Marianne bei Netflix: Die Horrorserie ist eine schreckliche Enttäuschung

Die gruseligste Figur in Marianne
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Volontärin bei Moviepilot. Sozialisiert von Pippi Langstrumpf und 90er Jahre Anime. Immer auf der Suche nach packender, lustiger, schöner Filmmusik.

Achtung, Spoiler zu Marianne: Wer nach dem Trailer zur neuen Netflix-Serie Marianne einen wahren Horrorschocker erwartet, wie er mit Mireille Herbstmeyer als furchteinflößende "Marianne" beworben wird, der könnte ziemlich enttäuscht von der tatsächlichen Serie sein.

Denn Mireille Herbstmeyers Rolle - das absolute Highlight von Marianne - kommt nicht nur die ersten 3 Folgen zu kurz, sondern sie verschwindet ab der 4. Episode komplett. Und da die übrigen Figuren kaum greifbar oder vollkommen austauschbar sind, das Drehbuch große Schwächen aufweist und die Musik übertrieben manipulativ ist, bleibt nicht mehr viel übrig von der Horrorserie.

Der Eindruck von Marianne bei Netflix in Kürze

  • Die Hauptfigur ist unsympathisch.
  • Alle Nebenfiguren sind nur Mittel zum Zweck und vollkommen austauschbar.
  • Es gibt keine überraschende Wendungen.
  • Die Musik ist so aufdringlich, dass sie eher aus der Serie reißt, als dass sie einen einsaugt.
  • Die Freundschaft in der Serie ist unnatürlich aufgesetzt.

Marianne: Die Hauptfigur der Netflix-Serie ist nicht greifbar

Die Misere beginnt mit der sehr unsympathischen Hauptfigur, Horrorbuchautorin Emma (Victoire Du Bois). Sie wirkt aufgesetzt cool, ist manipulativ und erpresst ihre Assistentin. Natürlich wird klar, dass alles Fassade ist. Doch darauf werden wir lächerlich häufig mit dem Finger gestoßen.

Emmas Vergangenheit wird stets kryptisch angedeutet und erst in der 5. Folge, die eine Rückblende ist, aufgelöst. Dabei erfahren wir keine Überraschung, die die Figur interessanter gemacht hätte. Neuen Schwung bringen lediglich die jungen Schauspieler, die Emma und ihre Freunde in jungen Jahren verkörpern.

Marianne: Das Potential der Musik wird zunichte gemacht

Die Musik soll in Marianne - wie in allen Horrorschockern - vor allem Angst machen. In der Netflix-Serie werden jedoch nicht nur spannungserzeugende Melodien, sondern auch mal sanfte Töne gespielt. Sie wollen mal Harmonie und mal ein Lächeln beim Zuschauer hervorlocken. Stellenweise erinnern sie gar musikalisch an Krimiserien wie Monk.

Jegliche Musik ist in der Serie aber so dominant und offensichtlich platziert, dass uns zu jeder Zeit bewusst ist, dass die Gefühlslage gerade manipuliert werden soll. Sie schreit förmlich ins Gesicht: "Sei angespannt! Fühle dich berührt! Habe Angst!" Und daher wirkt sie nicht.

Marianne: Die Nebenfiguren sind austauschbar

Die Assistentin Camille (Lucie Boujenah), die zu Beginn aufgebaut wird, als würde sie noch eine wichtige Rolle spielen, wird mitten in der Serie vergessen. Sobald die ehemaligen Freunde von Emma ins Spiel kommen, ist die Figur komplett uninteressant, austauschbar und nicht einmal nötig.

Die Geschichte hätte genauso gut ohne "CamCam" stattfinden können und es hätte kaum einen Unterschied gemacht. Sie ist nur Mittel zum Zweck, um zu zeigen, wie kalt Emma nach ihren vergangenen Erlebnissen geworden ist.

Der Kommissar (Alban Lenoir) wirkt ebenfalls Fehl am Platz und tritt zunächst offenbar nur in Erscheinung, um aufzuzeigen, wie beliebt Emma und ihre Bücher sind. Denn er ist ein großer Fan und nimmt sich ihres Falls nur an, weil sie ihm eine Widmung in ein Exemplar schreibt. Bei seinen Untersuchungen wirkt er außerdem zu keiner Zeit besonders überrascht über unnatürliche Vorkommnisse. Das lässt ihn unauthentisch rüberkommen.

Marianne: Die 'tiefe' Freundschaft wirkt keine Sekunde

In der 2. Episode der Netflix-Serie treten das erste Mal Emmas ehemalige Freunde von vor 15 Jahren in Erscheinung. Sie tauchen buchstäblich aus dem Nichts auf: Emma sitzt auf einer Bank mitten im Nirgendwo, schaut aufs Meer und plötzlich nähern sich ihr zunächst Séby (Ralph Amoussou) und dann ihren anderen "Freunde".

Es ist keinerlei Zuneigung oder gemeinsame Vergangenheit zwischen Séby und Emma zu spüren. Ohne den Figuren Zeit zu geben, sich einander anzunähern - immerhin haben sie sich 15 Jahre lang nicht gesehen und nicht gesprochen - geben die Macher sofort 100 Prozent.

Nach einem kurzen Wortwechsel meint Séby sofort beurteilen zu können, dass Emma "sanfter geworden" ist. Diese Aussage hat keinerlei Aussagekraft, sondern soll lediglich vermitteln, wie nah sich die beiden angeblich immer noch stehen. Doch wir nehmen weder Séby und Emma noch den anderen 3 Freunden ab, dass ihre Freundschaft stark und voller Liebe ist.

Denn es gibt keine Beziehung, auf die wir zu diesem Zeitpunkt aufbauen können. Der plötzliche Zusammenhalt geschieht beinahe aus dem Nichts (und löst sich auch am Ende schnell wieder auf). Erst in der 5. Folge, in der die Freunde in ihren Jugendjahren gezeigt werden, ist es ansatzweise möglich, ihre gegenseitige Zuneigung nachzuvollziehen. Doch diese Zuneigung ist dennoch nicht spürbar.

Marianne: Vielversprechend aber enttäuschend

Mireille Herbstmeyer als erste Marianne hat einen so wahnsinnigen Gesichtsaudruck, dass uns beim Zusehen das Blut in den Adern gefriert. Doch mit ihr wird viel zu wenig gearbeitet. Und schon in der 4. Folge spielt sie in der Form keine Rolle mehr, was unglaublich verschenktes Potential ist.

Stattdessen geistert eine verfluchte Hexe durch die Serie und taucht immer dann auf, wenn die Macher denken, dass zwischen all der "Freundschaft" mal wieder ein Schockmoment auftauchen könnte.

Generell lässt sich sagen: Die Geschichte einer Frau, deren Horrorgeschichten real werden, hat viel Potential. Das Drehbuch gibt aber leider nicht viel her. Nicht einmal der Horror zündet durch die übertrieben manipulative Musik. Und das ist sehr enttäuschend.

Marianne gibt es seit dem 13.09.2019 auf Netflix zu sehen. Dieser Seriencheck basiert auf allen acht Episoden.

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