Tatort-Kritik

Große Schauspieler in Tatort - Der Fall Reinhardt

23.03.2014 - 20:15 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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Tatort - Der Fall Reinhardt
© WDR/ARD
Tatort - Der Fall Reinhardt
Nach dem harten Schnitt in Tatort – Franziska treten die Kölner Ermittler zurück und überlassen einer erodierten Familie die Aufmerksamkeit. Der Fall Reinhardt begeistert in erster Linie als Bühne für Susanne Wolff und Ben Becker.

Business as usual steht für die Kölner Tatort -Kommissare nach dem Abgang von Franziska in der letzten Folge erst einmal nicht auf der Tagesordnung. Woran wir das als erstes erkennen? Tatort: Der Fall Reinhardt ist ein guter, weil düsterer Krimi, der das Currywurst-Happy End weise umschifft. Das liegt nicht an Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär), denn eigentlich könnte dem Fall Reinhardt in jeder deutschen Großstadt, durch so gut wie jeden deutschen Tatort-Ermittler nachgegangen werden, er würde wenig an Intensität verlieren. Das verdankt der Krimi seinen wahren Hauptdarstellern, den Reinhardts selbst: Susanne Wolff und Ben Becker.

Plot: Drei Kinder kommen ums Leben, als ein Wohnhaus abbrennt. Von den Eltern fehlt zunächst jede Spur, bis die unter Schock stehende Mutter (Susanne Wolff) aufgefunden wird. Sie leidet an retrograder Amnesie und kann sich an die letzten zwei Jahre nicht mehr erinnern. Auf der Suche nach Verdächtigen spekulieren Ballauf und Schenk auf einen Feuerteufel, doch auch der Ehemann (Ben Becker) gerät auf die Fahndungsliste. Er hatte vor zwei Jahren seinen Job verloren und war gewalttätig aufgefallen.

Unterhaltung: Obwohl viele Krimis den Tod als Ausgangspunkt nehmen, schwebt ihnen oft ein Funke Hoffnung inne. Es ist die Hoffnung auf Aufklärung oder das Verhindern weiterer Straftaten. Dann begleiten die Kommissare uns mit der Illusion in den Abspann, durch den Erkenntnisgewinn sei das Verbrechen “verdaut”, der Sonntagabend wieder im moralischen Lot. Dieser Illusion fällt Der Fall Reinhardt zu keinem Zeitpunkt anheim. Von Anfang an ist es im Grunde zu spät, drei junge Leben verloren und keine Erklärung der Welt wird das Bild verbrannter Kinderhände vergessen machen. Der Fall Reinhardt ist deshalb ein außerordentlich treffender Titel für einen Tatort ohne Schießereien oder klassische Spannungsmomente, in dem die Kommissare bis auf ein paar Szenen mit ihrem neuen Assistenten (Patrick Abozen) sich ganz in ihre Arbeit vertiefen.

Unterlegt wird der Krimi mit einer entsprechend melancholischen Musikauswahl, unter anderem bestehend aus The Cinematic Orchestra und Ben Howard, welche die leisen Gitarrenklänge zugunsten großer Klagegesänge unterbrechen. Der Fall mag zu den Akten gelegt werden, die Ohnmacht bleibt.

Tiefgang: Atmosphärisch und schauspielerisch ist Tatort – Der Fall Reinhardt zweifellos einer der stärksten Kölner Fälle der letzten Jahre. Gerade Susanne Wolff begeistert, ob sie nun fast unbekümmert durch ihr verbranntes Heim geht und im Kühlschrank kramt oder die einbrechende Erinnerung zu ertragen versucht. Es gibt wohl kein beeindruckenderes Argument für ihre, aber auch Ben Beckers Darbietung sowie die konzentrierte Inszenierung, als die Schwäche des Drehbuchs. Wenn es an die Annäherung an das Familienleben geht, an die Scham der Arbeitslosigkeit, den Druck des entgleitenden sozialen Status’ und der daraus resultierenden Lügengebäude, ausgerechnet dann verliert der Krimi in der ersten Hälfte seine Figuren aus dem Auge, dann ist er nur eine von aktuellen Schlagzeilen und Studien inspirierte Nacherzählung. Sobald die Reinhardts aber in einem Zimmer sitzen und die Musik aussetzt, präsentiert der Tatort großes Schauspielfernsehen, ganz besonders dann, wenn niemand spricht.

Zitat des Sonntags: “Sie können gehen, Herr Reinhardt.”

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