Trauma - Mehr als ein böser, kranker Film

Das Böse verlangt Loyalität
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Das Böse verlangt Loyalität
06.04.2019 - 09:00 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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Ist Trauma der grausamste und brutalste Film aller Zeiten? Vielleicht. Im Gegensatz zu den meisten seiner Artgenossen, ist Trauma jedoch mehr als nur Folterporno und Schockbilder. Und das nicht nur, weil er so viel besser gemacht ist ...

Wir alle haben schon mal einen Film gesehen, der uns in seiner Darstellung von Gewalt und Grausamkeit, seinen Effekten und Tabubrüchen so sehr angewidert hat, dass es uns schwer fällt, ihm in seiner Abscheulichkeit eine wie auch immer geartete Daseinsberechtigung zuzusprechen.

Bei Filmen wie Die 120 Tage von Sodom oder Im Reich der Sinne fällt uns dies (zumindest aus heutiger Sicht) relativ leicht. Was ist aber mit A Serbian Film oder anderen Filmen, die die Sadismusschrauben so weit anziehen, dass es uns im wahrsten Sinne des Wortes schmerzt, der Grausamkeit auf der Leinwand bis zum Abspann zuzusehen?

Trauma - Das Böse verlangt Loyalität ist mit Sicherheit einer der Filme, die eher in die letztere der beiden Kategorien fallen. Gleichzeitig solltet ihr mit dem Naserümpfen etwas warten, denn Gore und Splatter, Rape und Revenge, können mehr sein, als nur ein kalkulierter Aufreger. Wenn sie gut gemacht sind, wie BenMan uns beweist, sind all die Schocks, der Ekel, die abstoßenden Bilder ein Mittel, und kein Zweck.

Der Kommentar der Woche von BenMan zu Trauma - Das Böse verlangt Loyalität

Teilweise wird mit der Superlative "Der brutalste Film aller Zeiten" so beliebig um sich geworfen, dass man am Ende nur enttäuscht sein kann. Bei Trauma hieß es, dass dies die Antwort aus Chile auf A Serbian Film sein soll. Ich schaue gerne extreme Filme und war deshalb neugierig. In Deutschland erreicht uns das mal wieder nur gekürzt, und zwar um über 10 Minuten, worauf ich hinterher noch eingehen will. Die Überraschung kam doppelt. Nicht nur, dass Trauma wirklich ein sehr fieses Werk ist; er ist zeitgleich auch noch echt gut gemacht, was ihn im Endeffekt nur noch derber erscheinen lässt.

Im Grunde genommen bekommt man storytechnisch einen weiteren Rape'n'Revenge-Streifen geboten, und ich will hier gar nicht wieder die Debatte auskramen, ob es solche Filme wirklich braucht. Zwei Freundinnen und zwei Schwestern begeben sich in Chile auf die Reise in einen abgelegenen Ort und werden Opfer einer derben Vergewaltigung. Bis hierhin ist der Plot wirklich ganz "normal", aber Trauma sollte man trotzdem nicht unbedingt als reinen Schund abtun. Wenn man sich nämlich bewusst macht, dass er aus Chile stammt und wenn man sich ein wenig über die lang herrschende Militärdiktatur informiert, bekommt das Szenario in diesem Film eine weitere Ebene, die sich politisch auffassen lässt.

Die Grausamkeit, die in Trauma geschieht, besitzt einen Hintergrund – der Filmtitel verrät darüber auch schon einiges. Die Story lässt sich also ganz leicht als weiteren, menschenverachtenden Dreck ansehen - oder aber man schaut genauer hin und erkennt hier eine Substanz, die solche Werke sicherlich nicht oft haben. Dies soll jeder für sich selbst entscheiden, aber ich attestiere dem Drehbuch tatsächlich einen Hauch von Anspruch.

Aber warum ist der Film dermaßen derb? Schwer zu erklären ist das nicht. Schon in der Anfangsszene (die es bei der deutschen Veröffentlichung gar nicht zu sehen gibt) werden keine Gefangenen gemacht. Dort paart man Torture-Porn mit Inzest; eine wirklich abartige Szene, die allerdings nur die Marschrichtung vorgibt, und noch nicht das Ende der Fahnenstange bedeutet.
Es macht für meine Augen übrigens gar keinen Sinn, diese Szene zu entfernen, denn sie besitzt doch eine enorme Wichtigkeit, um die Grausamkeiten, die noch folgen werden, zu erklären. Sicherlich kann man behaupten, dass Regisseur Lucio A. Rojas das alles so krass bebildert, um den reinen Selbstzweck zu bedienen. So richtig krank brutale Stoffe lassen sich eben gut vermarkten.
Teilweise ist es sicherlich auch des Selbstzweckes des Tabubruches wegen, doch meistens kamen mir solche Gedanken eher nicht in den Sinn.

Danach ist es vor allen Dingen gut gelungen, dass es eine längere Einleitung gibt. Die vier Mädels werden recht sympathisch vorgestellt und sind nicht zu belanglos. Das macht den Rest dann nur noch schwerer erträglich. In der zweiten Hälfte ereignen sich dann alle abscheulichen Grausamkeiten. Viel menschenverachtender könnte es nicht zur Sache gehen. Und Rojas ist sich dem wohl bewusst, baut immer wieder erotische Momente als Kontrast ein, so dass man sich seiner eigenen Gefühlsregungen nur noch unsicherer sein kann.

Dass man Trauma nicht nur auf die ekelhaften Szenen reduzieren kann, liegt an seiner handwerklich wirklich guten Umsetzung. Der Film wirkt überhaupt nicht billig, besitzt gute Kulissen, die so richtig schön heruntergekommen aussehen und sich bestens anbieten. Die Inszenierung ist effektiv, die Darsteller sind ziemlich gut, und dazu gibt es auch noch einen gelungenen Score, der das bestens ergänzt. Die Stimmung, die Trauma entstehen lässt, ist eiskalt und bitterböse; Humor braucht hier niemand zu suchen. Und dann wären da eben noch die guten Effekte. Weil der Splatter so gut getrickst wurde, wirkt die Gewalt zu jedem Zeitpunkt ziemlich echt, und es ist am ehesten diese Kombination, die das Ganze so heftig macht. Es wird gar nicht andauernd gesplattert; diese Szenen kommen seltener vor, besitzen im Zusammenspiel mit den kranken Ideen aber eine ungeheure Wucht.
Mit seinen 107 Minuten besitzt Trauma im Endeffekt zwar ein paar Längen und flacht zum Ende hin auch ab, bzw. wurde mir hier fast etwas zu sehr übertrieben, trotzdem bietet er eine gewisse Spannung, und weil er so derb ist, konnte er mich schon relativ stark fesseln.

Fazit: Trauma ist ein böser und kranker Film, der es meiner Meinung nach aber nicht verdient hat, nur auf seine tabubrechenden Szenen reduziert zu werden. Dafür ist das alles zu hochwertig gemacht und besonders die Kulissen sind echt stark. Außerdem kann man in die Handlung eine Substanz hineininterpretieren, was bei solchen Werken nicht oft der Fall ist. Am Ende ist das hier absolut nichts für schwache Nerven und ich kann jeden verstehen, der das für kranken Mist hält, aber ich wurde hier spannend unterhalten und die eiskalte Atmosphäre hat mich schon etwas in ihren Bann gezogen.

Das Ganze ist natürlich nur uncut empfehlenswert, denn die Brutalität ist hier wichtig für das Endergebnis. Ich wurde auf jeden Fall positiv überrascht und das Versprechen, dass dies ungemein derb ist, ist tatsächlich mal kein falsches!

Den Originalkommentar findet ihr hier.

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