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The Office - Warum das unerwartete Ende kein Verrat an der Serie ist

Tim und Dawn in The Office
© BBC
Tim und Dawn in The Office
04.10.2018 - 16:50 UhrVor 2 Jahren aktualisiert
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Das britische The Office ist eine Geschichte über Monotonie, Frustration und verschenktes Potenzial. Aber auch ein Appell, die Hoffnung niemals aufzugeben.

Ricky Gervais' und Stephen Merchants Mockumentary-Meisterwerk The Office hat eine der diabolischsten Hauptfiguren in der Geschichte des Fernsehens: Das namensgebende Büro, die Papierfirma Wernham Hogg, angesiedelt in der Industriestadt Slough, ist ein unbezwingbarer, seelenfressender Behemoth, dessen einzige Funktion es zu sein scheint, alle, die in ihm gefangen sind, mit der Bedeutungslosigkeit des eigenen Seins zu konfrontieren und genüsslich jegliche Menschlichkeit aus ihrem Inneren herauszuquetschen. In diesem nihilistischen Hamsterrad aus der Hölle zeichnet The Office eine der unwahrscheinlichsten und gleichzeitig realistischsten Liebesgeschichten, die jemals über einen Bildschirm flimmerte.

Darum geht es in The Office

Im Rahmen einer Dokumentation über die Arbeit in britischen Büros verfolgt ein Kamerateam den Alltag des Wernham Hogg-Geschäftsleiters David Brent (Ricky Gervais). Dieser fühlt sich durch die Präsenz der Filmleute sichtlich geschmeichelt und es ist von der ersten Folge an ersichtlich, dass der Klassenclown und Möchtegern-Entertainer alles daransetzt, sich im Fernsehen als weltoffen, vielfach begabt und menschenfreundlich zu inszenieren. Neben Brent nehmen auch einige seiner Angestellten prominente Rollen in der Sendung ein.

The Office

Darunter befinden sich der humorvolle, aber einsame Misanthrop Tim Canterbury (Martin Freeman), der sich mit seinem Erzfeind, dem ignoranten Trampel Gareth Keenan (Mackenzie Crook) einen Schreibtisch teilen muss und der unheilbar in seine ihm zugeneigte, aber vergebene Kollegin Dawn Tinsley (Lucy Davis) verliebt ist. Genau wie er träumt auch Dawn davon, Wernham Hogg den Rücken zu kehren und eine erfüllendere Karriere einzuschlagen, finanzielle und psychologische Unsicherheit hält die beiden jedoch fest an Ort und Stelle.

Die Beziehung zwischen den beiden steht im Kontrast zu ihrem Dasein als entmenschlichte Arbeitsdrohnen und enthält Unterhaltungen über das Leben, gemeinsame Streiche an Gareth, immer etwas mehr als freundschaftliche Berührungen und viele viele flüchtige, sehnsüchtige Blicke. Dennoch scheint ein Happy End für die zwei vorerst unmöglich.

Die sadistische Realität des Büros

Im Gegensatz zu anderen Comedyserien, bei denen die Figuren nach und nach an sich arbeiten und zu guter Letzt mit ihrem Happy End belohnt werden, schlägt The Office mit seinen Charakteren zunächst eine andere Richtung ein: In Interview, der bis zur Veröffentlichung des Weihnachtsspecials letzten Episode der Serie, haben sowohl Tim als auch David einen Moment der Klarheit, in dem sie alle Masken fallen lassen und sich endlich eingestehen, was ihnen im Leben wirklich etwas bedeutet. Statt ihre Selbstfindung zu belohnen, lässt The Office die beiden Männer an ihren Ansprüchen scheitern und wir verlassen sie und die Serie an ihrem niederschmetterndsten Punkt.

The Office

Nach 14 Episoden größtenteils konsequenzloser Cringe-Comedy wird David Brent im Finale von The Office vom Management endgültig für seine lockere Führung und mangelhaften Leistungen entlassen. Während Gareth schon auf Brents freie Stelle spekuliert, will Dawn dem sinkenden Schiff endgültig den Rücken kehren. Gemeinsam mit ihrem Verlobten Lee will sie in die Vereinigten Staaten aufbrechen, um dort ein neues Leben anzufangen. Um sie zum Bleiben zu bewegen, macht ihr Tim endlich das Geständnis, das seit einer Ewigkeit aus ihm herauswill – doch ohne Effekt. Desillusioniert schleppt er sich zurück an seinen Schreibtisch und akzeptiert die Tatsache, dass er und Dawn wohl niemals in einer romantischen Beziehung sein werden.

The Office - Jeder ist ersetzbar

Im The Office Christmas Special, dem zweiteiligen Abschluss der Geschichte, sehen sich Tim und Dawn nach drei Jahren schließlich wieder und kommen letztendlich auch zusammen. Und sogar für David Brent geht es am Ende langsam wieder bergauf. Was viele Fans für einen Betrug der Show-Philosophie halten, ist für mich die wohl wichtigste Entwicklung der gesamten Serie, die alles zuvor Gesehene in einen neuen Kontext rückt. Bevor es zum Stimmungswandel durch den finalen Kuss und wahrscheinlich schönsten Augenblick in seinem dokumentierten Leben kommt, hält der von der Gesamtsituation frustrierte Tim folgenden Monolog:

Die Leute, mit denen man zusammenarbeitet sind nur Leute, mit denen man zusammengesteckt wurde. Du kennst sie nicht und du hast dir das auch nicht ausgesucht. Und trotzdem verbringst du mehr Zeit mit ihnen als mit deinen Freunden oder deiner Familie. Dabei ist wahrscheinlich das einzige, dass du mit ihnen gemeinsam hast, dass du jeden Tag auf dem selben Stück Teppich für acht Stunden am Tag herumläufst. Wenn also jemand daherkommt, zu dem du eine Verbindung spürst - und ja, Dawn war ein Licht in meinem Leben - kann das einiges ausmachen. Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich nie daran geglaubt, dass es ein gutes Ende nimmt. Im Leben geht es nicht um Enden, oder? Es ist eine Aneinanderreihung von Momenten. [...] Das Leben geht einfach weiter.

Die Bedeutungslosigkeit des Menschen in der dehumanisierenden Büro-Umgebung ist ein zentrales Thema von The Office. Was bleibt von einem Menschen, wenn er auf eine Funktion reduziert wird, die er tagtäglich für acht, neun Stunden ausübt? Wenn Dawn nach drei Jahren wieder einen Fuß in ihr altes Büro setzt, eröffnet ihr eine Mitarbeiterin, dass ihr Fehlen überhaupt nicht bemerkt wurde, weil ihre Nachfolgerin eine ähnliche Frisur trägt. Das Statement ist klar: Egal, wie viel jemand leistet, egal, wie viel Lebenszeit man einer Firma oder einem Projekt opfert, egal, was über die Jahre zusammengehackt, -gekurbelt, -geschweißt, -geschrieben oder -gerechnet wurde. Ein Nachfolger steht immer bereits in den Startlöchern und in der Arbeitswelt ist jeder ersetzbar. Nichts hiervon zählt.

The Office findet Bedeutung in der Bedeutungslosigkeit

Tims Schicksal widerspricht dieser Philosophie. Er mag seinen Beruf und die meisten seiner Kollegen hassen, aber am Ende hat er in der Hölle von Wernham Hogg die Liebe seines Lebens gefunden. Die kosmische Willkür, mit wildfremden Menschen zusammengewürfelt zu sein, die er in seinem Monolog ausformuliert, wird durch das zuckersüße Ende der Geschichte von einem grausamen Scherz zu einem Wunder. Die Serienschöpfer Stephen Merchant und Ricky Gervais geben hier ein klares Statement ab. Sie opfern nicht vermeintlichen Realismus für ein Happy End, sondern suggerieren ganz bewusst, dass eine Geschichte wie Tims durchaus in der Realität existieren kann.

Tim und Dawns großer Moment

Der Kuss zwischen Tim und Dawn ist bei weitem kein großer, triumphaler Hollywood-Moment, sondern ein intimer Augenblick zwischen zwei Menschen, die fürchterliche Angst vor der Zukunft haben und sich nur in einer einzigen Sache wirklich sicher sind. Nämlich in der Entscheidung, diese gemeinsam bestreiten zu wollen. Vielen Leuten fällt es schwer, nach Misserfolgen, Stagnation und Rückschlägen noch an eine positive Kraft in Gefühlen wie Liebe oder Hoffnung zu glauben. Möglicherweise gibt es für Menschen wie Tim auch wirklich kein endgültiges Happy End. Aber es gibt dennoch Momente des großen Glücks, die uns das ganze Elend und den Ärger zumindest für eine Weile vergessen lassen und die den ganzen Strapazen Bedeutung verleihen. Oder um es wie David Brent mit den Worten der großen Philosophin Dolly Parton zu sagen: "If you want the rainbow, you got to put up with the rain."

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