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Disneys Verleihpolitik und ihre Folgen für das Kino

Maschinen gegen Menschen: Der Inhalt von The Avengers 2 ist Programm.
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Maschinen gegen Menschen: Der Inhalt von The Avengers 2 ist Programm.
28.04.2015 - 08:50 UhrVor 1 Jahr aktualisiert
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Rund 200 deutsche Kinos boykottieren The Avengers 2, weil Disney unangemessen hohe Verleihmieten für den Superheldenfilm fordert. Die Abgabenerhöhung richtet sich nicht nur gegen Betreiber, sondern stellt das Kino grundsätzlich in Frage.

Seit vergangenem Donnerstag ist Marvel's The Avengers 2: Age of Ultron in den deutschen Kinos zu sehen. Am Startwochenende hat die Superheldenfortsetzung mit einem Schnitt von 1500 Besuchern pro Kopie 8,6 Mio. Euro eingespielt, innerhalb weniger Tage wurde sie von mehr als 700.000 Menschen gesehen. Hierzulande ist das der beste Start einer Marvel-Comicverfilmung überhaupt – obwohl sie in den meisten kleineren Orten gar nicht gespielt wird. Lediglich 471 deutsche Kinos haben The Avengers 2: Age of Ultron im Programm, stolze 193 Lichtspielstätten zeigen auf ihren insgesamt 686 Leinwänden andere aktuelle Produktionen.

Die Kinos tun das nicht aus Lust und Laune. Sie tun es, weil ihnen keine andere Wahl bleibt. Ohne vorherige Absprache habe Disney alle bestehenden Verträge mit ihnen aufgekündigt, beschweren sich die Betreiber regionaler Filmtheater. Statt 47,7 Prozent sollen sie künftig 53 Prozent der Nettoticketerlöse abgeben, um weiterhin Filme des umsatzstarken Verleihs zeigen zu dürfen. Über ihre neuen Bedingungen seien die betreffenden Kinos nur kurzfristig informiert worden, offenbar in Erwartung einer stillschweigenden Duldung der Mieterhöhung.

Aus dem Widerstand lässt sich eine große Verzweiflung ablesen. Der Boykott des publikumswirksamen Blockbusters ist keine Kampfansage, vielmehr folgt er einer wirtschaftlichen Logik. Den Häusern bleibt vom Preis einer Kinokarte nach Abzug der Miet- und Verwaltungskosten (Steuern, Kapitaldienste, Marketingaufwand, Bezahlung des Personals und Verleihabgaben) schon jetzt kaum etwas über, um ein Kino rentabel betreiben zu können, wie der Tagesspiegel  berichtet. Viele Kinos hätten noch immer mit den finanziellen Folgen der digitalen Umrüstung zu kämpfen, an deren Kosten sich die Verleiher einer Pressemitteilung  (pdf) des Hauptverbandes Deutscher Filmtheater zufolge nicht oder nur geringfügig beteiligten.

Der Mindestlohn für Mitarbeiter wiederum habe insbesondere kommunale Kinobetreiber schon Anfang des Jahres gezwungen, die Ticketpreise anzuheben, sagt Andreas Kramer vom HDF. An dieser Preiserhöhung hätten Filmverleiher wie Disney bereits mitverdient. Und so informiert etwa ein Aushang der süddeutschen Minikinokette Movieworld , dass Zuschauer rund 15 Euro Eintritt für The Avengers 2 zahlen müssten, wenn man der Forderung des Studios nachkommen würde. Das aber sei dem in kleineren Ortschaften preissensiblen Publikum nicht zuzumuten – und überhaupt profitierte allein Disney von derartigen Anstiegen.

Die Erhöhung des Mietpreises um 5,3 Prozentpunkte ist demnach nur die Spitze eines Eisberges, der in die existenziellen Befindlichkeiten souveräner Kinolandschaften ragt. Mit deutschen Ketten wie Cinestar, UCI Kinowelt, Cinemaxx, Kinopolis oder Cineplex handeln Disney und andere Verleihfirmen ihre Rahmenbedingungen hingegen direkt und auf Augenhöhe aus. Zwar lag die Mietabgabe in großstädtischen Spielstätten schon immer bei 53 Prozent, doch hat das gerade nichts mit schlechteren Konditionen, sondern Begünstigungen wie einer ungleich höheren Werbereichweite, größeren Einzugsgebieten und den natürlichen wirtschaftlichen Vorteilen entsprechender Standorte zu tun.

Die klammheimliche Anpassung des Mietsatzes für alle Ortsgrößen unabhängig ihrer Einwohnerzahl ist daher eine willkürliche Vereinheitlichung, die kleinere Kinobetreiber maßgeblich benachteiligt. Es gibt sogar noch einen Tritt hinterher. Ebenso einseitig nämlich beschloss Disney obendrein, künftig auf Zuschüsse zu Kosten für Reklame und 3D-Brillen zu verzichten. Ferner zählten auch die Bekanntmachung von "Neuregelungen des Mindestverleihanteils" und der Wegfall einer Werbekostenpauschale zur Überraschungspost.

Während der HDF Kino e.V.  sich nicht berechtigt sieht, "in Gespräche zu Konditionen einzugreifen", aber ein Interesse an der "Vielfalt der Kinotypen in Deutschland" signalisiert, findet die AG Kino – Gilde deutscher Filmkunsttheater e.V.  deutlich harschere Worte zum Vorgehen von Disney. Dem Netzwerk unabhängiger gewerblicher Kinos zufolge sei die Anhebung der Leihmieten besonders deshalb "absurd", weil Kinos "durch Modernisierungsdruck und höhere Investitionsrücklagen ebenso wie durch steigende Energiepreise und Mieten sowie die Ausweitung von Aufgaben bei Logistik und Marketing" bereits genug Kosten zu tragen hätten.

Von den finanziellen Vorteilen der Verleiher, die im Zuge der Umrüstung auf Digitalprojektion wesentliche Einsparungen bei der Kopienherstellung vornehmen können, würden Kinos nicht profitieren, sondern – ganz im Gegenteil – immer noch weiter belastet. Die AG Kino fordert daher seit Jahren eine Herabsetzung der Verleihmiete auf 39 Prozent, wenngleich diese Vorstellung nun mehr denn je eine illusorische sein dürfte.

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