Frust im Multiplayer: Wir rauben uns selbst den Spaß

01.07.2016 - 16:00 UhrVor 7 Jahren aktualisiert
Overwatch
Blizzard Entertainment
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Wer online spielt, muss mit Beleidigungen rechnen. Das ist eine Erfahrung, die die meisten von uns bereits machen mussten. Auch die ehemals gelobte, ausgelassene Stimmung auf den Overwatch-Servern wird allmählich immer unangenehmer.

Meine erste Erfahrung mit dem Multiplayer-Modus eines Spiels war eine LAN-Party. Kurz nach meinem 14. Geburtstag fuhr mich mein Vater fast 50 Kilometer weit zum vereinbarten Treffpunkt, ein altes Bauernhaus mit einem weiträumigen Keller. Ich wuchtete einen riesigen Röhrenmonitor aus dem Kofferraum, gefolgt von einem mausgrauen Rechner und kämpfte mich durch ein Chaos aus Strom- und LAN-Kabeln an einen freien Platz.

Counter-Strike: Ein altes Synonym für LAN-Party.

Die Gastgeber erwarteten mich bereits. Ich war mit Abstand der Jüngste, die übrigen Spieler kratzten schon am 20. Geburtstag, sie lebten in einer völlig anderen Welt als ich. Und trotzdem verband uns das Spielen in einer Gruppe, auch wenn ich damals weder Counter-Strike noch Call of Duty sonderlich gut beherrschte. Es ging um das gemeinsame Erleben. Wir jubelten, schrien und fluchten. Und Pizza gab es auch noch.

Heute sieht das alles ein wenig anders aus. LAN-Parties sind dank des Internets für viele Spieler keine echte Wochenend-Alternative mehr, sondern haben sich stattdessen zu riesigen Events, regelrechten Happenings, entwickelt. Auf der amerikanischen QuakeCon kommen jährlich tausende Spieler samt Rechner und Monitor zusammen und auch in Deutschland gibt es immer wieder landesweite Treffen für LAN-Party-Liebhaber. Doch der einfache Multiplayer-Alltag findet mittlerweile auf der Couch oder am Schreibtisch statt, via Headset und Team-Chat miteinander verbunden. Das ist zunächst alles andere als grundsätzlich schlecht — doch diese räumliche Distanz zu den Mitspielern enthemmt, in manchen Spielen mehr als in anderen. Und unter den Folgen leiden letztendlich alle.

Kann es einen Happy Place für Multiplayer-Spieler geben?

Meine Liebe zu Multiplayer-Spielen hat mich wie viele hunderttausend Andere auf die Server von Overwatch geführt. Das Interesse an diesem Spiel war seit der Ankündigung des bunt-abgedrehten Titels riesig: Wie gut kann der Shooter von Blizzard wohl werden, die seit Jahrzehnten kein großes neues Franchise mehr ins Leben gerufen haben?

Overwatch begeisterte auf Anhieb Spieler und Presse gleichermaßen.

Der mutige Versuch gelang, darüber waren sich Beta-Tester, Presse und Spieler schnell einig. Overwatch ist einsteigerfreundlich und trotzdem fordernd, kurzweilig, technisch einwandfrei und punktet außerdem mit einem erfrischenden Charakter-Design. Noch dazu wird eine weitere Eigenschaft des Shooters in fast jeder Kritik ausschweifend gelobt: Der Fokus auf Team-Leistungen und das Wegfallen klassischer "Ich bin der Geilste und ihr nicht!"-Mechanismen wie Punktetafeln oder Spott-Animationen kurz nach einem erfolgreichen Abschuss. All diese Design-Entscheidungen ermöglichten eine unerwartet entspannte, freundliche Atmosphäre in einem Multiplayer-Spiel, das auch nach mehreren Niederlagen in Folge nicht wirklich frustrieren konnte. Doch je mehr Verkaufsrekorde Overwatch brach , desto spürbarer kippte auch die Stimmung auf den Servern.

Die Beta nicht mitgerechnet habe ich seit Release bisher über 70 Stunden mit Blizzards Shooter verbracht, ich spiele täglich — und bemerke, wie sich der Umgangston entschieden verändert hat. Beleidigungen, Vorwürfe und sonstige verbale Angriffe sind von der Ausnahme zur Regel geworden.

Die Schlussfolgerung aus dem nun deutlich raueren Umgangston stellt sich als außerordentlich ernüchternd heraus: Noch nie war ein trotz allem kompetitiver Multiplayer-Shooter so nah an einem vollkommen frustfreien Spieldesign wie Overwatch und dennoch begann die Community, irgendwann doch übereinander herzufallen. Das Problem des toxischen Online-Klimas kann also ganz offensichtlich nicht alleine von den Entwicklern gelöst werden. Wir können keinen virtuellen Happy Place erwarten, der mit unsichtbaren Händen die Ordnung aufrecht erhält — wir müssen ihn schon selbst gestalten.

BREAKING NEWS: Respekt und Fair Play machen Spaß

Versteht mich nicht falsch: Ich sehe mich bei dieser Aufgabe sicher nicht auf einer Plattform stehen, die weit über den Köpfen aller anderen Spieler schwebt. Ganz im Gegenteil.

Ehre wem Ehre gebührt: Am Ende einer Runde wird die beste Aktion nochmals gezeigt.

Während einiger besonders anstrengender Runden League of Legends habe ich schon die ein oder andere Tastatur zerbrochen und mit der Hilfe des Multiplayer-Modus von Call of Duty ist auch schon mal mein Lieblingscontroller aus dem Fenster geflogen. Ich bin ehrgeizig, temperamentvoll und emotional. Oder habe manchmal einfach nur einen schlechten Tag. Eine Entschuldigung dafür, mit diesen Handicaps im Rücken auch meinen Mitspielern den Spaß zu verderben, ist das allerdings nicht.

Vor zwei Jahren hatte ich das Glück, während eines eSport-Turniers mit einem Riot-Mitarbeiter zu sprechen, der sich täglich die Report-Nachrichten gemeldeter League of Legends-Spieler durchlesen muss. Er offenbarte mir, dass an jedem Werktag seit über vier Jahren zuverlässig zwischen 17 und 19 Uhr die meisten Beschwerden bei ihm eintreffen. Grund dafür: Spieler kommen gestresst von der Schule, Uni oder dem Arbeitsplatz nach Hause, starten erst einmal eine Runde League of Legends — und lassen ihre Laune an dem eigenen oder gegnerischen Team aus.

Von meinem persönlichen Erfahrungen weiß ich, dass Spielern das eigene Fehlverhalten durchaus auch im selben Moment bewusst wird. Doch dann ist der Schritt plötzlich nicht mehr weit, von sich selbst enttäuscht und frustriert vom unnötigen Fegefeuer zu sein, das sich im Chat allmählich ausbreitet. Noch mehr Fehler passieren. Noch mehr Vorwürfe werden geschrieben. Ein Teufelskreis, den viele von uns kennen. Mittlerweile kann ich kaum noch eine Runde League of Legends spielen, ohne einen Großteil des Teams stummzuschalten. Das ist ärgerlich und traurig. Und ich will nicht, dass dieses Schicksal nun auch Overwatch ereilt. So machen wir uns nur selbst ein weiteres Multiplayer-Spiel kaputt, schon wieder.

Fair Play, Respekt und Spielspaß schließen sich nicht aus — im Gegenteil!

Immerhin kennen wir bereits das Gegenmittel für diese schleichende Entwicklung, die bereits eingesetzt hat: Wenn wir freundlich oder zumindest respektvoll miteinander umgehen, profitiert jeder davon. Ich weiß selbst, wie schwer es manchmal fällt, Provokationen zu schlucken oder den Frust zu vergessen, aber dieses Minimum an Disziplin, das heute auf so vielen Multiplayer-Servern fehlt, lohnt sich.

Ich durfte dieses Gefühl des gemeinsamen Fair Play in den Anfangstagen von Overwatch erleben und glaubt mir, ihr wollt das auch. Und Himmel noch mal! Ich will meinen nächsten Text über Online-Communities nicht noch einmal mit einer Kindheitserinnerung aus den späten 90ern beginnen müssen! Viel, viel lieber würde ich etwa so einleiten wollen:

"Einige meiner besten Multiplayer-Erfahrungen machte ich mit Blizzards Shooter Overwatch. Ganz egal, wie gut oder schlecht die Mitspieler dort waren: Uns verband das Spielen in einer Gruppe, es ging um das gemeinsame Erleben. Wir jubelten, schrien und fluchten — und nur Pizza fehlte uns noch zum perfekten Glück."

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