Human Lost

Anime im Kino - Mein Abend mit verlorener Menschlichkeit

Human Lost (Key Visual)
© 2019 HUMAN LOST Project
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Es ist wirklich schon wieder vorbei: Nachdem wir letzten Monat in Penguin Highway noch dem Geheimnis der Cola-Pinguine auf den Grund gingen, erreichen die KAZÉ Anime Nights 2019 heute ihr großes Finale. In Human Lost folgen wir einem Helden wider Willen bei seinem Kampf gegen seine inneren Dämonen sowie auf seiner Suche nach der Antwort auf die Frage, was uns Menschen überhaupt erst menschlich macht.

Human Lost entführt uns in eine spannende Dystopie

Tokio im Jahre 2036: Obwohl die Gesellschaft inzwischen aufgrund mehrerer medizinischer wie technologischer Revolutionen sämtliche Krankheiten restlos ausmerzen konnte, ist sie tief gespalten. Während der besser situierte Teil ein scheinbar paradiesische Leben im Inneren führt, herrschen im Äußeren der Stadt Armut und Gewalt. Hier lebt auch Yozo Oba, dessen Dasein sich durch eine gefährliche Mission, auf die ihn sein bester Freund Takeichi mitnimmt, für immer verändern soll.

Human Lost basiert auf dem japanischen Roman No Longer Human des Autors Osamu Dazai und wurde anlässlich des Gedenkens an den 110. Geburtstag des Schriftstellers veröffentlicht. Der Anime-Film verfrachtet die Geschichte in ein modernes Science Fiction-Setting, welches merklich von Genre-Klassikern wie Akira und Ghost in the Shell inspiriert wurde.

Seinen größten Reiz zieht Human Lost aus seinem dystopischen Schauplatz sowie einer Vielzahl philosophischer Fragen, unter deren Last die Charaktere rund um Yozo jedoch beinahe zu ersticken drohen. Obwohl die Story gut inszeniert wurde, verrennt sie sich zu oft in zu vielen verschiedenen Themen und wirkt so am Ende mehr unnötig kompliziert denn emotional mitreißend. Mit einer stringenteren Narrative wäre mehr drin gewesen.

Human Lost verzettelt sich in philosophischen und soziopolitischen Fragen

Im Zentrum der Geschichte steht der zuvor bereits erwähnt Yozo, ein innerlich gebrochener Künstler, der seit längerer Zeit von alptraumhaften Visionen heimgesucht wird. Um diesen grauenhaften Träumen, in denen ein verzerrtes dämonisches Monster ihn zu erwürgen droht, zu entgehen, versucht Yozo, sein Leben im ersten Akt des Films mittels einer Medikamentenüberdosis zu beenden - doch er wird wieder zurückgeholt.

Yozo fürchtet, als Lost zu enden, als jemand, dessen Nanomaschinen, die seine lange Gesundheit garantieren sollen, vollständig außer Kontrolle geraten sind. Dieses Lost-Syndrom geht mit einer monströsen Verwandlung des Körpers einher; die Betroffenen sind nicht länger menschlich, sie werden als Menschen disqualifiziert. Die Frage, was uns Menschen ausmacht, ob es Liebe, Hoffnung oder unsere eigene Mortalität ist, ist überaus faszinierend und wäre es wert gewesen, tiefschürfender ergründet zu werden.

Doch wir sind viel zu selten mit Yozo in diesem zusehends selbstzerstörerischer werdenden Alptraum gefangen. stattdessen verzettelt sich Human Lost in viel zu vielen philosophischen wie soziopolitischen Themen (soziale Ungleichheit, Neubeginn nach Massenvernichtung, Sterblichkeit), die jedoch nie in ihrer Gänze ergründet werden können und so zulasten der Story gehen, indem sie diese unnötig verkomplizieren.

Human Lost kann emotional nur selten mitreißen

Dies alles ist besonders deshalb schade, da diese zahlreichen komplexen Fragen, die es jede für sich gesehen wert gewesen wären, näher thematisiert zu werden, Raum und Zeit einnehmen, die für die Entwicklung der Charaktere nötig gewesen wären. Eines der größten Versäumnisse, wenn nicht gar das größte Versäumnis des Films ist, dass er auf emotionaler Ebene den Zuschauer viel zu selten wirklich mitreißen kann.

Zeichnet Human Lost von Yozo ein äußerst facettenreiches Bild, trifft dies kaum bis gar nicht auf Figuren um ihn herum zu. Viele von ihnen bleiben erschreckend blass, eindimensional und vergessenswert. Speziell im Falle von Yozos besten Freund Takeichi ist dies ärgerlich: Beide kennen sich bereits seit langer Zeit, doch eine solche Verbundenheit zwischen ihnen wird nie glaubhaft vermittelt, weshalb das brutale Ende ihrer Beziehung im Höhepunkt des ersten Akts keine emotionale Wucht entfaltet, obgleich dies hier so dringend nötig gewesen wäre.

Human Lost ist ein audiovisuell stimmiges Gesamtkunstwerk

Verantwortlich für Human Lost ist das Studio Polygon Pictures, welches in den letzten Jahren unter anderem für die Godzilla: Planet der Monster-Trilogie verantwortlich zeichnete. Wie schon bei diesem Projekt setzt Polygon bei Human Lost einmal mehr auf einen CGI-Look in Kombination mit 3D-Animationen. Etwas, von dem ich üblicherweise kein großer Fan bin, in diesem Falle hingegen überraschend wenige Probleme damit hatte.

Der gewählte unerwartet detailverliebte Look passt hervorragend zum düsteren Science Fiction-Setting von Human Lost und verschmilzt gemeinsam mit dem elektronischen Soundtrack sowie den wuchtigen Effekten zu einem absolut stimmigen audiovisuellen Gesamtkunstwerk. Optische Highlights sind dabei eine halsbrecherisch inszenierte Action-Sequenz zu Beginn, in der Funken und Flammen die Luft entfachen, sowie der bildgewaltige Showdown im finalen Akt, der alles zuvor im Film Gesehene mit Leichtigkeit in den Schatten stellt.

Abgerundet wird all dies durch wirklich toll besetzte deutsche Sprecher, die Universum Anime für den Film verpflichten konnte. Allen voran Wanja Gerick als Yozo liefert auf gewohnt hohem Niveau ab und kann die Emotionen sowie den inneren Konflikt seines Charakters glaubhaft vermitteln. Selbiges gilt für seine Kollegen wie Dennis Schmidt-Foß sowie Thomas Nero Wolff, die passend zu ihren jeweiligen Charakteren besetzt wurden. An der deutschen Synchronisation gibt es nichts zu beanstanden.

Human Lost wagt, gewinnt jedoch nicht in allen Belangen

Im Vergleich zu vielen anderen Science Fiction-Produktionen wagt Human Lost mehr, gräbt mit seinen Fragen zu vielschichtigen Thematiken etwas tiefer und liefert ein audiovisuell mehr als nur ansprechendes Erlebnis, das darüber hinaus noch mit toller Action und hochkarätigen deutschen Sprechern auftrumpfen kann.

Allerdings gelingt es dem Film nie, sein ganzes Potential vollends zu entfalten. Womöglich wäre es besser gewesen, auf einige der spannenden im Rahmen der Story aufgeworfenen Fragen zugunsten einer etwas simpleren Narrative sowie einer größeren emotionalen Wucht zu verzichten. Human Lost ist ein kleiner Geheimtipp für alle Science Fiction-Freunde, hätte jedoch noch soviel mehr sein können.

Human Lost läuft nur heute, am 26. November 2019, im Rahmen der KAZÉ Anime Nights in ausgewählten deutschen Kinos.

Habt ihr Human Lost gesehen? Falls ja, was haltet ihr vom Anime-Film?

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