Der Home-Invasion-Film - Wenn das traute Heim zur Hölle wird

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19.10.2018 - 11:15 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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Plötzlich steht ein Fremder im Zimmer und das eigene Heim verwandelt sich in einen Ort der Hölle. Überaus effizient triggert der Home-Invasion-Film eine unserer größten Ängste, indem er uns uns nirgends sicher und erst recht nicht zuhause fühlen lässt.

Als Subgenre des Thrillers wird der Home-Invasion-Film nicht selten mit Elementen des Horrorfilms angereichert, um die Angst im Kino lebendig werden zu lassen. Es geht um Einbrüche und Grenzüberschreitungen, die das traute Heim in einen Ort voller tödlicher Gefahren verwandeln. Das Böse dringt sowohl im sprichwörtlichen als auch im übertragenen Sinn in die Privatsphäre der Protagonisten ein, während uns Zuschauern selbst ein kalter Schauer über den Rücken läuft. Die Möglichkeit eines solchen Übergriffs ist nicht unrealistisch und triggert ähnliche Urängste wie beispielsweise der Body-Horror, der uns von unserem eigenen Körper entfremdet. Beim Home-Invasion-Film nimmt unsere unmittelbare Umgebung diesen Platz ein, vorzugsweise in Form eines Hauses, das bestimmt ist, als Rückzugsort und sicherer Hafen zu dienen. Im Rahmen unseres Themenspecials Angst, Schrecken, Panik - Horror-Monat 2018 beschäftigen wir uns nachfolgend ausführlicher mit dem Home-Invasion-Film.

Sobald die Nacht einbricht, ist im Home-Invasion-Film niemand mehr sicher

Trotz dicker Mauern, verschlossener Türen und Überwachungskameras führt der Home-Invasion-Film die schwachen Stellen eines Eigenheims vor. Keine Präventivmaßnahme ist dem Extremfall gewachsen, wie die lange Geschichte des Genres regelmäßig beweist. Selbst in einer Zeit fortschrittlicher Technologie finden die Eindringlinge stets einen Weg, um an jene Orte zu kommen, die der Außenwelt verborgen bleiben sollten. Ein versteckter Schatz, ein persönlicher Racheakt oder ein ge­ne­ra­ti­o­nen- und gesellschafts­über­grei­fender Streit: Die Täter sind zu unaussprechlichen Dingen bereit, um sich das zu holen, was sie wollen. Je mehr Profil sie erhalten, desto größer werden allerdings auch ihre Zweifel, denn die Zeit, die während den meist groß angelegten Einbrüche vergeht, fördert moralische Konflikte zutage, mit denen keiner der Beteiligten gerechnet hat.

Blind Alley

Am bedrohlichsten ist der Home-Invasion-Film jedoch, wenn seine Täter keine genau definierbaren Motive besitzen und sich somit die Unberechenbarkeit und das Chaos zum ultimativen Vorteil gegenüber den Opfern machen, die zwar überaus vertraut mit dem Ort des Geschehens sind, diesen Vorteil jedoch erst im Verlauf der Geschichte für sich entdecken müssen. Plötzlich wird das letzte, selbst geschaffene Idyll von Familie und Sicherheit eingerissen und zum Schauplatz eines unerbittlichen Kampfs auf Leben und Tod erklärt. Von diesem konkreten Konzept war 1939 zwar noch nicht so viel zu entdecken, als sich Charles Vidor mit Blind Alley zum ersten Mal in die Home-Invasion-Richtung wagte, in dem ein Psychiater, der als Geisel genommen wurde, anfängt, den Geiselnehmer zu therapieren. Rund 15 Jahre später waren die Grundrisse dafür umso deutlicher abgesteckt.

Vorbereitete Täter und unvorbereitete Opfer im Home-Invasion-Film

An einem Tag wie jeder andere führt den Einbruch ins traute Heim genauso schlicht wie effizient durch, während es sich drei Männer im Haus einer Familie gemütlich machen und für ein zweitägiges Luftanhalten sorgen, ehe die Situation im Finale eskaliert. In knapp zwei Stunden hat William Wyler mit seinem Werk die Blaupause für alle nachfolgenden Home-Invasion-Filme geschaffen, die sichtlich Freude daran hatten, die einzelnen Bestandteile zu variieren, um dadurch die Spannungskurve und Komplexität des gezeigten Geschehens zu steigern. Dabei offenbaren sich vor allem zusätzliche Hürden für die sowieso unvorbereiteten Protagonisten, die sich gegen ihre Kontrahenten durchsetzen müssen. Audrey Hepburn als blinde Susy Hendrix in Terence Youngs Warte, bis es dunkel ist von 1967 wäre das beste Beispiel für eine solche Variation.

Warte, bis es dunkel ist

So wie der Slasherfilm über die Jahre hinweg u. a. sogar von seinem Mitbegründern (Wes Craven, Scream) auf den Kopf gestellt und hinterfragt wurde, begleitet auch den Home-Invasion-Film eine lange Tradition an stets wiederkehrenden Elementen und Motiven, die später in einem völlig neuen Kontext aufgegriffen wurden. Fede Alvarez kehrte die Prämisse von Warte, bis es dunkel wird etwa einfach um: In Don't Breathe ist der Bösewicht des Films der Blinde, der in seinem Haus von einer Gruppe junger Menschen mehr oder weniger erfolgreich überfallen wird. Das Spiel mit den veränderten Perspektiven greift auch Alexandre Aja auf, wenn er uns in High Tension zum Killer werden lässt, der im fremden Heim Unruhe stiftet. Michael Hanekes Funny Games-Filme lassen die Home-Invasion derweil mitten am Tag stattfinden und in Breaking In muss Gabrielle Union ins eigene Haus einbrechen, um ihre Kinder vor den zuvor dort eingebrochenen Kriminellen zu beschützen.

Die Eroberung des filmischen Raums als Trumpf des Home-Invasion-Films

Die Spannung resultiert aber in jedem der genannten Fälle aus dem Ungleichgewicht, das zwischen Protagonist und Antagonist, zwischen Opfer und Täter existiert. Ein weiteres verbindendes Element bleibt in jeder Version des Home-Invasion-Films die Bedeutung des filmischen Raums. Durchdacht in Szene gesetzt, kann hier gleich auf mehreren Ebenen eine Geschichte erzählt werden. David Fincher lässt seine Kamera beispielsweise problemlos durch das gesamte Haus in Panic Room gleiten, während sich die Figuren auf Zehenspitzen bewegen müssen und sich somit nur mühsam von Raum zu Raum schleichen können. Inside - Was sie will ist in dir spielt indessen mit der Idee, dass unser Heim eine Verlängerung unseres Körpers darstellt, und lässt im gleichen Atemzug eine Home-Invasion auf verstörende Weise mit einer Schwangerschaft kollidieren.

Inside

Dass der filmische Raum zudem begrenzt ist, kommt dem Home-Invasion-Film nur zugute. Der zentrale Schauplatz ist schnell vorgestellt, ebenso wie die Regeln, die diesen bestimmen. Wie auf einer Bühne kann sich aber auch hier eine verborgene Falltür verstecken. Spannend ist dementsprechend zu sehen, wie die Figuren sich durch ihre zu Gefängnissen mutierten Häuser manövrieren und zuvor etablierte Gesetze außer Kraft setzen, um zu überleben. Dazu gehört wahlweise auch die Aktivierung oder Deaktivierung eines Sicherheitssystems, die unter Umständen für weit mehr als den praktischen Nutzen steht. Der Home-Invasion-Film erzählt immer auch eine Geschichte vom Verlust der Norm. So passiert es, dass sich die Protagonistin in Robert M. Youngs Extremities schließlich mit ihren besten Freundinnen zusammentut, um sich von ihrer Opferrolle in eine potenzielle Täterrolle zu begeben, nachdem sie sich in ihrem eigenen Zuhause komplett von sich selbst entfremdet hat.

Welcher Home-Invasion-Film jagt euch am meisten Angst ein?

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