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Aufreger der Woche

Geheiligt sei das Filesharing in Schweden, Amen

14.01.2012 - 08:50 Uhr
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Der etwas andere Glauben
© Wikimedia Commons/moviepilot
Der etwas andere Glauben
Es gibt Nachrichten, die lassen einen staunend zurück, da sie wahrlich kurios sind. Eine Meldung aus Schweden, die wir diese Woche zu lesen bekamen, gehört unbedingt dazu.

Viele Menschen empfinden eine Glaubensgemeinschaft als etwas erfüllendes. Doch die anerkannten Weltreligionen bieten nicht jeder spirituellen Person das, was sie sich wünscht. Deswegen schießen immer wieder mehr oder minder kuriose Bewegungen aus dem Boden, die ihre Anhänger haben.

Eine schwedische Gemeinschaft, die Filesharing und Kopieren zum Mittelpunkt ihres Glaubens gemacht hat, ist diesmal der Aufhänger für den Aufreger der Woche.

Neue Religionen
Es gibt zahlreiche religiöse Gruppierungen mit skurrilem Ursprung auf der Welt. Die Iglesia Maradoniana – La Mano de D10S huldigt beispielsweise dem früheren Weltklassefußballer und heutigen Durchschnittstrainer Diego Armando Maradona. Das lässt sich nachvollziehen, ist Maradona doch in vielerlei Hinsicht erfolgreicher als Jesus Christus, der schließlich nie einen Weltmeistertitel gewonnen hat und auch nicht zum Jahrhundertspieler gewählt worden ist. Auch der Jediismus, der auf Grundlage der Star Wars –Filme von George Lucas das Beste aus Christentum, Buddhismus, Daoismus und Shintoismus vereint, erfreut sich immer größerer Beliebtheit und ist in Neuseeland mittlerweile als Religion anerkannt. Doch damit ist das Ende der Kirchengründungen noch nicht erreicht, denn erst vor kurzem wurde in Schweden die “Missionierende Kopimisten-Gemeinschaft Kopimistsamfundet” als religiöse Gemeinschaft anerkannt.

Die heilige Kopie
Sich unter dem sperrigen Namen etwas vorzustellen, ist zunächst einmal recht schwierig. Dabei ist der Kern dieses Glaubens ganz einfach: Die Kopimisten – der Name leitet sich vom englischen “copy me” ab – betrachten Kopierschutz als Sünde, da Informationen jedem offen zur Verfügung gestellt werden sollen. Die Vervielfältigung ist demnach geradezu heilige Pflicht, die Kopie von Bildern, Musikstücken oder Filmen ist nur ein Zeichen des Respekts gegenüber dem Urheber. Dass der spirituelle Führer Isak Gerson und seine knapp 3000 Jünger das Ganze mit einem Augenzwinkern versehen haben, versteht sich von selbst und ist unschwer an ihren religiösen Symbolen Ctrl+C und Ctrl+V zu erkennen. Schweden ist schließlich auch das Land der ersten Piratenpartei, Filesharing ist in diesem Staat im Norden ein Dauerthema von Diskussionen.

Der Ernst im Spaß
Trotz des offensichtlichen Spaßcharakters dieser Glaubensgemeinschaft steckt einiges an Zunder in ihren Forderungen, denn diese sind originär politischer Natur. Die Kopimisten treten für eine Liberalisierung des Urheberrechts ein. Isak Gerson sprach nicht zuletzt davon, dass er und seine Jünger “politisch für eine Welt kämpfen, in der Kopieren nicht nur akzeptiert, sondern sogar unterstützt wird”. Sich für eine sinnvolle, der modernen Zeit angepassten Gesetzgebung einzusetzen, ist durchaus ehrbar. Bei allem Jux, der in der Aktion steckt, jedoch dafür zu plädieren, künstlerisch tätigen Menschen die Lebensgrundlage zu entziehen, indem Kopien als völlig in Ordnung propagiert werden, geht doch etwas zu weit.

Noch ist die “Missionierende Kopimisten-Gemeinschaft Kopimistsamfundet” nicht mehr als eine satirische Aktion und ein Symbol für die Internetbewegung, die Filesharing aus der Illegalität herausholen will. Dagegen ist nichts einzuwenden. Nur würden die Mitglieder dieser Gemeinschaft auch noch rumulken, wenn sie selbst schöpferisch tätig wären und dafür nicht ausreichend entlohnt werden würden, weil lieber kopiert oder getauscht als gezahlt wird? In jedem Spaß steckt ein Körnchen Wahrheit, und die der Kopimisten sieht so aus, dass alles jedem gehört. Das tut es aber nicht. Vielleicht wäre es besser, wenn künftige Religionen sich wieder an Zimmermännern, Fußballern oder Lichtschwertschwingern orientieren würden, anstatt kurzgegriffene politische Ziele zu verfolgen.

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