Fantastische Fantasy

Drachenjagd schwer gemacht im Test zu Dragon Age: Inquisition

Dragon Age: Inquisition
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Verlasst bitte die Hinterlands.

Es ist ein Hinweis, der seit der Veröffentlichung des Fantasy-RPGs Dragon Age: Inquisition häufig auf Twitter zu lesen war, meistens geschrieben von einem mal mehr und mal weniger verzweifelt/belustigt wirkenden Mitarbeiter von BioWare. Es ist ein gut gemeinter Rat, auch wenn er für mich etwas zu spät kam. Zu diesem Zeitpunkt hatte meine Zeit im Startgebiet von Dragon Age: Inquisition bereits eine zweistellige Stundenzahl erreicht und ich war schweren Herzens, so viele Aufgaben unerledigt zu lassen, von allein weiter gezogen, um mit der eigentlichen Geschichte des Spiels fortzufahren.

Es ist unglaublich leicht, sich in der Welt von Inquisition zu verlieren. Das liegt nicht nur an der immensen Größe der abwechslungsreichen Gebiete, die ihr nach und nach mit neuen Missionen und neu gewonnener Macht freischaltet und immer wieder besuchen könnt, sondern vor allem daran, dass es nie an kleinen oder großen Aufgaben mangelt, die es zu erledigen gilt. Euer Inquisitor hat jede Menge zu tun, denn Thedas befindet sich im Aufruhr.

Schuld daran ist nicht nur der nun offen wütende Krieg zwischen den Templern und den Magiern, der seit den Ereignissen von Dragon Age II eskaliert ist, sondern auch ein Riss im Schleier der Welten, durch den mehr und mehr Dämonen ihren Weg aus dem Fade in die Realität finden. Er entstand durch eine zerstörerische Explosion während eines Friedensgipfels, der den Krieg hätte beenden sollen und dem fast alle zum Opfer fielen, die dazu in der Lage gewesen wären. Nur eine einzige Person hat die Katastrophe überlebt und besitzt nun die Fähigkeit, die sich verbreitenden Risse zu schließen: ihr.


Wer genau ihr seid, das liegt in eurer Hand. Wie für eines seiner Rollenspiele üblich, gibt euch Entwicklerstudio BioWare jede Menge Möglichkeiten an die Hand, einen individuellen Charakter zu erstellen. Geschlecht, Rasse (Mensch, Elf, Zwerg, Qunari), Klasse (Magier, Schurke, Krieger), Stimme und Aussehen bleiben euch überlassen – und das sind erst die Auswahlmöglichkeiten im Charakter-Creator, denn auch sexuelle Orientierung, politische Haltung und Persönlichkeit werden nach und nach durch eure Entscheidungen geformt.

Mein erster Charakter war ein weiblicher Qunari/Tal-Vashoth und eine Magierin. Dragon Age: Inquisition bietet zum ersten Mal die Möglichkeit, ein Mitglied der gehörnten Riesen zu spielen, die im zweiten Teil der Dragon Age-Reihe eher negativ auffielen, als sie Kirkwall besetzten. Zu meiner großen Freude gab es kaum einen Charakter, der nicht den Kopf in den Nacken legen musste, um zu ihr hinauf zu blicken und ihre Größe und Abstammung wurden immer wieder kommentiert.


Dass nicht nur große, sondern auch kleine Entscheidungen Einfluss auf die Welt und die NPCs nehmen, lässt sie unglaublich lebendig wirken. Sogar noch stärker als bei den Vorgängern oder der Mass Effect-Reihe, werden wir dazu verlockt, stehen zu bleiben und den Gesprächen der Bewohner Thedas zu lauschen, um ein besseres Bild ihres Lebens und der politischen Lage zu bekommen.

Obwohl Dragon Age schon immer ein Franchise mit einer sehr durchdachten Historie war, hat es mich dennoch überrascht, wie tief Inquisition in die Politik und Ideologien der verschiedenen Königreiche eintaucht, noch dazu ohne dabei zu überfordern. Ihr bekommt alle Informationen durch Briefe, Bücher, belauschte Konversationen und natürlich Gespräche mit NPCs. Anders als in vielen anderen Rollenspielen nimmt sich Inquisition die Zeit, selbst kleinere Charaktere dank exzellentem Voice Acting und interessanten Dialogen mit einer Persönlichkeit auszustatten. So fühlen sich selbst dröge Fetch-Quests ein wenig bedeutender an – zumindest manchmal.


Besonders interessant wird der politische Aspekt, weil er kein einfaches Schwarzweiß-Denken ermöglicht. Es gibt keine wirklich richtigen oder falschen Antworten und keine Situation ist so einfach, wie sie im ersten Moment wirkt. Das führt euch Inquisition bei jeder Gelegenheit vor Augen, sei es eben durch die bereits erwähnten Gespräche oder die Entscheidungen, die ihr trefft und mit deren Konsequenzen ihr leben müsst. Wer an eurer Seite kämpft und wer sich gegen euch stellt, hängt davon ab, wie ihr euch in bestimmten Situationen entscheidet und wie ihr reagiert. Erfahrene Dragon Age-Spieler sehen dank Dragon Age Keep außerdem, welche Folgen ihre früheren Taten hatten, was den Ton einiger Missionen und Charaktere stark verändern kann.

Neben dem entscheidungsabhängigen Storytelling sind BioWare-Spiele vor allem für ihre Charaktere bekannt, besonders die Begleiter, die euch das Studio in jedem seiner Spiele zur Seite stellt. Neben Gefährten, die euch auf euren Abenteuern begleiten, gibt euch Dragon Age: Inquisition einen Stab an Beratern an die Hand, die euch auf unterschiedliche Weise unterstützen. Der ehemalige Templer Cullen kümmert sich um militärische Aspekte, Schwester Leliana arbeitet als Spionagemeistern in den Schatten und Botschafterin Josephine repräsentiert die diplomatische Seite der Inquisition. Sie sind eine passive Unterstützung, die ihr am War Table einsetzt, um an euch gerichtete Anfragen zu bearbeiten. Es sind keine aktiven Missionen, die ihr selbst bestreitet. Stattdessen werden in eurem Namen Agenten geschickt und ein Counter zeigt euch an, wann ihr eine Belohnung für die Lösung eines Problems erhaltet. Als Berater präsentieren Cullen, Josephine und Leliana euch außerdem mehrere Möglichkeiten, wie ihr an eine Herausforderung herangehen könnt und bieten unterschiedliche Sichtweisen auf Ereignisse, zusätzlich zu denen eurer Begleiter.


Mit Dragon Age: Inquisition beweist BioWare wieder einmal, dass sie Meister darin sind, glaubwürdige und facettenreiche Charaktere zu erschaffen. Sei es der homosexuelle und sarkastische Magier Dorian, die verrückte Elfe Sera, die mit Magie gar nichts, dafür mit Frauen aber umso mehr anfangen kann, die elegante Hofmagierin Vivienne, die besser in ein Modemagazin zu passen scheint als auf ein Schlachtfeld oder natürlich der Qunari-Krieger Iron Bull, der für eine der besten Sexszenen der Videospielgeschichte sorgt und im Kampf mit Drachen gern über Masturbation spricht.

Keiner eurer Gefährten gleicht dem nächsten, was ihr unter anderem daran zu spüren bekommt, dass sie sich nur selten einig sind. Ihre Meinungen sind so polarisierend wie ihre Hintergründe, die sie beeinflussen. Das merkt ihr unter anderem am dieses Mal etwas obskuren Zustimmungssystem, das nicht mehr so leicht zu durchschauen ist wie noch in Dragon Age: Origins oder Dragon Age II und sich daher auch nicht so einfach manipulieren lässt. Um zu wissen, wie eure Begleiter auf etwas reagieren, müsst ihr ihnen tatsächlich zuhören und auf sie eingehen. Andernfalls kann es durchaus sein, dass sie euch verlassen oder hintergehen.


Die Interaktionen mit den Begleitern haben schon immer zu meinen Lieblingsmomenten in BioWare-Spielen gehört und auch Inquisition bildet keine Ausnahme. Daher bin ich sehr glücklich, dass es davon mehr als je zuvor geben scheint, weil sie wieder an Romanzen und Nebenmissionen gekoppelt sind. Diese lenken aber, anders als zum Beispiel in Mass Effect 2, nie von der Hauptmission ab, sondern tragen fast immer zum Kampf gegen eure Feinde bei.

Und Feinde gibt es bekanntlich viele, denn nicht nur Magier, Templer, diverse Kulte und eine unbekannte Macht wollen euch an den Kragen, auch die Tierwelt meint es nicht immer gut mit euch und Politiker und Adel schon gleich gar nicht. Während ihr bei Letzteren euer politisches Gespür beweisen müsst, hilft bei anderen rohe Gewalt mit einer Spur taktischem Geschick.

Das Kampfsystem von Dragon Age: Inquisition verknüpft das taktische Vorgehen aus Origins mit der Actionlastigkeit aus Dragon Age II in einer nahezu perfekten Mischung. Wie viel Taktik ihr benötigt, hängt in großen Teilen vom gewählten Schwierigkeitsgrad ab. Je schwieriger das Spiel, desto mehr müsst ihr euer Vorgehen planen und eure Gefährten entsprechend einsetzen. Im Kampf selbst könnt ihr zwischen ihnen hin- und herspringen, während die KI sich der anderen Figuren annimmt.


Das ist unter anderem praktisch, wenn ihr bei einem Gegner merkt, dass eine andere Klasse als eure effektiver Schaden austeilen kann. Während ich meine offensive Magierin normalerweise sehr zu schätzen wusste, merkte ich zum Beispiel, dass ich in Kämpfen gegen die in Inquisition sehr viel mächtigeren Drachen einen Schurken mit Dolchen bevorzuge, weil er Angriffen leichter ausweichen kann.

Das Kampfsystem ist solide, wenn vielleicht etwas zu klassisch geraten. Die Verfeinerung von und Konzentration auf frühere Stärken funktioniert allerdings, denn auch nach vielen, vielen Stunden in den Wüsten, Eislandschaften und Sümpfen von Thedas macht es noch immer Spaß. Spannend ist die spätere Spezialisierung, die pro Klasse noch einmal die Wahl zwischen drei verschiedenen neuen Skill-Trees ermöglicht. Attribute könnt ihr hingegen nicht selbst verteilen, das geschieht nur durch das Anlegen von Ausrüstung.

Hier kommt das neue Crafting-System zum Tragen, mit dem ihr Rüstungen, Waffen, Verbesserungen oder Dinge für die Inquisition herstellt, um eure Truppen zu stärken und so weitere Gebiete und Missionen am War Table freizuschalten. Das hat zwar zur Folge, dass ihr viele Steine sammeln und Pflanzen pflücken müsst, allerdings fühlt sich das Resultat sehr befriedigend an, weshalb der Sammeltrieb in den meisten Fällen zu verschmerzen ist. Vielleicht kommt hier auch nur der chronische Sammler in mir durch.


Nicht zu verschmerzen sind allerdings einige technische Aspekte, mit denen ich besonders auf der PS4 zu kämpfen hatte. Kleinere Glitches und Clipping-Fehler waren noch erträglich, Drops in der Framerate und Soundprobleme hingegen weniger. Gerade der Bug, der Hintergrundgespräche eurer Begleiter stoppt, ist problematisch, da Party-Banter zu den besten Dingen an BioWare-Spielen gehört und seine Abwesenheit über die lange Spielzeit hinweg schmerzlich auffällt. Besonders in Momenten, in denen sich eure Gefährten unterhalten, wird das klar, weil ihr so nicht nur mehr über die Welt und sie selbst erfahrt, sondern auch, was so abseits des Schlachtfelds geschieht.

Am problematischsten war ein Bug, der dafür sorgte, dass ich einige Cutszenes völlig überspringen musste, um weiterspielen zu können, da das Spiel sonst einfror. Besonders viel Spaß hatte ich an diesem Fehler im finalen Kampf der Hauptstory, dessen Ende ich aus diesem Grund in meinem ersten Playthrough nicht sehen konnte.

Bis diese Fehler behoben wurden, würde ich daher eher zur PC-Version raten, mit der ich weniger Probleme hatte, sofern man die gewöhnungsbedürftige und sehr Konsolen-artige Steuerung nicht mitzählt, die sich allerdings mit einem Controller beheben lässt. Aber das dürfte für viele nicht wirklich Sinn eines PC-Spiels sein.

Fazit

Dragon Age: Inquisition ist nicht nur der Beweis, dass BioWare die Kritik an Dragon Age II ernst genommen hat, sondern auch, dass das Studio genau weiß, wo seine Stärken liegen. Der große Fokus auf lebendige, vielfältige Charaktere und eine Story, die auch nach vielen Stunden noch für Überraschungen sorgt, macht das Fantasy-RPG zu einer Glanzleistung des interaktiven Storytellings, das genau die richtige Balance zwischen Dramatik und Humor findet.

Nach über 100 Stunden in einem Playthrough habe ich noch nicht das Gefühl, alles gesehen zu haben und vor allem nicht, alle Geschichten entdeckt zu haben. Die bildschöne, farbenfrohe Welt lädt zum Verweilen ein und dank der unterschiedlichen Entscheidungsmöglichkeiten gibt es immer einen Grund, zurückzukehren – auch in die Hinderlands.

Das größte Problem von Inquisition dürfte BioWare in naher oder ferner Zukunft am eigenen Leib zu spüren bekommen, denn es wird schwierig für sie werden, den exzellenten dritte Teil der Dragon Age-Reihe noch zu übertreffen.

Dragon Age: Inquisition wurde in Form eines Codes und einer Disc von Electronic Arts bereitgestellt und sowohl auf PC als auch PS4 getestet. Alle Aussagen beziehen sich auf den Singleplayer-Modus.

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