Mein Herz für Serie

Horace & Pete - Louis C.K.s Serie zur amerikanischen Gegenwart

Pete, Horace und Uncle Pete
© Pig Newton Inc.
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"Why, Mr. Anderson... Why? Why? Why do you persist?"

Am 30.01.2016 erhielten all diejenigen, die sich auf Louis C.K.s Mail-Liste gesetzt hatten, eine E-Mail, in der Louis seine neueste Kreation ankündigte. Es handelte sich um die erste Folge seiner Webserie mit dem Titel Horace and Pete. Es gab keine Trailer oder Pressetour. Louis besuchte keine Talkshows und gab keine Interviews. Seine Mail verriet nicht, ob es mehrere Folgen oder Staffeln geben würde. Zu Anfang war da nur eine 67 Minuten lange Geschichte über zwei Typen, Horace und Pete, und ihrer gleichnamigen Bar (est. 1916).

Die Konzeption einer "Anti-Serie"

Jede Woche hinterließ Louis C.K. eine neue Folge der Serie auf seiner Webseite und erzählte die Geschichte der beiden Protagonisten über einen Zeitraum von 10 Episoden. Das Set war immer dasselbe. Eine Bar, ein Zimmer mit Küchenzeile darüber, in dem Horace wohnt und ein Nebenzimmer, das Pete nutzt. Ausflüge in die Außenwelt (eine Parkbank, das Sprechzimmer eines Arztes) gab es nur vereinzelt. Wie die Figuren war auch der Zuschauer gefangen in der Bar – „Horace and Pete’s“.

Mit diesem Retro-Stil entzog sich Louis C.K. ganz bewusst den Gegebenheiten des Fernsehens. Zwar wurde mit mehreren Kameras – wie bei einer Sitcom – gedreht, jedoch wurde nicht aus der Konserve gelacht. Das Licht ist dunkel, das Bild gefüllt mit satten Brauntönen. Keine Episode gleicht im Aufbau ihrer Handlung einer anderen. Es gibt keine genau aufgeteilten Rollentypen. Manch eine Episode dauert eine Stunde, eine andere nur etwas mehr als 30 Minuten. Immer wieder gibt es Gast-Auftritte von Figuren, die ohne ein weiteres Wort wieder verschwinden. Handlung findet fast ausschließlich im Dialog statt. Um charakterliche Entwicklungen zu begreifen, muss jedem geäußerten Wort genau gefolgt werden.

Nichts an dieser Serie ist gemacht, um zu gefallen. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Oder für Neueinsteiger: Fans und Anhänger von Louis C.K.s Stand-Up-Programm und seiner FX-Serie Louie werden ungefähr wissen, worauf sie sich eingelassen haben. Alle anderen Zuschauer werden erst einmal vom Stil der Serie überrollt.

Eine Geschichte über Enttäuschung und Einsamkeit

Die erste Folge beginnt damit, wie Horace (Louis C.K.) sich morgens die Treppe herunter in die Bar schleppt. Dort lässt er ein Lied auf der Jukebox laufen und stellt die Stühle auf. Während er ungelenk zu dem Lied wackelt, betritt Pete (Steve Buscemi) die Szenerie. Auch er lässt sich von der Melodie mitreißen, tanzt ein wenig und beginnt den Boden zu fegen. Kein Wort wird gesagt. Eine ganze Zeit ist man allein mit diesen beiden Menschen und ihrer Routine. Sie bemühen sich zu ein wenig Smalltalk, doch es will kein Gespräch entstehen. Danach kehren die ersten Stammkunden ein. Zuletzt betritt Uncle Pete (Alan Alda) die Bar. Er sagt keinen Ton, lümmelt sich zur Jukebox und zieht den Stecker. Mit einem Schlag ist die Szenerie 10°C kälter. Alle gehen ihm aus dem Weg.

Der Beginn erklärt seine Protagonisten nicht. Er klärt die Zuschauer auch nicht über das Setting auf. Stattdessen scheinen die Zuschauer ebenso wie die Protagonisten zur selben Zeit an diesen Ort spaziert zu sein. Vonseiten der Zuschauer braucht es sicherlich Kraft hierzubleiben. Denn die Protagonisten – so viel ist jetzt schon klar – werden sich keine Mühe geben, sie zu halten. So wenig die Zuschauer über die Charaktere zu Anfang wissen, so sehr sie jedem Wort, jedem Dialog lauschen müssen, um zu verstehen wen sie vor sich haben und was passiert, so viel sagt dieser Anfang bereits über die Serie selbst.

Dies ist die vollkommene Vision eines einzelnen Menschen. Louis C.K. hat in völliger Unabhängigkeit genau das gemacht, was er machen wollte. Hier gibt es keinen Kompromiss mit einem Fernsehsender, hier gibt es keinen Platz für Werbepausen. Hier gibt es keine Sympathien für einzelne Figuren. Hier bekommt man nur das, was sich Louis zu Horace und Pete ausgedacht hat. Wer sich darauf einlässt, erlebt eine der individuellsten künstlerischen Unternehmungen der letzten Zeit. Dafür muss der Zuschauer Louis C.K. komplett vertrauen.

Vielleicht kann die enorme Qualität in der Besetzung als Faustpfand fungieren. Neben Louis C.K. , Steve Buscemi und Alan Alda treten Edie Falco und Jessica Lange regelmäßig auf. Dazu gibt es Gastauftritte von Rebecca Hall, Angus T. Jones und Laurie Metcalf. Den Titelsong schrieb Paul Simon. Wer diese Schauspieler in großer Form erleben möchte, der ist hier an der richtigen Stelle. Sie verköpern bestürzte, trübsinnige Figuren, die in einer verwirrten Zeit leben.

Hoffnungslosigkeit, wie man sie nur selten findet

Während einer der schwersten Krisen der amerikanischen Demokratie ist die Serie politisch so aktuell, wie es sonst auf dem Serienmarkt vielleicht nur noch South Park schafft. Die aktuellen Schlagzeilen der Woche werden in die Dialoge und das Leben in der Bar eingebaut. Im Fall von Horace and Pete ist das selbstverständlich größtenteils der US-Präsidentschaftswahlkampf, den Donald Trump letzten Endes tatsächlich zu seinen Gunsten entschied. Dieser öffentlichen Negativität ist die Stimmung in Horace und Petes Bar geschuldet. Den Figuren geht es meistens schlecht. Sie sind deprimiert. Ihre Enttäuschung über die ausgebliebenen Verheißungen des neoliberalen Amerikas wiegt schwer auf jeder Szene, jedem Dialog in der Bar. Horace and Pete schafft eine Atmosphäre der Trostlosigkeit, der sich die Zuschauer nicht entziehen können. Wie ein mieser Gestank bleibt sie nach jeder Folge im Raum hängen und verpestet das Klima.

Ich habe Wochen gebraucht, um die Serie fertigzugucken. Ich hatte alle Folgen auf einmal gekauft und hätte sie in einem Zug schauen können. Doch das war einfach nicht machbar. Als ich es endlich zum Ende von Folge 10 geschafft hatte, war ich emotional ausgelaugt. Minutenlang starrte ich danach in die Leere meines Zimmers. Freude hab ich in der kompletten Zeit keine empfunden. Stattdessen war ich selten so traurig gewesen, habe mich selten so allein, so hoffnungslos gefühlt.

Meiner Meinung nach ist das eine der beeindruckendsten Regungen, die Horace and Pete bewirkt. Ich weiß nicht, welche TV-Serie dazu in der Lage ist und alleine deshalb steht es Louis C.K zu, uns die Geschichte von Horace and Pete genauso zu erzählen, wie es ihm vorschwebt. Trotz all der Anstrengung, die mich das gekostet hat: Wann wäre ich diesen Typen sonst begegnet? Die Serie ist ein Produkt ihrer Zeit. Vielleicht gibt es in einem Jahr, in dem Donald Trump Präsident der USA geworden ist, einfach nichts zu lachen. Und vielleicht muss man erst einmal mit den Menschen aus dieser Bar abgehangen haben, um manch guten Moment, manch persönliches Glück schätzen zu lernen. Dafür lohnt es sich ganz bestimmt.

Horace and Pete könnt ihr problemlos auf Louisck.net anschauen. Alle zehn Folgen gibt es dort für insgesamt $31 zu kaufen. Anschließend dürft ihr sie beliebig herunterladen oder auf der Webseite streamen.

Habt ihr Lust bekommen, Horace and Pete von Louis C.K. zu schauen?

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