So realistisch ist der brutale Polizeiruf 110 um rechten Terror und V-Männer

Polizeiruf 110: Das Gespenst der FreiheitBR
20.08.2018 - 13:00 UhrVor 4 Jahren aktualisiert
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Ein Mann muslimischer Herkunft wird totgeprügelt, woraufhin ein Verdächtiger als V-Mann eingesetzt wird. Doch wie realistisch ist der neue Polizeiruf tatsächlich?

Der neue, gestern im Ersten zu sehen gewesene Polizeiruf 110: Das Gespenst der Freiheit wirft Fragen auf. Im vorletzten Einsatz für Matthias Brandt in der Rolle von Kriminalhauptkommissar Hanns von Meuffels schlagen vier Jugendliche einen Mann syrischer Herkunft tot, angeblich, weil dieser eine Frau belästigt haben soll. Daraufhin wird einer der Verdächtigen, der Halbiraner Farim, durch einen Mitarbeiter des Verfassungsschutzes als V-Mann angeworben, um an Informationen in der rechtsradikalen Szene zu kommen. Vor dem Hintergrund des NSU-Prozesses erhält der neue Polizeiruf politische wie gesellschaftliche Brisanz. Doch ist das alles nur Fiktion?

So sieht ein Vertreter des Verfassungschutzes den neuen Polizeiruf

Die FAZ  hat im Zuge von Polizeiruf 110: Das Gespenst der Freiheit mit Sönke Meußer, Stellvertretender Leiter der Stabsstelle Kommunikation und Medien des bayerischen Landesamts für Verfassungsschutz, gesprochen. Laut Bayerischem Verfassungsschutzgesetz ist klar festgelegt, wer überhaupt als V-Mann angeheuert werden darf. Ausgeschlossen seien "Minderjährige, Teilnehmer eines Aussteigerprogramms aus der betreffenden Szene, Parlamentsabgeordnete" und so genannte "Berufs-V-Leute", die damit ihren Lebensunterhalt verdienen würden. Straftäter, die zu einer Freiheitsstrafe verurteilt worden sind, können demnach nur in Ausnahmefällen für eine "begrenzte Zeit" eingesetzt werden, sofern keine andere Möglichkeit besteht.

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Im Verlauf von Polizeiruf 110: Das Gespenst der Freiheit erhält der V-Mann eine Waffe, um seine Position innerhalb der Gruppe zu stärken. Dieses Vorgehen beschrieb Meußer als "völlig abwegig", wenngleich Straftaten bis zu einem gewissen Rahmen grundsätzlich zwar nicht erlaubt, aber denkbar sind, nämlich "wenn ihre Begehung von den übrigen Beteiligten erwartet wird und wichtig dafür ist, um an relevante Informationen über die Gruppierung zu gelangen." Des Weiteren befragte die Zeitung den Verfassungsschützer nach im Krimi suggerierten rechten Polizisten bei der Münchner Polizei. Dies sei "ein absolut an den Haaren herbeigezogenes Szenario." Zwar habe es im vergangenen Jahr Verdachtsfälle und Entlassungen gegeben, doch die Zahl sei "verschwindend gering" und weise nicht auf ein grundsätzliches Problem der Münchner oder bayrischen Polizei hin.

"Struktur des Verfassungsschutzes" hat sich nicht verändert, meint ein Experte

Es gibt aber auch Stimmen, die der offiziellen Darstellung des Verfassungsschutzes widersprechen und dem Polizeiruf 110: Das Gespenst der Freiheit eine realistischere Note verleihen. So zitiert der Express  den Rechtsextremismus-Experten Thies Marsen, demzufolge es auch nach dem NSU-Prozess dubiose Verfassungsschützer, wie den im Film von Joachim Król dargestellte Peter Röhl, "zur Genüge" gebe: "An der Struktur des Verfassungsschutzes hat sich noch immer nichts geändert, im Gegenteil." Die Seite führt das Beispiel von V-Mann Andreas Tamme an, der zum Zeitpunkt des Mordes an dem damals 21-Jährigen Halit Yozgat durch die NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am Tatort im Jahre 2006 anwesend war. Doris Dierbach, Anwältin der Familie Yozgat, zeigte sich überzeugt, dass Tamme als Zeuge im NSU-Prozess "nicht die Wahrheit gesagt" habe, sondern sich "hinter irgendwelchen ausgedachten Geschichten versteckt und dafür auch volle Rückendeckung vom Thüringer Landesamt für Verfassung bekommen" habe.

Polizeiruf 110: Das Gespenst der Freiheit

Unterdessen attackierte Polizeiruf-Produzent Michael Polle den Rechtstaat scharf, auf dem immer mehr Druck "durch die explodierende Zahl gewaltbereiter Rechtsextremisten" liege. Wir leben demnach in "wahnsinnigen Zeiten", in denen Teile der Gesellschaft gegenüber menschlichen Schicksalen verrohten und infolgedessen "offener, blanker Hass" aufkeime und "salonfähig" werde. Polle: "Doch wie weit dürfen Staatsbedienstete für die Verhinderung einer Straftat gehen? Wie weit die moralischen Grenzen gebeugt werden?" Das System, in dem wir leben, nehme "Straftaten billigend in Kauf."

Der neue Polizeiruf wurde von Kritikern mehrheitlich gelobt. Es ist der vorletzte Fall des von Matthias Brandt gespielten Hanns von Mueffels. Polizeiruf 110: Das Gespenst der Freiheit ist jetzt noch 30 Tage in der ARD-Mediathek abrufbar.

Was sagt ihr zum neuen Polizeiruf 110: Das Gespenst der Freiheit?

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