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Komm und sieh - Daneben ist jeder andere Kriegsfilm ein Spaziergang

Komm und sieh - Trailer
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© Icestorm Entertainment
Komm und sieh
19.06.2018 - 08:30 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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Komm und Sieh ist womöglich einer der besten Antikriegsfilme aller Zeiten. Auf Kosten der kindlichen Naivität und Unschuld erlebt der Zuschauer hautnah mit, was Krieg mit Menschen anstellen kann und wozu sie in der Lage sind.

1985 erschien einer der besten Antikriegsfilme aller Zeiten, der trotzdem der breiten Masse unbekannt ist. Komm und sieh von Elem Klimow ist ein sowjetischer Antikriegsfilm, der seinerzeit große Erfolge im eigenen Land feiern durfte und es sogar fast zu den Oscars geschafft hätte. Der Film sticht weniger aufgrund seiner faszinierenden Effekte heraus oder seiner aufwendigen Produktion, vielmehr ist er düster, dreckig, grausam und ehrlich. Komm und sieh zeigt auf eine erbarmungslose Art und Weise, was es bedeutet, Teil eines Krieges zu sein. Im Gegensatz zu anderen Filmen seiner Zeit begleitet der Zuschauer keinen Soldaten oder Zivilsten, die ungewollt an dem Krieg teilnehmen, sondern einen Jungen, der an der Seite weißrussischer Soldaten gegen Nazis kämpft. Mit einer brutalen Ehrlichkeit lässt uns der Film an den Härten des Krieges teilhaben.

Komm und sieh - Wenn Kinder zu Soldaten werden

Fljora (Alexei Krawtschenko) wünscht sich nichts sehnlicher, als mit den Soldaten seiner Heimat in den Krieg zu ziehen und gegen die Nazis zu kämpfen. Er ist einer der Gründe, die Komm und sieh für viele Zuschauer in ein nahbares Erlebnis verwandelt. Durch ihn erlebt der Zuschauer hautnah eines der zentralen Themen des Films mit: den langsamen Tod der Unschuld. Die Transformation, die Fljora im Laufe des Films durchlebt, ist für den Zuschauer unvergesslich und erschreckend. Auch wenn dies nicht untypisch für einen Antikriegsfilm ist, ist die Tatsache, dass es sich um ein Kind handelt, besonders emotional. Fljora scheint nicht nur psychisch Narben davonzutragen, am Ende des Films wirkt der Junge mindestens zehn Jahre älter. Die traumatischen Erlebnisse haben aus einem fröhlichen Kind eine emotionslose Maschine des Krieges gemacht.

Florya in Komm und sieh

Komm und sieh - Die grausamen und skurrilen Bilder des Krieges

Elem Klimows Einsatz von surrealen Elementen im Laufe des Films verwandeln Komm und sieh in etwas Besonderes. Schon früh im Film werden wir mit verrückten Szenen konfrontiert. Als Fljora und ein anderer Junge am Anfang im Sand buddeln, ist einem nicht sofort klar, was da genau passiert. Die Jungs sind auf der Suche nach Waffen und durchforsten fröhlich alte Gräber. Was Anfangs noch an eine Szene aus einer typischen Kindheit erinnert, wird kurzerhand zu einem schrecklichen Anblick, der den Ton für den Rest des Films bestimmt. Die wahrscheinlich skurrilsten Szenen ereignen sich am Ende des Films. Während einer der erschreckendsten Akte sieht der Zuschauer einen Nazi-Offizier der mit einem exotischen Affen spielt und eine Frau, die in einem Auto Operetten hört. Im Kontrast zu diesen absurden Bildern stehen die brutalen und realistischen Szenen die sich zur gleichen Zeit abspielen. Trotz seiner surrealen Elemente, bewahrt Komm und sieh immer seine Ernsthaftigkeit. Er fühlt sich nicht nur echt an, an manchen Stellen ist er es auch. Elem Klimow verwendete ausschließlich echte Munition. Des Weiteren wurde Komm und sieh in chronologischer Reihenfolge und mit deutschen, russischen und englischen Dialogen gedreht. Das perfekte Zusammenspiel dieser exzessiv realistischen und surrealen Szenen macht den Film einprägsam und manche Szenen unvergesslich.

Komm und sieh

Ein weiteres Highlight des Films ist der Soundtrack, obwohl der Begriff Soundtrack weit hergeholt ist. Größtenteils werden die grausamen Bilder mit Geräuschen des Krieges untermalt. Die meiste Zeit hören die Zuschauer Schüsse und summende Laute im Wechsel mit Tiergeräuschen und Ausschnitten von klassischer Musik. Teils ist es schwierig, dieser Klangkulisse zuzuhören und manchmal sogar unerträglich. Sie spiegelt die Brutalität des Krieges erschütternd wider und lässt einen am grausamen Treiben regelrecht teilhaben. Eine Szene macht dies besonders deutlich. Nach einem Bombenangriff kann Fljora kurzzeitig nichts mehr hören. Auch die Zuschauer müssen sich mit diesem Schicksal geschlagen geben, denn sie vernehmen, ähnlich wie Fljora, minutenlang lediglich einen belastenden Piepton. Was aus heutiger Sicht für einen Antikriegsfilm weniger außergewöhnlich klingt, war zu der damaligen Zeit einmalig. Erst nach Filmen wie Der Soldat James Ryan wurde dieses Element zum Standard des Genres.

Komm und sieh - Ein zeitloses Meisterwerk

Wenn sich der Film dem Ende zuneigt, fühlt sich das fast wie ein Befreiungsschlag an. Nach über zwei Stunden möchte man nichts sehnlicher, als tief Luft zu holen und das Geschehene zu verarbeiten. Doch in den letzten Szenen erlebt Komm und sieh seinen Höhepunkt. Die letzten zehn Minuten wirken dabei nicht nur für Fljora wie eine emotionale Achterbahnfahrt, sondern auch für die Zuschauer. Der letzte Akt wird begleitet von einem der melancholischsten klassischen Werke, Lacrimosa aus Mozarts Requiem. Schonungslos ehrlich und brutal erinnert uns der Film an das dunkelste Kapitel unserer Geschichte. Er soll die Zuschauer nicht unterhalten, sondern daran gemahnen, was der Krieg mit Menschen anstellen kann. Er lehrt uns das Fürchten, nicht nur vor dem Krieg, sondern auch davor, wozu Menschen in der Lage sein können.

Komm und sieh

Nach diesem zweistündigen Horrortrip fällt es einem schwer, das Geschehene in Worte zu fassen. Eine gewisse Leere macht sich in einem breit. Elem Klimows stilistische und thematische Wahl verstärkt dieses Gefühl extrem. Kein Antikriegsfilm ist je schön anzusehen, aber wenn ihr euch über zwei Stunden durch Komm und sieh gekämpft habt, wirkt jeder andere Film wie ein Spaziergang. Kein Film schafft es, die Grausamkeit und Brutalität von Krieg dem Zuschauer so nahezubringen wie Komm und sieh. Elem Klimow nimmt die Zuschauer auf eine brutale und ehrliche Reise mit. Am Ende macht der Titel seinem Namen alle Ehre, denn einen so schonungslosen Einblick in den Krieg wird es auf der großen Leinwand nie wieder geben.

Was ist eurer Meinung nach der beste Antikriegsfilm aller Zeiten?

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