makellosesten Perfektion" als Teil eines "Film-Designs, das die Figuren innerhalb der Landschaften klein hält". Diese "steife Saftlosigkeit", so Farber in seiner Essay-Sammlung Negative Space, beschreibt Brauers intellektuelles Schreckensbild ganz gut: die langweiligen Klischeesituationen, die Harmoniewelten der Vorhersehbarkeit. Ob Brauer zu oft Tatort guckt?

Dass nun Brauer in Petzolds Drehbuch ausführlich über eben solche "Kreise" palavert, darf, ja muss als Einladung für die Untersuchung der Doppelbödigkeit dieses Polizeirufs gelesen werden. Immerhin üben sich auch die beiden Gesetzeshüter von Meuffels und Herrmann (Barbara Auer) darin, ihre eigenen Krimi-Dialoge zu kommentieren. "Wie Polizei-Akademie Hamburg, 3. Semester" oder "aus dem Internet heruntergeladen" klingen sie manches Mal in ihren eigenen Ohren. Und wie "Sonntag, 20:15 Uhr, Das Erste" in unseren. Das Spiel mit den Kreisen, dem dramaturgischen Loop der Krimi-Unterhaltung, führt in Petzolds Polizeiruf zu leicht irrealen Dopplungen, etwa wenn von Meuffels Herrmann seine Liebe zu Musicboxen gesteht, nur um dieses Gespräch in vertauschten Rollen mit Brauer noch einmal zu führen. Zwei Werfels gibt es, zwei Alfa Romeos, zwei Blondinen im blauen Mantel und dann natürlich die vielen kleinen Modelle, die Brauer überall im Film verteilt zu haben scheint, Miniatur-Szenen innerhalb der Szenen. Polizeiruf 110: Kreise ist durchaus ein Krimi über die Ermordung einer Frau und ihres Hundes und die Auflösung enttäuscht hinsichtlich des Einsatzes von Genre-Versatzstücken nicht. Wie bei Phoenix läuft das starke Finale gar Gefahr, den übrigen Film zu überschatten. Aber nur fast.

In seiner wahrhaft faszinierenden Verschachtelung regt Polizeiruf 110: Kreise zwar zur Meta-Detektivarbeit an: in Stücken von Brahms, Inhaltsangaben von Depardieu-Filmen, australischen Romanen, Dressed to Kill oder dem französischen Kriminalfilm der 70er Jahre. Anders als etwa beim tollen Tatort: Im Schmerz geboren von Florian Schwarz überwältigt die Konstruktion bzw. das Vergnügen, beim (De-)Konstruieren zuzuschauen, zu keinem Zeitpunkt die Figuren. Brauer, der Geschichtenerzähler, der die Kreise augenscheinlich so sehr hasst, mag vielleicht das wichtigste Double des Films sein, das eines allmächtigen Autors. Der versucht seine Kommissare, Leichen und Täter wie eigenhändig verzierte Figürchen nach Belieben anzuordnen, starr und gefangen in einer weiteren repressiven Kreiswelt. Aber Petzold wäre nicht Petzold, wenn er seinem schüchternen Helden und seiner Episoden-Bekanntschaft nicht intime Zufluchtsstätten öffnen würde: im Auto etwa oder beim heimlichen Rauchen, während Mozart durch die Wände dröhnt. Das persönliche Happy End bleibt von Meuffels und Herrmann verwehrt, aber so viel Perfektion wäre langweilig.

Mord des Sonntags: Eine Reminiszenz im Wald.

Zitat des Sonntags: "Die große Liebe ist etwas, das ich zur Zeit überhaupt nicht gebrauchen kann."

Was sagt ihr zu Christian Petzolds Polizeiruf-Einstand?


Moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.
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