The Walking Dead – Auf dem Höhepunkt des Nihilismus

The Walking Dead: Andrew Lincoln als Rick Grimes
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Meint es gut mit den Menschen.

Ein Held, heißt es oft mit Blick auf die Wirksamkeit von Erzählungen, sei immer nur so gut wie sein Gegenspieler. In The Walking Dead wurde der ehemalige Deputy Sheriff Rick Grimes (Andrew Lincoln) zu einer Identifikationsfigur aufgebaut, deren Heroismus sich am Einsatz für die ihr nahe stehenden Überlebenden der Zombie-Apokalypse bemisst. Führungsqualitäten muss sie nicht nur in der Auseinandersetzung mit den wandernden Toten beweisen, sondern gegen abweichende Vorstellungen darüber verteidigen, wie sich Gemeinschaft und Menschlichkeit auch im Weltuntergang bewahren lassen. Vor entscheidende Herausforderungen werden Rick und die seinen also durch allzu lebendige Antagonisten gestellt: Eifersüchtige Widersacher innerhalb der Gruppe (Shane) oder größenwahnsinnige Despoten von außerhalb ("Governor"), Kannibalen aus vermeintlichen Zufluchtsorten (Terminus) oder marodierende Killerbanden ("Wolves"). Noch immer geben dabei die Zombie-Filme von George A. Romero den Regelkatalog vor. Heldentum tritt hinter die Frage zurück, wie Menschen im Angesicht ihrer als verwesende Torkelkörper auftretenden Vergänglichkeit miteinander umzugehen bereit sind.

The Walking Dead, das wurde in den vergangenen Jahren deutlich, ist eine lange Zerfallsbeobachtung menschlicher Errungenschaften, deren Figuren sich im moralischen Widerstreit befinden: Allen Bemühungen, das soziale Gefüge zu erhalten, steht ein Werteverfall gegenüber, zu dem auch Ricks pragmatische Entscheidungen beitragen. Der Serie kann es deshalb nicht um eine Dramaturgie des Sieges gehen; Zuschauererwartungen, die auf erlösende Staffelhöhepunkte abzielen, müssen ins Leere laufen. An jedem Ende eines alten Rivalen steht der Beginn eines neuen, in der aktuellen 7. Season sind Freund- und Feindschaften kaum noch auseinanderzuhalten. The Walking Dead nutzt seine mit vielen unterschiedlichen (Über-)Lebensmodellen verknüpften Spielorte für einen umfassenden Grundriss gesellschaftlicher Wiederaufbauversuche, über deren Legitimität sich schwer befinden lässt: Die abgeschirmten Frauen der Oceanside-Community haben sich ein genauso funktionierendes Habitat erschlossen wie die im Schrott hausenden Plünderer ("We take, we don’t bother"), das Kingdom von Ezekiel (Khary Payton) scheint auf seine Art so effektiv strukturiert wie das Sanctuary von Negan (Jeffrey Dean Morgan).

Die Kunst der Serie besteht darin, diese Modelle nicht gegeneinander auszuspielen, sondern ihre in Alexandria lebenden Hauptfiguren um Rick Grimes fortlaufend zu einer Überprüfung der eigenen Methoden und Maßstäbe zu bewegen. The Walking Dead wird dann kompliziert, wenn es mit der Attraktivität von monarchischen und faschistischen Systemen zwar nicht flirtet, aber doch einige der nach individueller Freiheit strebenden Protagonisten kapitulieren lässt. So entscheidet sich "Doktor" Eugene Porter (Josh McDermitt), seit jeher einer der labilsten Gefährten von Rick, zum Übertritt in die hierarchische Gemeinschaft der Saviors, die unter Negans Herrschaft eine für ihn schlüssige Ausbeutungs- und Unterdrückungsmaschine am Laufen halten. Der Verrat ist eine Folge neu angeordneter Verhältnisse nach Auflösung des letzten Staffel-Cliffhangers: Sich dem Negan-Regiment servil zu fügen statt ihm erbittert Widerstand zu leisten, scheint die bittere Weiterführung einer Idee von Unterwerfung, der Rick bislang keine zufriedenstellenden Antworten entgegenzusetzen hat. Überleben in der Zombie-Apokalypse kann auch bedeuten, sich ihr mit erfinderischen Lügen und falschen Prophezeiungen zu ergeben.

Ein Held ist in The Walking Dead also nicht so gut wie sein Gegenspieler, er ist nur so stark wie das schwächste Mitglied seiner Gruppe. Immer wieder stellt die Serie ihre an Publikumssympathien gekoppelten Führungsfiguren auf Belastungsproben und veranschaulicht durch deren Umgang mit Kumpanen, die wie Fähnchen im Wind stehen (Eugene) oder schlicht nicht zu töten bereit sind (Morgan), Schwierigkeiten eines Miteinanders auf Augenhöhe. So unterschätzte Ricks Gruppe zuletzt das (anti-)utopische Potenzial des Negan-Systems: Es kann – seinen mörderischen Bedingungen zum Trotz – sogar einem ausgemachten Duckmäuser Sicherheit vermitteln und damit in leidvollem Kontrast zu fragilen zivilisatorischen Bemühungen stehen. Aus solchen Fatalitäten (nicht Zombieangriffen, Blut oder Gedärm) speist The Walking Dead die eigentlichen Schrecken. Wenn in Ricks Gemeinschaft eine Grippe-Erkrankung bedeuten kann, von Carol Peletier (Melissa McBride) hinterrücks ermordet zu werden, weil Tod und drohende Verwandlung ein zu großes Risiko bilden, lässt sich über die Nachvollziehbarkeit von Eugenes Anschluss an eine Quasi-Religion zumindest diskutieren.

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