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1960 - Pfiffe für Michelangelo Antonioni

15.10.2012 - 08:50 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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1960 - Pfiffe für Michelangelo Antonioni
© Mediaset
1960 - Pfiffe für Michelangelo Antonioni
Heute gilt der italienische Regisseur Michelangelo Antonioni als Altmeister und sein Film L’avventura als stilistischer Meilenstein. 1960 wurde er dafür ausgepfiffen.

Angenommen, du unternimmst mit einigen guten Freunden auf einer Privatjacht einen Kurztrip zu einer kleinen, felsigen Insel. Ihr alle hängt euren Gedanken nach. Einige gehen schwimmen oder erkunden das unbewohnte Eiland, andere wiederum stehen nicht so sehr auf Natur und verbringen ihre Freizeit lieber bei einem Puzzlespiel unter Deck. Dann ziehen dunkle Wolken herauf, und vorsichtshalber wollt ihr den Rückweg antreten. Da stellt ihr plötzlich fest: Einer fehlt! Eure gute Freundin Anna ist scheinbar spurlos verschwunden. Über Stunden sucht ihr sie auf der ganzen Insel, doch nirgends auch nur ein kleiner Hinweis. Was würdest du tun?

Dilettantischer Spinner oder schlicht ein Genie?
1960 reichte Michelangelo Antonioni einen Film auf dem Festival in Cannes ein. Der Italiener hatte in seiner frühen Jugend den Film für sich entdeckt, mit Roberto Rossellini und Marcel Carné zusammengearbeitet und als Kritiker für diverse Zeitschriften geschrieben. In den Fünfzigern hatte er sich mit Publikumserfolgen wie Chronik einer Liebe oder Der Schrei einen Namen gemacht. Und nun das: Die mit der Liebe spielen wurde auf dem Festival von einem hämischen Kritikerpublikum erbarmungslos ausgepfiffen.

Was für ein dilettantischer Film! Viel zu lang für die maue Story, im Grunde völlig banal, ohne plausiblen Spannungsbogen. Und dann ließ dieser seltsame Antonioni auch noch einfach einen Handlungsstrang komplett fallen! Die von der Insel verschwundene Anna sollte schließlich bis zum bitteren Ende nicht wieder auftauchen und das ohne jegliche Erklärung. Sollte sich der Zuschauer etwa selbst einen möglichen Ausgang der Geschichte zusammenreimen? Wo kämen wir denn da hin? Am Ende erhielt Michelangelo Antonioni für Die mit der Liebe spielen aber trotzdem den Sonderpreis der Jury. Und das sollte nicht die letzte Anerkennung sein, die dem Regisseur zu Teil wurde.

Unbeschwerte Liebe oder moralische Integrität?
Anerkennung hatte sich die gebeutelte Filmcrew nach dem Dreh von Die mit der Liebe spielen aber auch redlich verdient. Das Team war gerade auf der äolischen Lisca Bianca angekommen, wo der erste Teil des Filmes spielen sollte – da ging die Produktionsfirma pleite. Ein französisches Unternehmen sprang glücklicherweise ein, doch die Aufnahmen verzögerten sich trotzdem bis November. Das Wasser, in das die arme Lea Massari springen sollte, war bereits bitterkalt – kein Wunder, dass sie sich eine schlimme Krankheit einfing. Immerhin durfte sie jedoch nach guten zwanzig Minuten Laufzeit verschwinden. Ganz im Gegensatz zur Crew, die unterdessen in provisorischen Hütten und Zelten auf der unwirtlichen Insel nächtigte, denn wegen des schlechten Wetters konnte auch das Versorgungsboot nicht mehr an der schroffen Küste anlegen. Die Stimmung muss, gelinde gesagt, auf dem Nullpunkt gewesen sein.

Die eigentlichen Hauptdarsteller Gabriele Ferzetti und Monica Vitti durften natürlich ebenfalls nicht verschwinden. Es sind diese beiden, die den Film über seine Länge hinweg tragen. Ihre Liebe ist hochgradig unmoralisch, denn schließlich sind sie der Verlobte und die beste Freundin der Verschwundenen. Aber wo die Liebe hinfällt, bleibt sie liegen und so fährt das unkonventionelle Pärchen auf der Suche nach Anna quer durch Sizilien, in der wachsenden Hoffnung, sie möge doch lieber nicht wieder auftauchen. Denn was wird dann aus Sandro und Claudia?

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