Kino's Journey und die Hörigkeit von Adaptionen

Kino's Journey: The Beautiful World (2017)
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Kino's Journey: The Beautiful World (2017)

Kino's Journey von 2003 war ein Anime, von dem ich immer wusste, dass er mal zu meinen Favoriten gehören würde, käme ich nur dazu, ihn mir endlich anzusehen. Der vor kurzem geendete Anime Kino's Journey: The Beautiful World gab dafür den richtigen Anstoß, und wenngleich Kino's Journey tatsächlich zu einem meiner Alltimer geworden ist und Teile der Neuauflage durch wichtige Hintergründe verbessert, wurde diese doch durch den direkten Vergleich irgendwie ruiniert. Dies resultiert unter anderem aus dem Umstand, dass der neue Anime sich noch weniger an seine Vorlage hält, ein Vorgehen, dass Adaptionen oft gut bekommen kann, bei Reboots aber eher unüblich ist.

Der zweite Versuch
Die häufigsten Anlässe, eine ehemals abgeschlossene Serie wieder aufzugreifen, sind das Vorhandensein von genug Material für eine Fortsetzung (siehe Berserk), oder eine Neuverfilmung beginnend mit den ersten Kapiteln. Letzteres bietet die Möglichkeit, sich näher an der Vorlage zu orientieren, von der das Original aus diversen Gründen abdriftete. So setzte JoJo's Bizarre Adventure zum Beispiel fast 20 Jahre nach einer stark verkürzten Umsetzung des dritten Arcs die Mangas von ihrem ersten Band an um. In Fällen wie Hellsing und Fullmetal Alchemist begann die Anime-Produktion noch vor Ende der Mangas, es gab also irgendwann keine Vorlage mehr, nach der sich gerichtet werden konnte. Zweiterer war dabei ein Sonderfall, denn der Anime führte die Geschichte nach Hiromu Arakawas ursprünglichen Plänen für ihre Bücher fort, die dann aber während der Veröffentlichung geändert wurden. Mit Hellsing Ultimate OVA und Fullmetal Alchemist: Brotherhood wurden die Geschichten originalgetreuer umgesetzt, sie zeigten aber auch, dass beim Wechsel von einem Medium ins andere ein Abweichen von der Vorlage manchmal angebracht ist.

Insgesamt ziehen Fans die neueren Serien vor, auch wenn die bessere der beiden Fullmetal Alchemists immer noch umstritten ist. Dennoch wiesen ihre Vorgänger einige positive Merkmale auf, die ihren Nachfolgern gut getan hätten. Manche filmische Tricks der JoJo-OVAs, der konsistentere Ton und weniger aufdringliche Fanservice Hellsings oder die insgesamt stärkere Geschichte in Fullmetal Alchemist, besonders dessen Version der Figur Sloth, hätten sich gut in den späteren Versionen gemacht. Somit entsteht das Bild einer hypothetischen dritten Adaption, die die stärksten Elemente der vorhergehenden Serien in sich verbaut, bei den späteren Versionen zum Beispiel der bessere Aufbau seiner Bösewichte in Hellsing oder der größere Umfang der Welt Brotherhoods. Im Falle von Kino's Journey würde The Beautiful World dabei die bessere Animation und das größere Repertoire an adaptierbarem Material liefern, der Umgang mit diesem ließ jedoch einiges zu wünschen übrig.

Eine fragwürdige Auswahl
Kino's Journey als Buchreihe von Keiichi Sigsawa ist eine Anthologie aus Light Novels, die in jedem Kapitel eine andere Grundidee erforscht. Die Kapitel hängen nicht direkt miteinander zusammen, weshalb beide Anime-Adaptionen ihre Reihenfolge flexibel gestalten konnten, das bedeutet aber nicht, dass sie beliebig aneinander gereiht funktionieren würden. Der Anime von 2003 hat das gut demonstriert. Zum Zeitpunkt seiner Produktion waren bereits sechs Bücher raus, die meisten Episoden basieren jedoch auf Kurzgeschichten aus Band 1 und 2. Die ersten Folgen funktionieren dabei gut als Einstimmung auf die Grundstruktur: Der Aufbau einer zentralen Prämisse, ihre ausgiebige Erforschung und schließlich die Pointe am Ende. Hat sich der Zuschauer daran gewöhnt, liefert die Folge Land der Erwachsenen den Kontext für Kinos komplexere Handlungen in den kommenden Episoden. Die neue Reihenfolge verbindet manche Kapitel zudem über ähnliche Thematiken und schafft so bessere Übergänge. Land der Prophezeiungen wurde aus einem späteren Band vorgezogen, passt aber hervorragend in die Kapitel, die sich mit dem Wesen von Traditionen beschäftigen. Zwei weitere Kapitel drehen sich um die Abneigung gegenüber neuem Wissen. Land der Mehrheit hat dagegen, wie in der Buchvorlage, einen direkten thematischen Bezug zur Doppelfolge Kolosseum.

Anhand von Kolosseum lässt sich am besten veranschaulichen, was an der neuen Serie nicht funktioniert. Die Kapitel, die sich in Kino's Journey: The Beautiful World wiederfinden, wurden über eine Leserbefragung zu den beliebtesten Geschichten ausgewählt. Das bietet sich bei der Reihe irgendwo an, um geeignetes Material zu finden, bringt aber wesentliche Nachteile mit sich. Eine neue Staffel würde wie Resteverwertung wirken, für die Kapitel, die es nicht unter die Publikumsfavoriten geschafft haben. Und die Brücken, die der erste Anime oder die Bücher schlugen, gehen mit den fast völlig unzusammenhängenden Kapiteln verloren. Im Falle der zweiten Folge Kolosseum fehlen essenzielle Hintergründe, die das Geschehen informieren und die erst später geliefert werden. Auch der Rest der Episoden weist bestenfalls inhaltliche Zusammenhänge auf, aber die thematischen blieben auf der Strecke oder wurden im Falle der Kapitel Land der Erwachsenen und Ein gastfreundliches Land durch ihre Reihenfolge ganz einfach verpatzt. Sachkundige der Bücher oder ersten Serie finden sich vielleicht besser zurecht, aber eine Adaption, die nur mit Kenntnis ihrer Vorlage oder einer andere Serie funktioniert, hat als solche versagt. Das war schon absehbar, noch bevor der Anime mit einer Gag-Folge endete, die etliche Zuschauer völlig ratlos zurückließ.

Die letzte Folge, so unpassend sie nach zwei der wichtigsten Geschichten der Buchreihe auch war, endet zumindest mit einigen ruhigen Momenten und der Andeutung einer möglichen Fortsetzung. Das wäre immer noch wünschenswert, auch mit den Fehlschlägen der 1. Staffel von Kino's Journey: The Beautiful World. Es ist jedoch zu hoffen, dass die umzusetzenden Kapitel dann nicht mehr über einen Beliebtheitswettbewerbs ausgewählt werden, sondern um eine eigene Identität für den Anime zu schaffen und ihm das Dasein als alleinstehende Serie zu gestatten.

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moviepilot Team
Thunderdrome Sebastian Wienecke
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