Marvel's Iron Fist - Pilot-Check zum Debüt des letzten Defenders

Marvel's Iron Fist
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Marvel's Iron Fist
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Beeblebrox Matthias Hopf
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Wenngleich die Marvel-Netflix-Serien ein Teil der Marvel Cinematic Universe sind und in ihrer Struktur einige Ähnlichkeiten besitzen, so hat der US-amerikanische Streaminganbieter in den vergangenen zwei Jahren doch einen kühnen Gegenentwurf zu den strahlenden Superhelden geschaffen, die aktuell die große Leinwand in Beschlag nehmen. Bereits Marvel's Daredevil legte ein überaus solides wie prägendes Grundwerk, ehe Marvel's Jessica Jones und Marvel's Luke Cage das Potential der miteinander verbundenen Serien intensivierten und darüber hinaus ein einmaliges New York-Portrait ablieferten. Die einzelnen Geschichten spielen stets in den Straßen der Metropole und setzen alles daran, um den Graben zwischen Protagonisten und Passanten zu überwinden. Auch Marvel's Iron Fist versucht, an diese Herangehensweise anzuschließen, will bei all dem Eifer aber einfach nicht auf den Punkt kommen.

Nachdem wir Hell's Kitchen, Brooklyn und Harlem erkundet haben, entführt die vierte Marvel-Netflix-Serie nach Downtown Manhattan. Hier ragen die Hochhäuser bis in den Himmel und die ewigen Straßenschluchten offenbaren ein Gefühl der Unendlichkeit. Fußgänger eilen rasch über die Ampel, während Taxifahrer genervt auf die Hupe drücken. Es herrscht ein geschäftiges Treiben und dennoch taucht in all dem Chaos plötzlich ein Mensch auf, der dort offensichtlich nicht hingehört: Danny Rand (Finn Jones). Barfuß steht er da, auf dem nackten Asphalt. Dazu ungepflegter Bartwuchs im Gesicht und ein paar lockere Klamotten, die wahlweise auf Hipster oder Hobo schließen lassen - kein Wunder, dass die Vorbeigehenden sich naserümpfend umdrehen und dem Protagonisten einen bösen Blick zu werfen. Auch später, als sich Danny bei Rand Enterprises nach einem gewissen Harold Meachum erkundigen will, erfährt er nichts als Ablehnung.

Die gleiche Situation soll sich in den folgenden 50 Minuten in verschiedenen Variationen wiederholen. Danny erscheint an diversen Orten seiner Kindheit, wird jedoch von niemandem erkannt. Eher im Gegenteil: Als Hochstapler wird er aus dem Gebäude geworfen, ohne, dass er sein wahres Anliegen überhaupt aussprechen kann. Es ist durchaus ein faszinierender Kontrast, den Serienschöpfer Scott Buck zur Einführung des vierten Defenders schafft: Während zuletzt etwa Luke Cage (Mike Colter) eine ganze Staffel lang mit seiner wahren Identität haderte, besteht für Danny kein Zweifel, dass er der ist, der er vorgibt zu sein. Stattdessen wird er von seiner Umwelt abgelehnt und muss frustriert feststellen, dass er in den Köpfen der meisten Menschen gar nicht (mehr) existiert. Dem entgegen konnte ganz Harlem ab einem gewissen Punkt kaum noch abwarten, dass Luke Cage endlich mit stählerner Faust durchgriff.

Doch Danny bekommt unnatürlich viele Steine in den Weg gelegt, was unter anderem daran liegt, dass er vor 15 Jahren für tot erklärt wurde, als er mit seinen Eltern in einem Privatflieger über dem Himalaya abgestürzt ist. Von Danny existieren weder Fingerabdrücke noch ein Verwandter, der mittels DNA seine Identität beweisen könnte. Selbst die Geschwister Ward (Tom Pelphrey) und Joy Meachum (Jessica Stroup), die mittlerweile Rand Enterprises leiten und Danny seit seiner Kindheit kennen, wollen dem Fremden keinen Glauben schenken. Danny Rand ist tot, heißt es, genauso wie Harold Meachum, der vor zwölf Jahren seinem Krebsleiden erlag. Dagegen war Bruce Waynes (Christian Bale) Rückkehr aus dem Exil in Batman Begins ein Kinderspiel. Für Danny hat sich die Welt im Verlauf der letzten eineinhalb Dekaden gewaltig verändert. Nicht einmal das Café auf der anderen Straßenseite hat noch geöffnet und bietet keinen Rückzugsort.

Danny ist ein Rückkehrer, der nicht willkommen ist, weil entweder keiner mit seiner Rückkehr gerechnet oder sie eben befürchtet hat. So blendet Ward von Anfang an die Möglichkeit aus, dass es sich bei dem ungebetenen Gast in seinem sterilen Büro tatsächlich um den echten Danny Rand handeln könnte. Immerhin würde jener Danny Rand 51 Prozent der Firma besitzen, der er aktuell in leitender Position vorsteht - ein Albtraum für den unsympathischen Schnösel, der sich im Rahmen der Pilot-Episode reichlich Mühe gibt, sein Profil als unerträglicher Kotzbrocken zu schärfen. Bis in die Flashbacks hinein will Ward nicht zur Einsicht kommen. Stattdessen gewinnt er eine zwielichtigere Facette nach der anderen hinzu. Das wäre der erste Bösewicht in einer Marvel-Netflix-Serie, der einfach nur ein Arschloch ist. Aber keine Panik, ohne viel vorwegnehmen zu wollen, deutet der Staffelauftakt in Form eines Twists ein komplexeres Gut-gegen-Böse-Schema an als auf den ersten Blick erkenntlich.

Problematisch ist dagegen etwas anderes: Marvel's Iron Fist ist zu sehr gefangen in seiner eigenen Geheimniskrämerei und wiederholt dahingehend viel zu oft Informationen, die bereits beim ersten Mal nur bedingt von Interesse waren. Immer wieder signalisiert Danny, dass sein New York-Leben im Alter von zehn Jahren aufgehört und er dementsprechend einiges nachzuholen hat. Angefangen von seinem grobmotorischen iPod bis hin zu dem Moment, als er im Begriff ist, den ersten Kaffee seines Leben zu trinken, ist Scott Buck zu sehr bemüht, diese Ereignisse mit behaupteter Beiläufigkeit einzustreuen, sodass am Ende genau das Gegenteil der Fall ist: Viele Begegnungen wirken forciert und konstruiert - Marvel's Iron Fist fehlt bisweilen jegliche Selbstverständlichkeit für den New York-Groove, den sich Daredevil, Jessica Jones und Luke Cage hervorragend zu Eigen gemacht haben.

Dabei deuten die gewohnt elegant-düsteren Opening Credits eine Menge Potential an, das sich aus der Verbindung von Bewegungsabläufen und der urbanen Verortung des Geschehens ergibt. Mit Iron Fist geht nämlich auch ein Versprechen von furiosen Kampfsequenzen einher, die betont auf Martial-Art-Künste setzen und daher das sowieso schon bemerkenswerte Action-Repertoire der Marvel-Netflix-Serien um feine Nuancen erweitern. In Colleen Wing (Jessica Henwick) findet Danny schnell eine Verbündete im Geiste, wenngleich diese vorerst noch nichts von ihrem Glück weiß. Die Frage ist nur, wann Marvel's Iron Fist anfängt, all die eingeführten Elemente elegant zu verbinden, anstelle angestrengte wie unglaubwürdige Zufälle heraufzubeschwören, die kaum etwas mit dem lässigen So Fresh, So Clean von OutKast gemein haben, das eingangs Danny auf seiner Odyssee durch den unfreundlichen, aber doch faszinierenden Großstadtdschungel begleitet.


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