Das Ende der dystopischen Jugendbuchverfilmungen

Filmtitel-Bingo: Die Bestimmung aka. Divergent aka. Allegiant Teil 1
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Meint es gut mit den Menschen.

Update: Dieser Text wurde um den Kinostart von Die Bestimmung - Allegiant im März 2016 veröffentlicht. Leider hat sich in dem Jahr wenig Gutes in diesem Bereich in Hollywood getan, so dass er nichts von seinen Argumenten verloren hat. Wir haben ihn zur TV-Ausstrahlung von Maze Runner - Die Auserwählten im Labyrinth heute Abend um 20:15 Uhr auf ProSieben und von Maze Runner 2 - Die Auserwählten in der Brandwüste am Sonntag um 20:15 Uhr auf ProSieben erneut veröffentlicht. Euch viel Spaß beim Lesen.

Über das amerikanische Mainstream-Kino der 2010er-Jahre wird man vielleicht einmal sagen, dass es von urplötzlichen Verfilmungen populärer Jugendbuchserien, zahllosen exorbitant teuren Comic-Blockbustern und nicht zuletzt seltsam verwackelt aussehenden Horrorfilmen in Heimvideoästhetik dominiert wurde. Man wird sich diese Phase rückblickend vielleicht mit einer kollektiven Sehnsucht nach den immer gleichen albernen Filmen erklären, so wie man sich zuvor schon etwas verschämt die Kinojahrzehnte der Bibelepen in CinemaScope, der starbesetzten Katastrophenspektakel oder Virtual-Reality-Thriller erklären musste. Und man wird vielleicht auch – kaum erstaunt also über den Publikumsgeschmack von anno dazumal – noch hinzufügen, dass die einst besonders franchisetauglichen Teenie-Dystopien im Jahr 2016 zuerst wieder verschwanden.

Schon jetzt aber kann man die neuer- wie schlechterdings Young-Adult- statt Coming-of-Age-Filme genannten Geschichten "junger erwachsener" Menschen zwischen hormonellem Passageritus und der schweren Bürde, totalitäre Systeme oder außerirdische Invasionen überstehen zu müssen, für ein eher verzichtbares Phänomen halten. Im Vergleich jedenfalls zu Harry Potter und Twilight, den beiden Vorläufern der zuletzt unübersichtlich vielen Leinwandadaptionen beliebter Jugendromane (von deren Existenz man überhaupt immer erst dann erfuhr, wenn ihre angeblich "lang erwarteten" Verfilmungen in die Kinos kamen), verwiesen schon die gewürfelt wirkenden Titel der aus ihnen hervorgegangenen Young-Adult-Filmserien Die Tribute von Panem - The Hunger Games, Die Bestimmung - Divergent oder Maze Runner - Die Auserwählten im Labyrinth auf einen leicht peinlichen Zeitgeist.

Adoleszente Geschichten auf Augenhöhe

Vollkommen falsch (zumindest aber sehr langweilig) war und ist es hingegen, diese Filme, ihren Erfolg und das mutmaßliche Zielpublikum als bloße Teenager-Bespaßung auf Distanz zu halten: Die (nicht erwachsene, sondern selbstgenügsam ignorante) Verweigerung des vornehmlich männlichen Publikums, sich insbesondere mit Twilight - Bis(s) zum Morgengrauen und seinen Fortsetzungen auseinanderzusetzen statt sie (meist ungesehen) zu verhöhnen, bekräftigte nur die Popularität solcher filmischen Young-Adult-Erzählungen. Gerecht konnte dem Phänomen nur werden, wer die eingehende Beschäftigung – den Versuch also, das Kino der kleinen Mädchen- und manchmal auch Jungenfantasien zu verstehen – nicht scheute. Denn sie offenbarte, wie das verständliche Bedürfnis nach adoleszenten Geschichten auf Augenhöhe und damit der legitimen Repräsentation jugendlichen Begehrens ein Kino produzierte, das dieses Bedürfnis aufs Reaktionärste infantilisiert hat.

Vier Filme lang etwa erzählte The Hunger Games von der vermeintlichen Emanzipation einer Untergrundbewegung gegenüber der Autorität des sie und ihresgleichen unterdrückenden faschistischen Regimes ohne Bewusstsein für die schon ästhetischen Widersprüche dieser Erzählung. Das Kapitol, die Hauptstadt von Panem mit Sitz des Despoten Snow, begriff die Serie als einen dekadenten Hort vergnügungssüchtiger Schergen, deren schrilles Auftreten (besonders grotesk in Form von Stanley Tucci) offenbar allein schon unheimlich wirken sollte, und bemühte dafür vor allem queere Codes wie Drag-Outfits oder effeminierte Gesten. Die dieser Welt gegenübergestellten ärmlichen Distrikte, aus denen heraus Heldin Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence) schließlich den Aufstand probte, erschienen als in fahlem Grau erstickender Moloch, der aber dem bunten Luxus des Kapitols natürlich aufgrund des dort gepflegten familiären Zusammenhalts überlegen war.

Leichtfertige Positionierungen

Besonders problematisch war an The Hunger Games vor allem, dass ebendiese ärmlichen Distrikte während der beiden ersten Filme (die sich noch um die titelgebenden Duelle drehten) gegeneinander ausgespielt wurden. Ihre so klare wie leichtfertige Positionierung, welche der unfreiwilligen Überlebenskämpfer die Sympathien des Publikums verdienen und welche dies wiederum aufgrund grober Bösewichtsskizzierungen nicht tun, drückte sich nicht nur vor einer Auseinandersetzung mit der eigenen Prämisse, sondern bediente ungeniert jene Barbarei, von deren Schrecken sie zu erzählen vorgaben. Nachdem man als Zuschauer also bequem mitfiebern durfte statt das unerträgliche Szenario ausharren zu müssen, setzte die Serie ihren Schwerpunkt in den letzten Teilen auf eine Darstellung revolutionärer Kräfte, die sich zur Überwindung des Faschismus ihrerseits faschistischer Methoden bedienten.

Zu behaupten, dass der wahre Horror in The Hunger Games erst beginnt, wenn das schrille System ausgehöhlt und die Voraussetzungen für noch mehr biedere Familiengründungen geschaffen sind, wäre sicherlich Polemik (aber was soll's: so ist es nun mal). Doch zogen sich solche und ähnliche Bilder auch durch andere dystopische Jugendbuchverfilmungen, allen voran dem (finanziell glücklicherweise gescheiterten) Teenie-Science-Fiction-Film Ender's Game - Das große Spiel. Er erzählte - unter Rückgriff einer auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges niedergeschriebenen (und mit diversen Kommunistenparanoia-Echos angereicherten) Militärfantasie des Schwulenhassers Orson Scott Card – von einer Interstellaren Flotte zur Bekämpfung außerirdischer Insekten und dem geborenen Führer Ender Wiggin (Asa Butterfield), der am Ende beinahe eine ganze Spezies ausrottet und dafür als Held gefeiert wird.

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