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Aktion Lieblingsmonster

Sobald die Grausamkeit die Physis übersteigt ...

19.10.2016 - 09:00 Uhr
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Johann Liebert, Monster
© Nippon TV/moviepilot
Johann Liebert, Monster
Eine Ode an das Monster.

Dieser Artikel entstand im Rahmen der Aktion Lieblingsmonster.

Gewiss, es ist keineswegs leicht, den Begriff "Monster" zu definieren. Die Ausschreibung selbst umfasste es bereits weit - Von den Albträumen der Kindheit, die einem das Wesen des Alien beschert hat bis hin zu den Gelüsten von Hannibal Lecter, der sich ein köstliches Gericht zubereitet (selbstverständlich englisch gebraten).

Lange überlegen musste ich beim Titel des Wettbewerbes keinesfalls, jeder, der mich in irgendeiner Art und Weise bereits kennt, wird dies auch verstehen. Anstatt mich auf ein bestimmtes Monstrum zu fixieren gingen mir noch viele erwähnenswerte Geschöpfe durch den Kopf - Ja, wie etwa die Weinenden Engel, deren Körper zu Stein werden, sobald man sie betrachtet; ebenso denke ich häufig an die werte Antagonistin Merlins, Mim, die Hexe; das lidlose Auge auf dem Turm von Barad-dûr; und oh, Okkoto, das kolossale Wildschwein, wenn sich der Dämon aus Blutrinnsalen durch seine Haut frisst. Auf so vielen Ebenen fantastische Psychopathen, Aliens und Bestien, denen ein ganz eigener Artikel vergönnt werden sollte, nichtsdestoweniger geht mir dieses eine Gesicht nicht aus dem Kopf, dieses eine Monstrum, dem ich schon viele Worte widmete - In Vergangenheit wie auch Zukunft, in Nachrichten des Chats, in umfangreicheren Mails und allem voran in meinen literarischen Werken.

Was zeichnet in der heutigen Film- und Serienkultur einen bösartigen Psychopathen aus? Für mich waren richtige, durchtriebene Psychos stets das Glanzstück, sobald es um Bestien und Monster ging, generell überstiegen sie immerzu andere Charaktere, weil sie so viel interessanter sein konnten. Garantiert, eine höchst subjektive Meinung, allerdings muss ich auch zugeben, dass deren Umsetzung ebenso schwierig ausfällt und somit eine Menge Potential auf der Strecke bleibt. Dennoch - Es gibt einige Psychopathen, die mit Bravour ausgearbeitet wurden, die einem im Gedächtnis bleiben, bei denen man merken sollte, dass eine Yuno aus Mirai Nikki, ein Jigsaw aus Saw sowie dem unsagbar uninspirierten Jeff the Killer (obgleich dieser nicht in Film und Serie enthalten ist, doch bei so einem Artikel muss er einfach als Negativbeispiel genannt werden) denen keineswegs das Wasser reichen können. Ich persönlich fand dort selbst die Rolle des Jack Gyllenhaal in Nightcrawler überzeugender, doch um diesen soll es hier heute nicht gehen. Oh, ich drifte schon wieder in Titeln und Namen ab, die ich erwähnen soll, wo es doch um etwas so viel Größeres gehen soll. Worauf ich im Aspekt der Merkmale eines ausgezeichneten Psychopathen hinauswollte war, dass ich es schlichtweg als langweilend und unkreativ empfand, sobald sich der zichste Mörder mit einem Messer und einem wundervoll ausgedachten Pseudo-Motiv auf einen Weg, bestehend aus Leichen und wimmernden Kindern, zu begeben gedenkt. Ein Messer hier, eine Schusswaffe dort, gerne werden auch mal Kettensägen, Peitschen oder jegliche andere Haushaltsgegenstände, mit denen man einen Menschen umbringen kann, im Bereich der Psychopathen nur allzu häufig gerne gesehen; und obgleich ich meinen Respekt vor Hannibal dem Kannibalen, Jean-Baptiste Grenouille oder vor John Doe, dem Mörder der sieben Todsünden hege, reicht keiner dieser brillanten Charaktere über mein oberes Mittelmaß hinaus; denn ich habe das Monster gesehen, welches für mich zum Glanzstück eines Psychopathen und mehr noch eines tiefgründigen Charakters wurde. Ein Mörder, der kein Messer benötigt, um seine Opfer in den Tod zu treiben - Nein, dieser bewerkstelligt dies einzig und alleine mit Worten.

Denjenigen, den dieser Charakter bisweilen unbekannt ist, sei so viel verraten: Johann Liebert, wie man ihn im obrigen Bild sehen kann, stammt aus dem Anime "Monster", welcher von Naoki Urasawa kreiert wurde. Zur Handlung der Serie wie auch zu dem Charakter selbst möchte ich wenig sagen, zumal jeder für sich selbst seine Geschichte erleben sollte. Monster ist gewiss nicht ein Werk, welches für jedermann geeignet ist, eine cineastische Perle im Bereich der Anime, demnach ist sie auch eine Frage des Geschmacks. In meinen Augen ist sie stets ein Meisterstück gewesen und wird es immer sein, somit kann ich diese nur jedem ans Herz legen, denn schließlich ist Johann Liebert gewissermaßen titelgebend.

Eventuelle Spoiler zu dem ersten Drittel der Serie, wer sie noch nicht kennt, sollte den folgenden Absatz bloß nicht weiterlesen: Johann zeigte seine zutiefst psychopathischen Züge schon als Kleinkind, das in einem Kinderheim unterkam, wo er Experimenten "zum Opfer fiel". Die jungen Bewohner dort drifteten im gegenseitigen Töten ab, doch Johann thront auf seinem Sitz und sieht hinab in den Glanz und der Glorie der Grausamkeit, wie ein Gott, der sein eigenes Werk betrachtet. Gänzlich erfüllt von Apathie, sich seiner eigenen Kraft bewusst - Ein junges Monstrum, welches erwachsen wird, in den Fokus sämtlicher Schwerverbrecher und Organisationen gerät, ohne, dass irgendjemand ihn unter Kontrolle bringen könnte. In dieser Mischung aus Drama und Thriller entfaltet Johann Liebert seinen Charakter in unzähligen Facetten, die die Grenzen von Menschlichkeit und Grausamkeit vereinen lässt, "Monster" zu einem Ausnahmewerk macht und sich in den Kopf einbrennt - Nicht nur aufgrund seiner Taten. Im Laufe der Serie zeichnet dies sich noch umso weiter aus, sodass mir die Tränen kamen. Nicht hingegen aufgrund herzerwärmender oder besonders tragischer Momente, nein, aus einem schwer zu beschreibenden Grunde stiegen mir die Tränen aufgrund der Grausamkeit dieses Monsters in die Augen, die sowohl zutiefst verstörend als auch wunderschön war. Ein Kind steht auf einer Brücke, nachdem Johann sich mit ihm über das Leben und den Tod unterhielt, das Kind war gewillt, sich in die Tiefe zu stürzen, bis Wolfgang Grimmer zu ihm kam und weinend seine innigste Hoffnung bekundete, dass es immer etwas gäbe, für das es sich zu leben lohne. Er umarmte das Kind, schloss es um sich, und ich spürte dieses erdrückende Gefühl der Grausamkeit und Schönheit, die mir diese Serie in ein- und demselben Moment bescherte. Ganz ohne Messer und Waffen, ganz ohne Blut und Splatter - Diese Art der Grausamkeit überstieg die Physis bei Weitem.

Als ich in jungen Jahren seine Chronik über meinen Bildschirm flimmern sah, während mich die Gänsehaut der orchestralischen Intromelodie ereilte und die Uhrzeit jedwede Relevanz verlor, ergriff mich diese Persönlichkeit aus heiterem Himmel und sollte zu einer sehr wichtigen Prägung meiner Gedankenwelt werden. Seine Philosophie, erläutert über viele Folgen an exzellenten Beispielen hinweg, brachte mich zum Nachdenken wie es bislang kein Text und kein Film zu bewerkstelligen vermochte; schon alleine der Beginn der Serie hinterließ mir mit purer Realität ein eindringliches Dilemma, welches mich sämtliche Moralvorstellungen hinterfragen ließ, womit ich mich in den jungen Jahren, in denen mir die Serie zu Gemüte geführt wurde, noch nicht viel auseinandergesetzt habe. Schon bald begann ich über das Leben nachzudenken, aus mir bislang unbekannten Perspektiven blickend, mir wurde der Tod wie auch die Selbsttötung durch Johann nähergebracht, sodass ich mich selbst von einem nihilistisch angehauchten Standpunkt aus auf seiner Seite wiedererkennen konnte, sodass es sich beinahe anfühlte, als würde der werte Doktor Tenma mir positiv zureden anstatt jenen armen Menschen, denen eine Konversation mit Johann Liebert zur schier unerträglichen Bürde wurde. Ein Monster wurde nicht nur zu einer genialen Figur, es wurde mehr noch zu einem Idol, sodass ich alsbald feststellen musste, dass sich das Monster in meinem Kopf festgesetzt hatte. Die Wertvorstellungen des eigenen Lebens verformten sich, diese junge, naive Weisheit wollte aus meinem Mund kommen - Ich wollte ihn zitieren, weil ich ihm Recht zuschrieb, weil mir seine Ansichten auf erschreckend verständliche Weise nahegebracht wurden und ich sie nicht zu widerlegen wusste. Gewiss, Johann Liebert floss in meinen Charakter wie keine andere Figur aus Film und Fernsehen es je vermochte, ich wanderte einen gefährlichen Pfad, wo sich die pubertären Extrema meiner Stimmungen und die geistige Brillanz von Monster vermischten. Nun, nach nunmehr vier Jahren blicke ich als angehender Student auf, starre auf mein persönliches Meisterstück hinab - Viele Seiten und Kapitel habe ich geschrieben, ich versuche bis heute meine eigene Philosophie auszuformulieren und ebendies wird wohl noch viele Jahre in Anspruch nehmen. Ich erhoffe mir zwar, dass ich nicht länger auf dem mentalen Wege eines anderen entlangschreite, dass meine Gedanken mittlerweile selbstständig funktionieren, doch erkenne ich in der Silhouette meines Werkes immer noch das Streben, die Größe von "Monster" zu erreichen, ich erkenne den Geist Johann Lieberts, der sich zwischen den Zeilen meiner eigenen Welten eingenistet hat und in die Charaktere flüstert, aus denen ich diejenigen Psychopathen formen möchte, die mir in Film und Serie stets verwehrt blieben. Wie real er stets auf mich wirkte, so sehr, dass ich nur allzu häufig vergesse, dass er eine fiktive Figur ist, dabei könnte es sein Wesen exakt in dieser Manier dort draußen geben - Eine Vorstellung, die mich zeitgleich mit Angst erfüllt, zumal er hinter all seiner Weisheit und Intelligenz nach wie vor ein Monster ist, mich andererseits auch aufheitert, da mir bewusst wird, dass der Wert von Menschlichkeit in Anbetracht komplexester geisteswissenschaftlicher Theorien noch nicht gänzlich verloren ist in dieser beschämenswerten Gesellschaft. Nun soll dies hingegen keine Ausschweifung im soziologischen Bereich werden, demnach versuche ich, meinen Beitrag, meine kleine Ehrung oder gar meine Danksagung zu einem angemessenen Schluss zu führen.

So persönlich hat er mich ergriffen, dass ich nicht objektiv und klar über ihn erzählen kann; doch möchte ich dies? Nein, ich möchte diesen Einfluss, den er auf mich genommen hat, keinesfalls vermissen, und ich weiß genau - Würde ich Johann Liebert erst zum jetzigen Zeitpunkt kennenlernen, wäre meine Begeisterung für ihn nur halb so stark... wohingegen er wohl nach wie vor den Platz meines Lieblingsmonsters einnehmen würde. Ja, gewiss mag ein starker subjektiver Einfluss mit einspielen, dies ist auch Gang und Gebe bei Artikeln, die sich auf die eigenen Favoriten beziehen; und so viel Wert ich einem geschulten, reflektierten, ausgeglichenen Blick zuschreibe, so ist es doch der persönliche Bezug, bei dem sich jene Meisterstücke entfalten, die für die Masse nicht unbedingt zugänglich sind. "Monster" ist ein spezieller Anime mit einem eigenen Stil, es ist schade, doch gewissermaßen verständlich, dass ihm nicht die Bekanntheit zuteil wird, die manch ein Bewunderer diesem Werk gönnen würde (Schockschwere Not - Ich gehöre dazu!). Unumstritten wird hingegen sein, dass der Name Programm ist; dass das in meinen Augen grausamste Monster, der Mörder mit Worten, dessen Leben über einen Weg aus moralischen und philosophischen Dilemmas tänzelt, letztendlich lediglich jemand ist, den wir alle in uns selbst tragen: Der Mensch sowie seine Psyche. Saß ich damals noch desillusioniert mit verwirrtem Weltbilde auf meinem Drehstuhl, kann ich mich heute nur einer Bewunderung und tiefstem Respekt für Naoki Urasawa hingeben. Mir fällt keine andere Begründung für diese Faszination als jene ein, dass diese prägende Figur das wohlbekannte Gefühl der Nostalgie nur als Ausgangspunkt benutzt, denn für mich ist sie immer noch in meiner Gegenwart spürbar, ich blicke zu Johann als Charakter und Monster als Meisterwerk auf, die Augen eines jungen Künstlers, der seine Inspiration sucht und findet.

Diejenigen Aspekte, die den eigenen Weg zur Selbstfindung und der lang ersehnten Antwort auf die Frage nach der Quintessenz des Lebens am ehesten beschleunigen und von Hindernissen befreien, sind auch ebenjene, die die stärksten Prägungen, Erinnerungen sowie die Ausfeilung des eigenen Weltbildes bewirken können. - Dem wage ich mir heutzutage sicher zu sein, wenn ich an Johann Liebert, an das Monster denke; und an die Erfahrung, die er mir in den Sprossen meiner Jugend gewährt hat.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei den Sponsoren der Aktion Lieblingsmonster:

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