Wie war der Tatort heute?

Tatort: Hydra - In der rechten Ecke

Robert Stadlober in Tatort: Hydra
© WDR/ARD
Robert Stadlober in Tatort: Hydra

In einer Industrie-Ruine, dem Hochofenwerk Phoenix-West, beginnt der neue Tatort: Hydra aus Dortmund. Ein wenig verwirrt spazieren die Kommissare vorbei am rostigen Stahl, der mal mit Hakenkreuzen, mal mit Anarcho-Zeichen versehen wurde. Als hätten die Polizisten miteinander nichts zu tun, oder wollten es nicht, bis sie am Tatort zusammentreffen. Dort liegt der "braune Führer Dortmunds", mit einer Kugel in der Brust und postmortal zugefügten Wunden im Gesicht. Kommissar Faber (Jörg Hartmann) übernimmt den Fall, die Sache mit dem Zusammenfinden, der Team-Arbeit bildet im sich anschließenden Krimi rund um die rechtsradikalen Szenen in Dortmund eine fast so große Herausforderung wie die Suche nach dem Mörder. Oder war es eine Mörderin?

Die erste Verdächtige in dem popkulturell unfreiwillig doppeldeutig betitelten Tatort ist die Mitarbeiterin einer Bürgerinitiative mit israelischem Pass. Ihr Mann wurde vor wenigen Monaten totgeprügelt, die Täter sind auf freiem Fuß, der "Dortmunder Obernazi" soll dazugehört haben. Kommissar Kossik (Stefan Konarske) geriert sich im Nu als Quell von Stammtisch-Allgemeinplätzen und hat seine Täterin gefunden. Überhaupt, die Allgemeinplätze, jeder darf sie mal raushauen in diesem Krimi, der die rechte Szene gelegentlich erkundet, als stapfe hier jemand zum ersten Mal über diese intellektuelle Mondlandschaft. Da werden etwas hilflos Autobahnen und bekannte mediale "Moralapostel" bemüht, um unterschwellige ideologische Sympathien oder alltäglichen Antisemitismus zu skizzieren. Was schön und gut ist, aber eben alles andere als nuanciert. Vor allem in einem Tatort, der, und das ist dem Autor Jürgen Werner anzurechnen, sich darum bemüht die Facetten der Szene in Dortmund aufzuarbeiten, anstatt die ganze Zeit altbackene Stereotype zu bemühen. Auf die lässt sich in der Regel viel zu leicht herabblicken und von oben wirken die manchmal viel kleiner, als sie wirklich sind.

Mit Faber steht denn auch der perfekte Kommissar für diese Art der Herangehensweise bereit. Zwar muss auch in Tatort: Hydra sein persönliches Trauma erwähnt werden. Viel mehr nimmt einen Faber aber in der Vernehmung von Zeugen mit. Da gibt er, wenn's sein muss, chamäleonartig das Spiegelbild des Gegenübers, oder freilich das, was dieser sehen will: den kumpelhaften Lieferhelden mit Brötchen und Kaffee, der sich auch mal mit in den Dreck setzt; den verständnisvollen Deutschnationalen alter Schule oder den Good Cop als Ergänzung zu Dalays (Aylin Tezel) hin und wieder gespielter Vendetta. Das erfrischende Aufbrechen der gewohnten Teams kommt dem Krimi dabei in der ersten Hälfte zugute, eben so lange, bis die persönlichen Zerwürfnisse alle wieder in einen Raum bringen, mit vier Flaschen Bier auf dem Tisch und der Aussöhnung in greifbarer Nähe. Danach genügt der Blick auf die rechtsradikale Szene nicht mehr, danach wird, wie eigentlich immer in gesellschaftlich relevanten Tatorten, ein zeitgeschichtlicher Rundumschlag gewagt. Der erschwert den Blick auf das Konkrete, wenn auch das Drehbuch diesen im ruhigen Klimax wieder aufnimmt.

Die Rumpelkammer mit nationalsozialistischen und deutschnationalen Memorabilien bildet in Tatort: Hydra jedenfalls das verbindende Element zwischen der tumben Glatze mit Baseballschläger-Sammlung und dem eloquenten Germanistik-Studenten. Wie Faber in dem äußerst zitierfähigen Drehbuch sinngemäß bemerkt: "Sie sind ein Teil von uns."

Mord des Sonntags: Zusammengetreten in Schrittweite eines Zeugen.

Zitat des Sonntags: "Es gab Kaffee und Mettbrötchen, da redet jeder."


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Moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.
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