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Mörderische Träume – zum Geburtstag von Wes Craven

Wes Craven am Set von Scream 4
© Universal
Wes Craven am Set von Scream 4
Moviepilot Team
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Meint es gut mit den Menschen.

Systematische Gegensätze bestimmen das Kino von Wes Craven. Und sie ziehen sich keineswegs an, schon gar nicht aber sieht ihr meist erzwungener Vermittlungsprozess einen Friedensschluss vor. So sehr Wes Craven an Menschen interessiert ist, vor allem auch an deren diffiziler innerer Unruhe, die sich erst im Konflikt mit dem (überwiegend) Phantastischen Ausdruck verschafft, so wenig ist er ein humanistischer Filmemacher. Nicht ohne weiteres lässt sich sein Kino herunter brechen auf eine etwa Kingsche Formel und deren Beschreibung des gewaltsam in private Idylle eingreifenden, abseitigen Schreckens. Zwar ist auch die familiäre Intimität bei Wes Craven immer einer Bedrohung ausgesetzt, die sich bevorzugt in der weißen amerikanischen Mittelklasse einrichtet (und damit Konstellationen von Vorzeigegesellschaften in Angst versetzt).

Doch kann der Horror atomar mutierter Wüstenkreaturen, durch Träume wandelnder Kindermörder oder auch inzestuöser Menschenfresser aus der Nachbarschaft bei Wes Craven nur zu bestimmten Bedingungen gedeihen: Stets trägt die problemgebeutelte Suburbia eine fatale Mit- oder gar Hauptschuld an jenem Grauen, das eben nur vermeintlich unerwartet über sie hereinbricht. Und immer lotet selbst noch die übernatürlichste Schauerlichkeit menschliche Abgründe dergestalt aus, dass sie überhaupt erst Voraussetzungen für all den Terror schaffen, mit dem Wes Craven uns in bislang 25 Kino- und Fernsehfilmen so wunderbar das Gruseln lehrte.

Vom College zum Schund
Gegensätze also. Wie wohl auch Craven selbst ebensolche gesucht haben mag, als er seine akademische Laufbahn Ende der 1960er Jahre schlagartig beendete, um im Filmgeschäft Fuß zu fassen. Vom geisteswissenschaftlichen Professor zum Regisseur einträglicher Pornospielfilme, das dürfte als Karrieremodell seiner streng baptistischen Erziehung größtmöglich widersprochen haben. Es braucht keine Küchenpsychologie, um diesen Schritt mindestens als ein Aufbegehren gegen jene Eltern zu deuten, die ihrem Sohn bis zu dessen 18. Geburtstag jegliche Form von Film und Fernsehen untersagten.

Vielleicht erklärt sich aus diesem Fehlen kinohistorischer Vorbildung (und erst recht entsprechenden Werkzeugs, das viele seiner damaligen Gefährten, auch Freund Sean S. Cunningham, vorbildlich an Filmhochschulen erlernten), warum nicht nur Cravens frühe Regiearbeiten so auffällig unprätentiös sind. Selbst im Kontext des formal eigentlich freien, aber natürlich auch profitorientierten New Hollywood wirken seine Filme derart ungestüm, dass er neben Tobe Hooper und George A. Romero gern als ein wesentlicher Wegbereiter des radikal-impulsiven Splatterfilms der 1970er genannt wird. Und dass er mit Darstellungen von Sex und Gewalt zwar gewisse Vorgaben des auf eine bestimmte Klientel zugeschnittenen Exploitation-Kinos einzuhalten verstand, aber dennoch als deren vielleicht intelligentester Exponent gilt.

Heteronormativer Barbarismus
In The Fireworks Woman, seinem heute einzigen als von ihm inszeniert identifizierbaren Hardcore-Film, tritt Wes Craven auch als Schauspieler auf. Mit Schlaghose und Blumengesteck tänzelt er durch die von der erotischen Sinnsuche einer unglücklich verliebten Frau bestimmte Szenerie, als ob er sich auch ganz sichtbar von früherer Strenge frei walzen wollte. Es ist ein unbeschreiblich schöner, überaus sinnlicher Film, in dem es auch bereits um die (hier vor allem noch emotionalen) Konflikte gegensätzlicher Gesellschaftsentwürfe geht, wie sie Craven später ins Phantastische überführen wird.

Während es Angela, die wegen christlich-religiöser Widerstände keine Beziehung mit ihrem Bruder eingehen darf, hier in eine Welt sexuell befreiter Lebenslust verschlägt, geraten in Das letzte Haus links zwei junge Frauen auf dem Weg zum Hippieglück an sadistische Landstreicher, die den Mädchen das Leben nehmen. Was zunächst als zeitgenössisch-reaktionäre Antwort des Autoritäten repräsentierenden Kinos auf ein Unbehagen gegenüber emanzipatorischer Jugend lesbar ist, nimmt in Cravens unmöglich brutalem ersten Meisterwerk eine perfide Wendung: Er lässt die Eltern zu einem Vergeltungsakt antreten, der in seiner Gewalt ernsthafte Zweifel am geistigen Wohlbefinden der Elterngeneration schürt. Konservative Ordnung siegt über die Nichtgesellschaft umherstreunender Mörder – aber zu welch barbarischem Preis.

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Ab 22. August im Kino!Good Boys