Germany's Next Topmodel - Heidi Klum amputiert Haare und Träume

Germany's Next Topmodel
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14.05.2016 - 09:10 UhrVor 4 Jahren aktualisiert
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Innerhalb der letzten fünf Tage krönten die zwei größten und ältesten deutschen Casting-Shows die neuen Könige der Reality-TV-Dynastie. Aber was muss man heute tun, um eine Casting-Show zu gewinnen? Man muss vor allem an Heidi Klum vorbei.

Nicht erschrecken, das da oben sind nur die Juroren der aktuellen Germany's Next Topmodel-Staffel Thomas Hayo, Michael Michalsky und Heidi Klum. Thomas und Michael lächeln zwar oder sowas ähnliches, sind aber eigentlich erbitterte Konkurrenten, haben zu Beginn der Staffel nämlich jeweils ein Team aus naiven Nachwuchsmodels um sich geschart. Gewonnen hat am Ende, wer die GNTM-Siegerin des Jahres 2016 in seinen Reihen hatte. Parteinahme bedeutet gleich Zuschauermobilisierung und die liegt ohnehin im Trend: Batman v Superman, Captain America v Iron Man, Patriot v Islamisierung des Abendlandes, und nun Thomas v Michael.

Dabei gibt es doch auch so schon viel zu gewinnen bei GNTM und Deutschland sucht den Superstar. Innerhalb der letzten sieben Tage wählten beide Shows ihre neuen Vertreter in Sachen Schönheit, Pracht, Eleganz und Personality. Die erstrittene Bekanntheit mag von kurzer Dauer sein, aber zumindest sind Kim, das neue Topmodel, und Prince Damien, der neue Superstar, jetzt reicher als ca. 90 Prozent der Menschen, die diesen Artikel gerade lesen. Prince Damien kriegt für seinen DSDS-Sieg eine halbe Million Euro ausgezahlt. Kim, die frischgebackene GNTM-Siegerin, unterzeichnet einen 250.000 Euro schweren Knebelvertrag bei der Klum-Agentur.

Die zwei Casting-Show Klassiker DSDS und GNTM gibt es seit fünfzehn bzw. elf Jahren. Unfassbar eigentlich. Wer hätte denn 2005 gedacht, dass man elf Jahre hintereinander Germany's Next Topmodel suchen kann? Viele finden, man sollte es überhaupt nicht tun, und sie haben wohl recht damit, denn, mal unter uns gesagt, bei Berücksichtigung der meisten kulturellen und intellektuellen Parameter ist Germany's Next Topmodel echt der Bodensatz der TV-Unterhaltung, da, aufgepasst, menschenverachtend, viel zu viel Werbung, überhaupt konsumideologisch indoktrinierend, sozialpsychologisch manipulierend und dann noch Heidi Klum und Heidi Klums Stimme usw. usf. Es gibt kaum Gründe, sich GNTM anzusehen. Trotzdem tun es viele. Ist es Voyeurismus?! Gar Parthenophilie? Die Lust am unbehelligten Bestaunen nackten, jungen Fleisches? Und DSDS ist mittlerweile halt echt Berlin - Tag und Nacht mit etwas Singen und Performen, dem gleichen Publikum und den ewig gleichen Work hard, Play hard-Protagonisten. Den Wettbewerbsgedanken aber lebt GNTM noch eher als DSDS.

Beispiel. Eine grässliche Szene beim Umstyling, das alljährliche Opferritual, bei welchem dem Fashion-Gott gehuldigt wird, der vor allem mit Mädchentränen- und haaren besänftigt wird, also: Kim hat sehr viele sehr lange blonde Haare und kann becherweise Tränen produzieren. Heidi Klum ("Model-Mama") findet, Kim würde besser aussehen und größere Möglichkeiten auf dem Modemarkt haben, wenn sie ihre sehr langen, sehr schönen blonden Haare abschneidet. So lange schöne Haare wachsen aber nicht von heute auf morgen. Ebendarum kann Kim sich angenehmere Dinge vorstellen, als sich ihrer Haarpracht zu entledigen. Aber Pech gehabt, wenn sie sich weigert, sagt Mama Klum, kann sie direkt ihre Sachen packen und nach Hause fliegen, ins graue Deutschland. Nix mehr von wegen Los Angeles, New York und Shanghai. Zwischenzeitlich sieht es fast so aus, als würde Kim die Sache abbrechen. Echtere Tränen wurden im zeitgenössischen Reality-TV lange nicht mehr geweint. Oft denkt man in dieser Szene, ja, die schmeißt jetzt hin, und man hätte ihr dieses Obsiegen über die herrischen GNTM-Gesetze gegönnt – und Heidi Klum, der Verfasserin der Gesetze, die Niederlage. Aber Kim bleibt, Heidi amputiert ihr die blonde Mähne und Kim wird kurzzeitig katatonisch. Sie sieht mit kurzen Haaren aber natürlich großartig aus, schwingt sich im Laufe der Staffel zur Favoriten auf und gewinnt das Ding am Ende. Da hatte die Heidi doch noch gesiegt. Und am Ende weint Kim auch wieder – ein Kübel Glück, Aufmerksamkeit, Ruhm und 250.000 Euro werden über sie ausgegossen.

Der DSDS-Sieger gewinnt wegen seiner Persönlichkeit. Bei Heidi Klum gewinnt man trotz seiner Persönlichkeit. Heidi Klum streift ihren Models die Persönlichkeit ab, bricht sie beim Umstyling, amputiert ihnen das Vertraute, Gewöhnliche ihrer Heimat-Identität, wie Ramsay Bolton es mit seinem Schoßhund Theon Greyjoy in Game of Thrones tat. Und wie Theon kommen die gebrochenen Models aller Grausamkeiten und Demütigungen zum Trotz immer zurückgekrochen zu ihrer Peinigerin.

Eine Cersei Lannister ist Heidi Klum auch nicht, genauso kühl und blasiert zwar, aber längst nicht so mütterlich, wie sie es gerne wäre. Sie ist ein harter Schleifstein, der Mädchen zu sich starr bewegenden Statuen meißelt. Das Ergebnis ist im Finale zu sehen. Da wird nicht mehr gegreint, gezickt, gelästert wie die ganze Staffel über, da wird so gerade und stolz und anmutig gelaufen wie sonst nur bei Militärparaden in Nordkorea.

Deswegen ist die Pointe einer jeden GNTM-Staffel so unschön. Verkauf deinen Körper, denn er ist alles, was du hast. Und deine Seele, die nehmen wir noch obendrauf. Wenn du im Körper-Biz erfolgreich sein willst, dann gewöhn' dir bloß deine Persönlichkeit ab, oder erfinde dir eine. Dieter Bohlen war mal der grausame Sadist der Casting-Branche, ist immer noch ein Widerling, aber mehr auf die altmodische Mathelehrerart, der mit seinen Schikanen doch nur das Gute seiner Schüler herauskitzeln will. Klum hingegen ist sowas wie eine Schurkin im Dienste des Neoliberalismus: verschlagen, ökonomisch, rücksichtslos.

Übrigens haben Heidi Klum und Donald Trump eine gemeinsame Geschichte. Heidi Klum, sagte Trump im letzten Sommer, sei „No longer a 10“ . Also nicht mehr das Heißeste vom Heißen auf der numerischen Ich würd's tun-Skala. Sie reagierte eiskalt, klug und schlagfertig. Es fällt ja nicht groß ins Gewicht, wenn man, wie Heidi Klum, unzählige Male schön und ein einziges Mal nicht mehr ganz so schön genannt wird. Dieses Selbstvertrauen, das ist es ja, was Heidi Klum von ihren Kandidatinnen unterscheidet.


Vor einigen Jahren schrieb Roger Willemsen einige sehr beleidigende, sehr treffende Zeilen zur Show , ihrer Moderatorin und Ideologie auf, die zu seinem Tod vor ein paar Monaten wieder hervorgekramt wurden, weil sie damals wie heute ganz unverschämt diese fiese, jedoch kaum verschleierte Wahrheit hinter der Show kitzelten. Damals reagierte Heidi Klum erschüttert, ganz normal angepisst. Aber auch sie lernt dazu, strahlt Beleidigungen mittlerweile über das ganze gemeißelte Gesicht weg, das einfach nicht altern will, winkt mit den trainierten Armen, die kein Fett ansetzen wollen und spricht mit einer Stimme, die, da bin ich ganz sicher, vor ein paar Jahren, bevor Martina Hill sie mit ihrer Parodie beschämte, noch ein einige unerträgliche Oktaven höher war. Auch auf den Vorwurf, bei jungen Mädchen ein ungesundes Körperbewusstsein zu fördern, reagierte Klum. In der Show werden von ihr und den Models jetzt genüsslich fette Big Macs verschlungen, als würden die alle nichts lieber tun. Überkompensation nennt man das. Heidi Klum korrigiert, wo sie nur kann. Wer da mitzieht, der gewinnt, steht am Ende mit Modelvertrag, aber ohne die wunderschönen langen Haare da.

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