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Mein Herz für Klassiker

Ich, Metal Gear Solid 2 & mein Abschied von der Kindheit

Metal Gear Solid 2: Sons of Liberty
© Konami
Metal Gear Solid 2: Sons of Liberty
15.09.2015 - 09:00 Uhr
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Mit Metal Gear Solid V: The Phantom Pain erschien nun endlich der Titel, auf den ich mich in diesem Jahr bislang am meisten freute - und das über 13 Jahre nach meiner ersten intensiven Berührung mit der Reihe: Metal Gear Solid 2: Sons of Liberty.

Metal Gear Solid genießt mittlerweile einen unangefochtenen Klassiker-Status im latenten Genre des Stealth. Seinen ersten Auftritt zelebrierte Solid Snake, der grummelige, selbsternannte Nicht-Held der Geschichte, nicht aber mit diesem vielzitierten Titel, sondern mit Metal Gear, dem oftmals verschmähten Urgroßvater der Reihe. Das bereits 1987 auf dem MSX2-Heimcomputer erschienene 2D-Schleich-Action-Spiel legte zusammen mit seinem direkten NES-Nachfolger aus dem Jahr 1990, Metal Gear 2: Solid Snake, den Grundstein für eine der bekanntesten und am längsten währenden Videospielserien überhaupt.

Mit Metal Gear Solid bediente sich Schöpfer Hideo Kojima der basalen Prinzipien der Archetypen und fügte jene essentiellen Zutaten hinzu, die die damals fortschrittliche Technik der PS1 erst zur Verfügung stellte: Mit beeindruckender 3D-Grafik, cineastischen Zwischensequenzen und einer – wenn auch in Deutschland missratene – Sprachausgabe erschuf das Mastermind in Verbindung mit der ausgeklügelten, ernsten wie völlig abstrusen Agentengeschichte einen erinnerungswürdigen Meilenstein des Stealth-Genres. Zusammen mit Dark Project: Der Meisterdieb machte Metal Gear Solid in den Jahren 1998 und 1999 ein Genre salonfähig, das vor seiner Blütezeit in einer stockdusteren Nische schlummerte.

Solid Snake konnte in MGS2 nur während einer kurzen Mission auf einem Tanker gespielt werden.

Ich selbst sollte diese Offenbarung erst viel später vollends erfahren. Zwar kannte ich Metal Gear Solid aus einigen Nachmittagsbesuchen bei einem Schulfreund, jedoch verwehrten mir meine auf Jugendschutz bedachten Eltern das Agentenabenteuer auf Shadow Moses Island zunächst.

Erwachsenwerden mit Metal Gear Solid 2

Mein Einstieg ins Universum ging stattdessen etwas rumpelig vonstatten und war das Ergebnis einer quängeligen Kinderseele, die sich nicht mehr mit dem gängigen Schema von RPGs wie Final Fantasy X zufrieden geben wollte. Ich startete nicht bei der Eins, sondern bei der Zwei: Am 8. März 2002 erschien die langersehnte Fortsetzung der PS1-Ikone, Metal Gear Solid 2: Sons of Liberty. Mittlerweile angekommen in der Generation PS2 lächzte mein nun etwas aufmüpfiger gewordenes Ich nach angesagten, erwachseneren Videospiel-Erfahrungen, die ich verbaut in überspannten Storys mit viel Bumms und Knallerei meiner Klasse vorschwärmen konnte.

Als ich das Spiele-Cover von Metal Gear Solid 2, verziert von der künstlerischen Hand Yoji Shinkawas, im Laden entdeckte, war es um mich geschehen: Zu sehen war die Zentralfigur Solid Snake, bärtig, langhaarig und mit einer schallgedämpften Waffe in der Hand. Das Symbol meiner ganz eigenen Rebellion gegen die Kindlichkeit hing einige Zentimeter über mir im Regal und ich brauchte nur einen Erwachsenen der mir das Spiel herunterholt und in die aufgeregten Händchen drückt.

Neben einer Vielzahl von Feinden galt es auch, die nukleare Waffe Metal Gear Ray auszuschalten.

Mit Tränen und einem Schwall von sich wiederholenden Gegenargumenten gewann ich die anschließende lange Diskussion mit meinem Vater und bekam mit zwölf Jahren mein erstes, von meinen Eltern so genanntes ,,Schießspiel". Das was eigentlich als Stealth-Titel gedacht war, interpretierte ich um in einen Third Person-Shooter: Die mir fortan gegebene Möglichkeit, mit Schusswaffen - ob betäubende M9 oder tödliche Ak47 - auf zuweilen in ihrer Wahrnehmung etwas beschränkte feindliche Soldaten zu schießen, nutze ich konsequent aus. Die eigentliche Essenz des Spiels, das Schleichen, ignorierte ich während meiner ersten zwei Spieldurchläufe gekonnt, lernte aber deren Reiz später zu schätzen.

In der Tat ist Metal Gear Solid 2 neben Final Fantasy X eines der Spiele, die ich wohl am meisten durchspielte. Seinerzeit besaß ich nicht viele PS2-Titel und musste eben zwischen diesen beiden wählen. Was gerade bemitleidenswert klingt, hatte in der Retrospektive durchaus Vorteile: Ich erprobte jede noch so abwegige Schleich-Strategie, entdeckte vielerlei Easter Eggs wie Kojimas Cameo-Auftritte, schimpfende Papageien und rachsüchtige Möwen und mit stoischer Geduld erschlich ich mir alle Hundemarken der Soldaten. Die damalige (Zwangs-)Möglichkeit, Metal Gear Solid 2 vollends auszureizen, ist letztendlich daran schuld, dass mir der Titel heute so am Herzen liegt.

Genialer Wahnsinn

Metal Gear Solid 2 beginnt nicht mit dem bärtigen, Zigaretten rauchenden Bandana-Träger, der das Cover des Spiels zierte. Die Eröffnungssequenz startet mit Raiden, einem grazilen Jüngling mit mittellangen blonden Haaren, dessen Anwesenheit einen Großteil des anschließenden Spielgeschehens dominiert. Entgegen der breit gefächerten Meinung akzeptierte ich Raiden und begab mich auf die Meeresreinigungsanlage Big Shell, um nicht nur eine Handvoll Geiseln sondern auch den US-amerikanischen Präsident höchstpersönlich aus den Fängen einer terroristischen Organisation, den titelgebenden Sons of Liberty, zu befreien. Doch wie von den Spielen dieser Reihe gewohnt, ist dies nur der winzige Aufhänger einer so wuchtigen Geschichte, die so komplex, schlau und verwirrend ist, dass ich sie mit dem Habitus einer Zwölfjährigen nur schemenhaft verstand.

Vamp ist wohl einer der markantesten Bösewichte des Spiels.

Hideo Kojima ist ein Denker, ein Visionär und progressiver, brillanter Geist, dem ich aufgrund seines erfolgreichen Vorhabens, eine Videospielreihe mit philosophischen und politischen Fragen zu spicken, meinen allergrößten Respekt zolle. Auf Ernst trifft Humor; Auf gesellschaftlich relevante Themen treffen völlig abstruse Charaktere wie der schier unsterbliche Vamp oder korpulente Bombenspezialist Fatman, der es vorzieht, auf Inlineskates seines Amtes zu walten. Die Auswüchse von Hideo Kojimas genialem Wahnsinn wirbelten wie ein Schwarm Heringe durch mein Hirn: So Manchen konnte ich fassen, So Mancher entglitt mir vollends.

Jedes erneute Beenden von Metal Gear Gear Solid 2: Sons of Liberty gibt einen weiteren Impuls dafür, sich über Hideo Kojimas exzentrische Genialität auf der einen Seite und über die großen Fragen der Gesellschaft auf der anderen Seite den Kopf zu zerbrechen. Den Grundgedanken Hideo Kojimas, den ich als Kind nicht greifen konnte, berühre ich heute 13 Jahre nach dem ersten Beenden zumindest mit den Fingerspitzen: Nicht Geld, nicht Militär, nicht nukleare Waffen sondern Informationen sind jene harten Mittel der Macht, die es einer fiktiven Organisation wie den Patriots erlauben, die gesamte Weltbevölkerung unter ihrer Kontrolle zu halten. Was Kojima bereits vor über 13 Jahren schon zum Sujet einer völlig verqueren Militär-Illustration machte, begegnet uns heute im Jahr 2015 täglich, leise und schleichend.

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