Von Menschen und Göttern

Freiheit & Nächstenliebe in Zeiten des Extremismus

Bruder Christophe (Olivier Rabourdin) sucht im Gebet Hilfe bei Gott.
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Bruder Christophe (Olivier Rabourdin) sucht im Gebet Hilfe bei Gott.

Gestern startete der von Kritikern hochgelobte französische Film Von Menschen und Göttern von Xavier Beauvois. Er handelt von den neun Trappisten-Mönchen, die im algerischen Tibhirine der Jahre 1993 – 1996 plötzlich vor eine schwere Entscheidung gestellt werden, die vor allem eine Frage ihres Glaubens ist. Als islamistische Rebellen beginnen, die nähere Umgebung und das Dorf zu terrorisieren, und sich die gewalttätigen Übergriffe vor allem auf Ausländer mehren, müssen die Mönche sich zwischen christlicher Nächstenliebe und dem persönlichen Schutz des eigenen Lebens entscheiden. Sie sind geblieben. Am 27. März 1996 wurden sieben der Mönche entführt und wenig später umgebracht.

Gelobt wurde Regisseur Xavier Beauvois vor allem dafür, dass er im Film nicht – wie so viele – danach gefragt hat, wer die Mönche umgebracht hat, sondern vielmehr, warum sie sich zum Bleiben entschieden haben. „Doch, ich habe die Wahl!“ entgegnet Bruder Christian (Lambert Wilson) gegenüber dem Ali Fayattia (Farid Larbi), als dieser Medikamente von den Mönchen fordert. Die Wahl haben, selbstbestimmt entscheiden, auch im Angesicht von Extremismus und Terror, Abt Christian und seine Brüder haben sich diese Freiheit erhalten und ihre christlichen Werte vor allem dadurch verteidigt, dass sie geblieben sind, anderen Menschen geholfen, die Entführung in Kauf genommen haben.

Die Aushandlung dieser Entscheidung ist wesentliches Thema von Von Menschen und Göttern. Von der plötzlich in ihr symbiotisches Zusammenleben eindringenden Angst sind die Mönche zunächst durchaus überwältigt, bekommen menschliche, weltliche Züge. Der einzige Umgang mit diesen Ängsten ist ein demokratischer. In gemeinsamen Diskussionen und Abstimmungen, die tatsächlich typisch für das Leben der Trappisten sind, werden Zweifel geäußert, ernst genommen und ausgehandelt.

Die Entscheidung mit sich selbst jedoch findet im Glauben statt. Glaube und Spiritualität äußern sich bei den Trappisten durch die Einkehr in sich selbst. Meditativ versenken sie sich in ihren alltäglichen Arbeiten. Sie füllen den Honig ab, bestellen die Gärten, putzen die Flure. Die Lithurgie der Stunden, das gemeinsame Gruppengebet, singen sie mit einer gemeinsamen Stimme, „um in Gemeinschaft mit dem Atem des Lebens im geistigen Kampf zu verschmelzen“. Xavier Beauvois’ Kamerafrau Caroline Champetier fängt diesen kontemplativen Lebensstil der Mönche in langen Einstellungen ein. Erzähltempo und dramatische Inszenierung schalten einen gehörigen Gang herunter. Jeder Szene merkt der Zuschauer den respektvollen Umgang mit den Trappisten-Ritualen an. Für Xavier Beauvois war dies immer Ausgangspunkt seiner Regiearbeit.

Mit der Entscheidung, die Identifizierung der Entführer auszulassen, entspricht Von Menschen und Göttern der Brisanz des Sujets, vergisst aber nicht darauf hinzuweisen, dass sich die Mönche mit ihrer Nächstenliebe nicht nur Freunde gemacht haben. Militär und Bevölkerung beäugen die christlichen Gesten argwöhnisch, wenn Christian für den Rebellenführer betet oder die klösterliche Arztpraxis von verwundeten Islamisten besucht wird. Tatsächlich konnte ich mich selbst während des Kinobesuchs dabei beobachten, wie ich die hehren Prinzipien der Mönche als blauäugige Naivität abgetan habe. So viel komplexer erscheint deren Entscheidung aber nach einigen Minuten des kontemplativen Sinnierens über den Film, der unbedingt zu einem Kinobesuch von Von Menschen und Göttern dazugehört.

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