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Die Zeugen Nippons - Teil 3

Das dubiose Glück gefolterter Frauen

07.10.2013 - 08:50 UhrVor 7 Jahren aktualisiert
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Ecstasy of the Angels
© Image Entertainment
Ecstasy of the Angels
Die 60er und 70er Jahre brachten den Sex weltweit in die Kinos. Ob Reportagen, Aufklärung, exotische Wunschträume oder knallharte Pornografie, nackte Haut regierte. Doch Japan mit seinen pinku eigas und roman pornos setzte dem Ganzen die Krone auf.

Es war ein Skandal. Zumindest in Japan. Im Wettbewerb der Berlinale von 1965 gab es einen Vertreter aus dem Land der aufgehenden Sonne, welcher nicht jedem schmeckte. Alle Einreichungen der großen Filmstudios wurden abgelehnt und nur ein obskurer Film aus einem gerade aufkommenden Segment unabhängig produzierter Erotikfilmchen wurde in den Wettbewerb aufgenommen. Geschichten hinter Wänden ist bestimmt kein Sexfilm, aber Regisseur und Produzent Kôji Wakamatsu drehte davon viele, um sich seine artistischeren Ambitionen finanzieren zu können. Die Grenzen zwischen schmierigem Geschäft und Anspruch verliefen bei ihm zu der Zeit sowieso fließend. 1965 wird er aber nun ungewollt vom Schmuddelkind zum Nestbeschmutzer.

Das erfolgsverwöhnte Land, ein Jahr zuvor gab es noch einen Silbernen Bären für Sachiko Hidari (Darstellerin in Sie und er sowie in Das Insektenweib), fühlte sich beleidigt. Das Insektenweib war zwar auch nicht der letzte Schluss in Sachen Patriotismus und Sex gab es auch zur Genüge, aber es war ohne Probleme als Filmkunst zu erkennen. Wakamatsu stand für ein anderes Kino. Ein Pornograph mit Gangsterhintergrund konnte kein ehrvoller Vertreter für ein Land sein, das gerade erst wieder Selbstbewusstsein auf internationalen Boden gewann. Es war in etwa so, als wäre im Wettbewerb von Cannes ein Schulmädchen Report gelandet.

Nicht ganz unwichtig für die Empörung mag auch die Prüderie eines Landes gewesen sein, das dem Geschlechtsakt und nackter Haut noch immer ambivalent gegenüber stand. Recht unverschämt war es in Japan bis zur Öffnung Mitte der 1850er zugegangen. Doch mit dem Westen kamen bürgerliche Werte, die auf solches barbarische Treiben hinabblickten. Komplexe und Scham entwickelten sich schnell. In den frühen Jahren des japanischen Films waren so Nähe und offene Zärtlichkeit die Ausnahme. Der erste Kuss, der in einem japanischen Film zu sehen war, wurde von der amerikanischen Nachkriegsbesatzung erzwungen. Diesen verklemmten Japanern sollte etwas Lockerheit eingetrieben werden. Das geschah aber von ganz alleine. Erst kamen die medizinischen Aufklärungsfilme, Filme mit nackten Taucherinnen (Ama), erotisch aufgeladene Horrorfilme und die zunehmend deutlicheren Anspielungen in den sogenannten Sun-Tribe-Jugendfilmen. Immer explizierter wurden die Szenen, bis es mit den 60ern soweit war und die pinku eigas (Pinkfilme) die Kinos überfielen.

Es waren außerhalb der fünf noch bestehenden großen Filmstudios (Shōchiku, Tōhō, Tōei, Nikkatsu und Daiei) unabhängig produzierte Filme ohne ein nennenswertes Budget, die genau eine Gemeinsamkeit hatten: alle paar Minuten zeigten sie Sex oder nackte Tatsachen. Ansonsten blieb den Regisseuren und Drehbuchautoren gänzlich freie Hand, was sie in der Laufzeit von meist einer Stunde anstellten. Und die nutzen sie hemmungslos. Einen erkennbaren Stil wie beim Film noir gab es nie. Manchmal kann einen so der Verdacht überkommen, dass die gesamte restliche Filmwelt in diesem Mikrokosmos aufgegangen ist. Ihr wollt einen Giallo sehen, dann greift zu Zoom In: Sex Apartments. Ein New Hollywood inspiriertes Seelendrama? Female Teacher: Dirty Afternoon. In den Filmen über linke Terroristen war euch immer zu wenig Sex, dann schaut Ecstasy of the Angels. Die diversen Molester Train-Filme befriedigen eure Lust nach Albernheit. Ihr mögt frühe surreale Filme wie Ein andalusischer Hund oder Die Muschel und der Kleriker, dann schaut doch Träume im Zwielicht, diesen Eraserhead im Zahnarztstuhl.

Mehr: Die Zeugen Nippons Teil 1 – Die blutige Rückkehr des japanischen Kinos
Mehr: Die Zeugen Nippons Teil 2 – Fragile Mädchen im Blutrausch

Nur eines durfte nicht passieren, nämlich die Zensurbehörde durch „obszöne“ Bilder verstimmen. Was heißt, kein Schamhaar, keine Genitalien. Diese wurden folglich entweder durch Gegenstände im Raum, die Kameraposition oder mit einem Pixelschleier überdeckt. Das fand jedoch nicht jeder lustig, weshalb es Regisseure wie Tatsumi Kumashiro (Ichijo’s Wet Desire – Sayuri, die Stripperin) gab, die aus satirischem Spaß teilweise nur noch Köpfe aus den schwarzen Balken herausgucken ließen. Das alles zusammen führte zur Einzigartigkeit dieser Filme. Hatte der Westen durch Beichte und Psychotherapie gelernt, seine eigene Phantasie zu zensieren, hatte die übernommene, etwas anders verstandene Prüderie nur das Zeigen der Scham tabuisiert. Die narrenfreien Filmemacher konnten so aus dem Vollen ihrer Vorstellungskraft schöpfen. Es mag den einen oder die andere beim Einstieg in dieses Filmfeld wohl etwas verwirren bis entsetzen, was sich in diesen Überraschungseiern alles finden lässt. In Bondage findet beispielsweise eine Frau in der Folter durch ihren Mann ihr Glück. In The Embryo Hunts in Secret entführt ein Mann seine Sekretärin und misshandelt sie den ganzen Film lang. In vielen, viel zu vielen Filmen verlieben sich Frauen in ihre Vergewaltiger. Allgemein ist die Vergewaltigungsrate sehr hoch. Frauen können aber auch mal mit Dildos und Seilen zurückschlagen. In den Videodrome-Welten von Hisayasu Sato (Love – Zero = Infinity) findet kaum einmal Sex ohne Dildos, Vibratoren, Spritzen, Gummihandschuhe, Arztmasken oder Fesseln statt.

Doch liegt auch der Schlüssel in Satōs durch Bildschirme, Videoaufnahmen und Verfremdungen fragmentierte Bilder von entrückten Orten. Diese Filme haben nichts mit der Realität zu tun. Das entschuldigt sie für nichts, aber sie bieten tiefe Einblicke in einen selbst, ob Mann oder Frau, sowie in die meist hetero-maskulinen Vorstellungen, in das Unterbewusste ihrer Macher. So wird der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält, sichtbar. Einer patriarchalen Gesellschaft in der das Konzept ehelicher Gewalt noch neu scheint, in der Vergewaltigung der einzige phantasierte Weg ist, eine Frau nicht zur Hure zu machen, weil sie ja selbst keine aktive Rolle einnahm, in der Gruppenvergewaltigung zeigt, wie wenig eine Frau wert ist, weil sie nur der „Ort“ ist auf dem Hackordnungen sich bilden. Mal tun sie dies ohne es überhaupt mitzubekommen, mal setzen sie sich in Horrorfilmen wie Angel Guts: Nami sehr bewusst damit auseinander.

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