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Berlinale Tagebuch Tag 9

Frauen schimpfen, Frauen befehlen, Frauen töten

19.02.2011 - 08:00 Uhr
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7 Sins Forgiven
© moviepilot / UTV Motion Pictures
7 Sins Forgiven
Wenn ein Film derzeit starke Helden hat, dann sind sie in den allermeisten Fällen weiblich. Die ist mir besonders heute aufgefallen, als alle drei Filme der Berlinale durch ihre starken Frauenfiguren punkten.

Was waren das noch für Zeiten, damals in den alten französischen Filmen. Eine Zeit, als Männer ihren Angebeteten noch mit einem Satz gezielter Backpfeifen ihre Liebe zu verstehen gaben, als selbst James Bond nicht immer Gentleman war. Diese Zeit ist zum Glück vorbei, doch wie vorbei sie wirklich ist, habe ich erst auf dieser Berlinale richtig gelernt. Frauen sind das neue starke Geschlecht und fürchten müssen sich nur noch die Männer.

Susannas sieben Männer von Vishal Bhardwaj
Besonders deutlich kamen dies heute die Ehemänner von Susanna (Priyanka Chopra) im Bollywood-Film Susannas sieben Männer zu spüren. Das Männerbild in diesem Film ist recht niederschmetternd. Sie sind wahlweise brutal, drogensüchtig, pervers, nur hinter dem Geld her, notgeil oder polygam. Irgendetwas ist immer! Da gibt es nur eines: Der Mann ist schlecht, der Mann muss weg, der Mann muss sterben! So sterben alle Ehemeänner Susannas einen ebenso überraschenden wie gewaltsamen Tod – ohne dass die Polizei der Dame irgendetwas nachweisen kann.

Was für ein seltsamer Film. Neben Mord und Horror existieren wie ganz selbstverständlich die Bollywood-typischen Tanzeinlagen. Ich frage mich also, wer für Susannas sieben Männer die Zielgruppe sein soll. Bollywood-Fans sichd sicher abgeschreckt, da der Film jeder Form schnulziger Romantik den dicken Stinkefinger zeigt. Allerdings machen die Freunde solcher schwarzer Komödien naturgemäß einen großen Bogen um Bollywood. Das ist sehr schade, denn Susannas sieben Männer ist ein wirklich erfrischender Genremix, der neben interessanten Figuren, unerwarteten Wendungen und viel viel pechschwarzem Humor auch interessante Einblicke in die veränderungen der indischen Gesellschaft gewährt.

Susannas sieben Männer ist nämlich gleichzeitig sehr modern, aber auch irgendwie archaisch. So sind viele Besonderheiten der Handlung nur durch den engen Bezug aufs Christentum zu beziehen, was den ungewöhnlichen Dreh- und Angelpunkt des Filmes ausmacht. Provokant ist hierbei, dass gerade der Moslem der Körperfeindlichste der Ehemänner ist. Doch es ist auch nicht nur alles lustig in Susannas sieben Männer, denn neben toten Ehemännern bleibt auch eine mehr und mehr desillusionierte und verzweifelte Frau zurück, die ihre Bollywood-Vorstellung von Romantik sehr schmerzhaft ausgetrieben bekommt.

Rotkohl und Blaukraut von Anna Hepp
Wer denkt, das mit den starken Frauen ist in anderen Kulturen ganz anders, den belehrte heute die wunderbare Dokumentation Rotkohl und Blaukraut von Anna Hepp eines besseren. Die Studentin der HFF gewährte mir einen sehr intimen Einblick in den Alltag zweier deutsch-türkischer Familien. Dabei zeigt sie, dass lediglich die Wirkung nach außen unterschiedlich ist, das gemeinsame Auftreten in der Öffentlichkeit. Innerhalb der Familien gab es allerdings keine Probleme, da auch die türkischen Männer in Deutschland starke Frauen in ihrer Familie gewohnt sind, die sich nicht herumkommandieren lassen.

Star des Filmes, bei dem alle vergessen zu haben schienen, dass eine Kamera mit im Zimmer ist, war zweiffellos die kleine Tochter Leyla, die am Laufenden Band Sprüche produzierte, über deren clevere Naivität man sich nur krummlachen kann.

Der letzte schöne Herbsttag von Ralf Westhoff
Dieser Film hat eigentlich wenig mit dem Filmfestival Berlinale zu tun, sondern lief in der Sektion Lola, in der größere deutsche Filme des letzten Jahres gezeigt wurden. Ich kannte und mochte den Regisseur bereits aus seinem ersten Spielfilm Shoppen, der ein Ensemble von Figuren beim Speeddating beobachtet. Shoppen hatte noch einige Probleme in der Schauspielerführung und dem Drehbuch, so dass mitunter Figuren hölzern Texte vorgetragen haben, die wie abgelesen klangen.

In Der letzte schöne Herbsttag hat Ralf Westhoff seine Stärken jedoch voll ausgespielt. Aus dem durchwachsenen Cast von Shoppen hat er sich die drei besten Schauspieler herausgepickt, ihnen wirklich geniale Dialoge auf den Leib geschrieben, und durch das Zusammenspiel von Schauspieler und Drehbuch erwachsen wirklich lebendige liebenswerte Figuren. Für eine deutsche Komödie überraschte mich das perfekte Timing, der natürliche Ton und die Aufrichtigkeit der gezeigten Beziehung. Im Prinzip besteht der Film zu 90% aus einem Pärchen, die einzeln über den jeweils anderen reden und sich über die Unzufriedenheit mit der Beziehung beschweren. Dennoch ist der Film zu keiner Sekunde langweilig. Hervorragend.

Auch hier ist die Frau der aktive Part. Sie entscheidet, ob und wie die Beziehung weitergeht. Der Mann hat einzig und allein die Aufgabe, es nicht zu versauen, und ist selbst damit selbstverständlich überfordert.

Ist dies die Lehre der diesjährigen Berlinale? Männer sind die Vergangenheit der Frau? Ich muss da erstmal drüber beim Tee mit meinen Kumpels schnattern!

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