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Kleine Road-Movies mit großem Charme

Einfache Männer & Frauen on the Road

17.09.2010 - 08:50 Uhr
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Genießt den Fahrtwind: Gérard Depardieu in Mammuth
© X Film Verleih
Genießt den Fahrtwind: Gérard Depardieu in Mammuth
Seit gestern könnt ihr das Roadmovie Mammuth mit Gérard Depardieu im Kino anschauen. Den Filmstart haben wir zum Anlass genommen, euch ein paar kleine aber feine Roadmovies zu präsentieren, die fernab von Hollywood durch ihren ganz besonderen Charme bestechen.

Beim Wort Roadmovie denken die meisten von uns zunächst an große Hollywood-Produktionen wie Thelma & Louise oder Forrest Gump. Dass jedoch auch kleinere Geschichten von einfachen Menschen, die sich auf eine aufregende und zum Teil auch skurrile Reise begeben, erzählenswert sind, zeigen im Besonderen die Filme von Benoît Delépine und Gustave de Kervern. Neben den Produktionen der belgischen Filmemacher wie Mammuth oder Aaltra präsentieren wir euch jedoch noch weitere On the Road-Filme, die wegen ihrer außergewöhnlichen Stimmung und ihren brillanten Geschichten unbedingt sehenswert sind.

Ein Rentner auf Selbstfindungstrip
Benoît Delépine und Gustave de Kervern bescheren euch derzeit mit Mammuth eine Tragikkomödie über einen Rentner, der eine Reise durch Südfrankreich unternimmt. Serge (Gérard Depardieu) hat seine vielen Jahre als Angestellter in einem Schlachthof hinter sich gebracht und könnte sich eigentlich auf seine wohlverdiente Rente freuen. Doch weil ihm Papiere für die Rentenkasse fehlen, muss er noch einmal auf sein uraltes Mammuth -Motorrad steigen, um seine alten Arbeitgeber abzuklappern. Für Serge, der wegen seiner Maschine zugleich selbst Mammuth heißt, beginnt eine Reise in die Vergangenheit, auf der ihm klar wird, dass er Zeit seines Lebens nur wie ein Depp angesehen wurde.

Für Gérard Depardieu bedeutete seine Rolle in Mammuth eine konträre Erfahrung. Er musste sich in einen einfachen Mann versetzen, der müde und resigniert auf sein vergangenes Leben zurückschaut, welches plötzlich völlig bedeutungslos scheint. Diese mangelnde Bedeutung und Lebensfreude gewinnt Serge jedoch durch seine warmherzige Frau Catherine (Yolande Moreau) und durch seine durchgeknallte Nichte (Miss Ming) zurück.

Rollstuhl-Roadmovie
Die Regisseure Benoît Delépine und Gustave de Kervern haben sich mit ihrem Film Aaltra schon im Jahr 2004 auf die Straße begeben, dieses Mal jedoch in Richtung Norden. Zwei verfeindete Nachbarn (Benoît Delépine und Gustave de Kervern) verfallen durch einen Streit in eine Prügelei, bei welchem sie unter einen umkippenden Traktor geraten. Zwar überleben beide den Unfall, sind jedoch fortan an den Rollstuhl gefesselt. Hierauf beschließen sie, on the Road nach Finnland zu trampen, um den Traktorhersteller Aaltra zu verklagen.

Der Film Aaltra ist deshalb so außergewöhnlich, weil wir hier nicht wie gewohnt Menschen mit Behinderungen in einer Opferrolle zu sehen bekommen. Während Handicaps häufig als sensibles Thema betrachtet werden, deren Inszenierung nur äußerst respektvoll und vorsichtig vonstatten gehen darf, zogen es die beiden Regisseure Benoît Delépine und Gustave de Kervern hier vor, zu versuchen, was sonst die Wenigsten wagen: Einen Gegenentwurf zum Thema Menschen mit Behinderungen zu zeichnen, der den Zuschauern auch schlechte Charaktereigenschaften wie Betrug, Ignoranz und Wunsch nach Vergeltung nahe bringt.

Angestellte sucht Auftragskiller
Als weiteren Film des Regie-Duos Benoît Delépine und Gustave de Kervern möchten wir euch außerdem den Film Louise Hires a Contract Killer vorstellen. Louise (Yolande Moreau) arbeitet als brave Angestellte in einer Textilfabrik. Zwar wird bereits gemunkelt, dass die Fabrik stillgelegt werden soll, doch als alle Mitarbeiterinnen neue Arbeitskleidung bekommen, ist die Stimmung zunächst einmal beruhigt. Beim Schichtbeginn am nächsten Tag müssen die Frauen jedoch feststellen, dass die Fabrik über Nacht geräumt wurde und von den Herren aus der Chefetage jede Spur fehlt. Die Arbeiterinnen beschließen, einen Auftragskiller zu engagieren, der für sie den Geschäftsführer ausfindig macht und ihn umbringt. Der vermeintliche Auftragskiller Michel (Bouli Lanners) hat insgeheim jedoch keine Ahnung, wie er seinen Job erledigen soll. In dem Film begeben sich Louise und der Killer on the Road durch Europa, um ihren kapitalistischen Abzockern auf die Spur zu kommen.

Durchs ewige Eis
Zum Schluss begeben wir uns in etwas kältere Gefilde, beispielsweise nach Norwegen, wo Rune Denstad Langlo seinen Film Nord gedreht hat: Jomar Henriksen (Anders Baasmo Christiansen) war eigentlich Skiläufer, doch dann erleidet er einen Nervenzusammenbruch und ist nur noch als Pistenwärter zu gebrauchen. Doch auch diesen Job nimmt er nicht sonderlich ernst, stattdessen verbringt er seine Zeit lieber mit Alkohol und Tabletten. Eines Tages teilt ihm ein ehemaliger Freund mit, dass Jomar ein vierjähriges Kind hat. Also begibt sich Jomar mit seinem Schneemobil und mehreren Flaschen Alkohol in den Norden des Landes.

Ähnliches ereignet sich in Feuerland, als der Regisseur Lisandro Alonso 2008 seine Hauptfigur Farell (Juan Fernández) im Film Liverpool durchs ewige Eis heim zu seiner Familie schickt. Farrel ist ein Arbeiter auf einem Containerschiff im kälteren Teil von Südamerika. Nach mehreren Jahren Abwesenheit will er seine Mutter besuchen. Hierfür begibt er sich auf eine sehr lange Reise durch das eisige Feuerland, geht zu Fuß, trampt mit Transportwagen on the Road, schläft in stillgelegten Autobussen. Als der in sich gekehrte Farell schließlich seine Familie erreicht, muss er feststellen, dass diese plötzlich ein halbwüchsiges Mädchen als neues Familienmitglied hat.

Auch wenn beide Filme sich durch ihre eisige Kulisse und durch eine Hauptfigur, die dem Alkohol nicht abgeneigt ist, ähneln, sind ihre Erzählweisen doch völlig unterschiedlich. Während Jomar aus Nord etwas Tragisches anhaftet und er zugleich jedoch auch für komische Momente sorgt, ist Farell aus dem Film Liverpool völlig introvertiert und scheint eine Art Geheimnis zu haben. Beiden Filmen gemeinsam ist es dennoch, dass eine verschneite und vereiste Einöde ein völlig anderes Bild von einem Roadmovie zeichnen kann.

Wer nun auf den Geschmack gekommen ist und sich beispielsweise mit Mammuth ein Roadmovie der besonderen Art anschauen will, sollte einen Blick in unser Kinoprogramm werfen.

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