Mein Herz für Serie

Berlin, Berlin - Großstadtmärchen im Comic-Look

Mit Lolle erleben wir nicht nur Berlin-Feeling, sondern auch viel Herzensleid
© ARD/moviepilot
Mit Lolle erleben wir nicht nur Berlin-Feeling, sondern auch viel Herzensleid

Als im März 2002 die erste Folge von Berlin, Berlin in der ARD ausgestrahlt wurde, war mir sofort klar, dass es sich hier um keine klischeehafte Vorabend-Soap handelte. Wie gebannt verfolgte ich jeden Tag die Abenteuer des Landeis Carlotta ‘Lolle’ Holzmann (Felicitas Woll) aus der norddeutschen Gemeinde Malente, das sein Glück in der Hauptstadt suchte – und ich war fasziniert von dem Suchtfaktor, den die Serie von Beginn an auf mich ausübte. Die Mischung aus Zeichentrickanimationen, die Lolles Emotionen und Gedanken unmittelbar zum Ausdruck bringen, und den kuriosen Erlebnissen der sympathischen Charaktere, überzeugte allerdings nicht nur mich: 2004 bekam Berlin, Berlin nämlich nicht nur den Deutschen Fernsehpreis als Beste Sitcom, sondern als besondere Ehre gab es auch den International Emmy Award als Best Comedy.

Eigentlich ist die Geschichte nicht besonders spektakulär: Nach dem Abitur zieht es Lolles Freund Tom nach Berlin, weil er dort erst mal für seinen Onkel arbeiten will. Prompt erhält Lolle allerdings einen erschütternden Brief, in dem er mit ihr Schluss macht und sie reist ihm Hals über Kopf hinterher. Keine gute Idee, denn Tom hat bereits eine Neue – allerdings hält das Lolle nicht davon ab, einen Plan zu schmieden, um die beiden wieder auseinander zu bringen. Dabei lernt sie die lesbische Rosalie (Sandra Borgmann) kennen, die ihr helfen will, weil Toms Liebschaft wiederum ihre Ex-Flamme ist. Nach einigem Hin und Her scheint alles zu laufen wie gewünscht – doch Lolle will Tom plötzlich nicht mehr zurück und auch Malente kann ihr erstmal gestohlen bleiben. Stattdessen findet sie in Rosalie eine gute Freundin und beide ziehen bei Lolles Cousin Sven (Jan Sosniok) ein und bilden mit ihm eine WG.

In Berlin versucht das Ex-Landei nun, nicht nur ihren beruflichen Traum zu verwirklichen und Comic-Zeichnerin zu werden, sondern auch ihr Liebesleben in den Griff zu bekommen. Und das wird nicht nur dadurch erschwert, dass Lolle sich allzu schnell verliebt – sondern sie sucht sich auch immer die falschen Männer aus. Da wäre zum Beispiel Mosche, der Frau und Kinder hat und der ihr deshalb das Herz bricht. Viel folgenschwerer ist allerdings die Liebe zu ihrem Cousin Sven, die den emotionalen Kern von Berlin, Berlin bildet. Kriegen sich die beiden am Ende oder entscheidet sich Sven gar für Ex-Frau Silvia und Sohn Daniel oder die neue Flamme Vero (Alexandra Neldel)? Bleibt Lolle vielleicht bei Alex (Matthias Schloo), der ihr ab Staffel 2 den Kopf verdreht? Bei allem Liebesleid stehen Lolle und Sven aber in jedem Fall immer dessen bester Freund und Arbeitskollege Hart (Matthias Klimsa), der China-Imbiss-Besitzer Tuhan und die glücklose Schauspielerin Rosalie bzw. später die Fotografin Sarah (Rhea Harder) zur Seite.

In Extremsituationen reagieren wir extrem
Dass die zwischen 2002 und 2005 über vier Staffel laufende Serie aus der Masse an Comedy-Formaten herausstach (und dass als deutsche Produktion) liegt sicher maßgeblich an David Safier. Der wurde nicht nur durch seine Bestseller Mieses Karma und Jesus liebt mich bekannt, sondern er schrieb auch schon Drehbücher für Nikola, Die Camper und mein-leben-und-ich, bevor er als Hauptautor für die erfrischenden und temporeichen Texte aus Berlin, Berlin verantwortlich war. Lolles Gefühlschaos und der Irrsinn des Alltags werden dabei mit ihrem Voice-Over, genialer Situationskomik und pointierten Dialogen eingefangen. Gerade was ihre Gefühle angeht, fällt es Lolle allerdings nicht leicht, diese auch auf den Punkt zu bringen – zum Beispiel nach dem folgenreichen ersten Kuss mit Cousin Sven gegen Ende der ersten Staffel: Weißt du, in Extremsituationen da reagieren Menschen anders als sie normalerweise reagieren würden. Sie reagieren in Extremsituationen extrem, also ist alles, was in einer Extremsituation passiert, als nicht geschehen zu werten. Denn es ist extrem und wäre nicht geschehen, wenn es die Extremsituation nicht gegeben hätte. Alles klar?

Als Zuschauer scheint es besonders in der ersten Staffel so, als wäre jede Episode wie eine Wundertüte voller Überraschungen. Denn auch, wenn neben dem Liebeskummer noch ernstere Themen angeschnitten werden (Rosalies zerrüttetes Elternhaus, ein Mann, der nicht mehr lange zu leben hat und vorher unbedingt noch seine Jugendliebe Martha wiederfinden will, etc.): Immer wird ein ausgleichendes Gegenwicht geschaffen, dass uns ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Und die Comic-Schnipsel, die die Handlung jeweils kurz unterbrechen, bringen uns besonders die Hauptfigur Lolle – zusammen mit ihrer Voice-Over-Erzählung – so nah wie nur möglich. Ich hatte zu jeder Zeit den Eindruck, als wäre Lolle ein Teil von mir (und umgekehrt). Gerade in ihrer vor allem anfangs noch ziemlich rotzfrechen, widerspenstigen Art und ihrem gleichzeitig mädchenhaften Auftreten (ihre Pony-Frisur spricht da Bände) habe ich mich immer wiedergefunden.

Mit Lolle konnten wir also unser eigenes Kopfkino ausleben und wenn Mädchen wie sie die große Liebe finden, warum sollte das dann nicht auch für andere gelten? Und als sich Lolle dann ihre Kurzhaar-Frisur zulegte und sich immer mehr ihren Platz im Leben erkämpfte, waren auch wir uns sicher: Irgendwie geht es immer weiter, so leicht lassen wir uns nicht unterkriegen.

Hat euch Berlin, Berlin auch so begeistert wie mich?

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