Kommentar der Woche

All is Lost im Kinosaal in Reihe G, Platz 13

25.01.2014 - 08:50 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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All is Lost im Kinosaal in Reihe G, Platz 13
© moviepilot/Universum
All is Lost im Kinosaal in Reihe G, Platz 13
Manche Kinozuschauer können einem den besten Film versauen. Im Kommentar der Woche verliert nicht nur Robert Redford alles, sondern auch eine ruhige Zuschauerin beinahe ihre Nerven und zumindest gedanklich die Contenance.

Im Kommentar der Woche versuchen wir jede Woche einen eurer zahlreichen Kommentare zu feiern, egal ob kurz oder ausführlich, alt oder neu, zu einer Person, einem Film, einer Serie oder einer News – die Voraussetzungen für den Kommentar der Woche kann theoretisch jeder Kommentar erfüllen. Wenn ihr über einen gestolpert seid, der euch besonders gut gefallen hat, schlagt ihn uns vor, am besten per Nachricht wie auch diese Woche.

Der Kommentar der Woche
Der Kampf ums Überleben allein auf hoher See, den Robert Redford in All Is Lost führt, wird noch in den Schatten gestellt von der Dramatik, den Schicksalen und dem menschlichen Versagen vor der Leinwand – ein Sturm, und in seinem Auge: Velly.

ALL IS LOST hat mich genau an der richtigen Stelle getroffen, dank seiner bedrückenden Atmosphäre und einem überragenden Robert Redford. Für sowas gehe ich gerne ins Kino! Aber nun zu den Umständen meines denkwürdigen Kinobesuchs:

VORWORT: Die Ahnungslose
Meist erweist sich meine Entscheidung, am Nachmittag ins Kino zu gehen, als recht klug. Blockbuster sind dann leerer, kleine Filme meist sogar völlig und die Art von Kinobesuchern, die mich am ehesten nerven könnte, sind sowieso viel zu lässig für die Nachmittagsvorstellung. Ich mache mich also auf ins Kino, komme trotz Stau und Parkplatzsuche rechtzeitig, bekomme (ohne etwas zu sagen) einen guten Platz und das Kino scheint auch recht leer. Hinter mir einige Leute, links von mir ein Pärchen in meinem Alter und rechts von mir ein recht altes Ehepaar. Das hat sofort meine Aufmerksamkeit, da der nette Herr mich direkt mit “Guten Tag” begrüßt. Und das im UCI. Willkommen in der Twilight-Zone! ;-) Aber mir gefällt’s!
Es sind natürlich auch noch ein paar andere Leute da, aber die sind für den weiteren Verlauf der Geschichte nicht von sonderlicher Bedeutung.

PROLOG: Eine Frau sieht rot
Der Vorhang ist noch geschlossen und das Pärchen hinter mir unterhält sich und man merkt schnell, dass sie Ahnung von Filmen haben. Das ist mir direkt sympathisch. Zudem machen sie als erstes ihre Smartphones AUS und nicht nur lautlos (“Mach’s ganz aus, sonst brummt es”, sagt sie zu ihm, “und das nervt!”). So muss das sein. Zur Belohnung bekommen sie gleich eine Ansage von dem weiblichen Teil des anderen Pärchens hinter mir (die Frau klingt deutlich älter), denn… tadadadaaa… der Vorhang öffnet sich bereits: “Können sie während des Filmes vielleicht ruhig sein!?” Jim Carrey hätte sich hier sicher nicht zu einem “Nette alte Dame!” hinreissen lassen… Die Filmkennerin bleibt ganz gelassen (vielleicht ist sie durch Schwiegermutter oder eine garstige Nachbarin abgehärtet, vielleicht denkt sie aber auch nur mit einem milden Lächeln an Miss Daisy). “Wenn ihnen die Werbung wichtig ist, kann ich auch gerne jetzt schon still sein.” Anerkennung dafür, dass sie den Sarkasmus aus der Stimme rauslässt. 1:0 für die Dame mit Filmwissen. “Ich sagte ja: WÄHREND DES FILMES.” Die alte Dame ist ganz schön patzig für eine Lady. 2:0 für die Dame mit Filmwissen. Sieht nicht gut aus für Miss Daisy. “Hör’ doch auf…”, sagt der Mann (wahrscheinlich IHR Mann – oder ihr Chauffeur?) und klingt ein bissel wie ein kleiner Junge, der schon den Hintern abdeckt, weil er genau weiß, dass DER POPO GLEICH KIRMES FEIERT (und wie war das? Das ist kein Spoiler, sondern ’ne Warnung!). Abgang der Pärchen hinter mir. (Naja… nicht wirklich… aber die wurden halt aus dem Script gestrichen. Irgendwie zu aggro für so einen besinnlichen Nachmittag).

HAUPTEIL: Szenen einer Ehe oder Das große Fressen
Die Leute hinter mir sind nur noch amüsante Erinnerung, als ich die Trailer von AMERICAN HUSTLE und THE WOLF OF WALL STREET sehe. Und obwohl mein Gehirn zu 90 % damit ausgelastet ist, das dümmliche, breite Grinsen auf meinem Gesicht zu halten und gleichzeitig an der Frage zu arbeiten, ob es normal ist, den Bale auch noch nach über 20 Jahren, mit fetter Wampe und über die Glatze geschmierte Haare, irgendwie heiß zu finden, denke ich daran, im Schutz des Trailer-Lärms, meine Cola-Dose zu öffnen. Manchmal bin ich ja schon ein bissel stolz auf mich… Vorschau und Werbung ist vorbei… es wird still… wir sehen und hören das Meer und lauschen Robert Redfords Stimme und 20 Sekunden später habe ich schon Tränen in den Augen.

Und mitten in meine wohlige Melancholie hinein macht es plötzlich: “PFFFFFFT! KRRRCK!” Der Typ vom Pärchen links hat es, im Nachhinein betrachtet, tatsächlich geschafft, sich einen der ruhigsten Momente des Filmes zum Öffnen seiner Bierdose auszusuchen. Bravo! Mal gucken, wie er sich weiterhin anstellt. “Turnschuhe”, tönt es plötzlich leise von rechts. Der nette “Guten Tag”-Herr erklärt seiner Frau wohl, was auf der Leinwand zu sehen ist. Oh je… vielleicht ist sie blind! Ääähhh… ja klar…. ALL IS LOST ist sicher die erste Wahl für BLINDE. Also eher unwahrscheinlich. “Das ist ein Treib-Anker.” Der nette alte Herr während einer anderen Szene. “Ach so.” Seine Frau. “Jetzt rührt er Harz an.” Der Eklärbär. “Aha.” Frau Erklärbär. “Und jetzt?” – “Das streicht er jetzt auf das Netz, um das Leck zu dichten.” Er erinnert mich an meinen Dad… “Hmmmm.” Die Frau scheint ohne Erklärungen aber wirklich nichts zu verstehen. Ich suche also nach meinem inneren Lächeln, denke an die Filmkennerin hinter mir und nehme es mit Gelassenheit. “KRRRIIITSCH, KRAATTSCH!” Links startet ein hektisches Geraschel und Gewühle. Ach, der hat sicher vergessen, sein Smartphone in der Tasche auszumachen. Falsch gedacht. Brötchen. In einer Brötchentüte. Zum Glück lässt er das Brötchen beim Essen halb in der Tüte, so dass er vor den Krümmeln geschützt ist. Das bissel Rascheln… stört doch keinen. Das Mampfen… STÖRT DOCH KEINEN! FICK DICH UND KAUF DIR POPCORN! Ich denke das natürlich nur. Ich bin nämlich eine von den Flaschen, die mit 50 an einem Magengeschwür verenden, weil still leiden ja so etwas Märtyrerhaftes hat…. Hust, Hasenfuß! Hust.

Rechts: “Dosensuppe.” Herr Erklärbär. “Oh.” Frau Ich-sehe-alle-Wunder-der-Welt-zum-ersten-Mal. Links: Hektisches Gewühl, zweiter Teil. Zwei Smartphones leuchten auf. Ernsthaft jetzt….? Ich bin kurz vorm Wechsel von Level “Hasenfuß” auf “Wanna fight?” und mein Gehirn sinnt in roter Farbe über die Schönheit des Wortes FUCKTARD! Zum Glück sind die Smartphones sofort wieder weg. Vielleicht haben die ein Kind und einen unfähigen Babysitter….? Der winzige Julian in mir schlägt fassungslos den Kopf an die Wand im Angesicht von soviel Memmerei! (Ach Julian… wer selbst im Glashaus sitzt und so…. Pfff.)
Rechts: “Was ist das?!” Frau Erklärbär kann auch die Initiative ergreifen. “Ein Fisch an der Angel.” Herr Erklärbär hätte sicher auch gerne einen großen über dem Kamin. “Den muss er roh essen.” – “Ihhh…” Frau Erklärbär sicher nicht…

EPILOG: Dumm und Dümmer
Der Abspann läuft. Die meisten bleiben sitzen. Das fiese Stück in mir kichert höhnisch, dass die ollen Leute eh alle nur sitzenbleiben, weil sie im Dunkeln sonst fallen. Der Abspann läuft noch immer. “Meine Güte!” Eine Statistin aus der vorderen Reihe hat im letzten Moment doch noch eine Zeile Text bekommen! “Da hat ja ganz Amerika mitgespielt! Wo waren die denn alle?” Vielleicht sollte sie das den netten Herrn zu meiner Rechten fragen. Der weiß Bescheid. Auf jeden Fall.

Den Kommentar findet ihr übrigens hier.

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