John Wick 4 mit Keanu Reeves ist unabsichtlich eine der besten "Videospielverfilmungen" geworden

10.04.2023 - 09:45 UhrVor 11 Monaten aktualisiert
John Wick: Kapitel 4
Leonine
John Wick: Kapitel 4
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John Wick: Kapitel 4 ist nicht nur einer der besten Action-Filme der vergangenen Jahre. Regisseur Chad Stahelski hat ganz nebenbei eine der besten Videospielverfilmungen aller Zeiten gedreht.

Bevor Verwirrung aufkommt: Nein, John Wick ist keine Videospielverfilmung. Es existiert keine geheime Vorlage, die ihr auf der PlayStation oder Xbox zocken könnt. Die Reihe ist komplett fürs Kino entstanden. Spätestens mit Teil 4 sind die Einflüsse aus der Welt der Videospiele aber nicht mehr zu übersehen. Regisseur Chad Stahelski geht offen damit um und nennt etwa The Hong Kong Massacre als große Inspiration.

Wo Hollywood eine Videospielverfilmung nach der anderen versenkte, liefert Stahelski mit John Wick: Kapitel 4 ungefragt eine der besten "Videospielverfilmungen" ab. Sein monumentaler Action-Film übernimmt zahlreiche Elemente, die wir aus der Welt der Videospiele kennen, angefangen bei der klaren Level-Struktur über Missions-Erklärungen bis hin zum Kampf gegen einen überlebensgroßen Endboss.

John Wick 4 fühlt sich an wie eine Videospielverfilmung, obwohl es gar kein John Wick-Videospiel gibt

Eine der atemberaubendsten Actionszenen in John Wick: Kapitel 4 führt uns durch ein ganzes Pariser Apartment. Zuerst sehen wir, wie Keanu Reeves die Treppe hochkommt und ein paar Widersacher vermöbelt. Daraufhin fährt die Kamera weiter in die Höhe und nimmt schließlich die Vogelperspektive ein. Ohne Schnitt gleiten wir über die Räume hinweg. Dieser Top-Down-Shot wurde direkt von The Hong Kong Massacre inspiriert.

Der Gameplay-Trailer zu The Hong Kong Massacre:

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Obwohl John Wick: Kapitel 4 keine ausgewiesene Adaption des Stoffs ist, fängt er die Essenz des Spiels ein. Wo sich viele Videospielverfilmungen darauf versteifen, Figuren und Handlungsstränge auf die Leinwand zu bringen, interessiert sich Stahelski in erster Linie für Form und Ästhetik. Er blendet alles aus, was eine Geschichte aus narrativer Sicht mit sich bringt, und fokussiert sich allein auf Bilder und Bewegungen.

Chad Stahelski übernimmt Videospiel-Elemente und schafft darauf filmische Kunstwerke

Voller Eleganz und unbeirrt wandert die Kamera über das Apartment – ein deutlicher Kontrast zu den Hindernissen, die sich John Wick in Form von schwerbewaffneten Gegnern in den Weg stellen. Widerspenstig und schwerelos wirkt diese Szene. Sie saugt uns in einen großen Bewegungsfluss und trotzdem ist jede Begegnung von Körper und Waffe zu spüren. Gekonnt spielt Stahelski mit den vermeintlichen Widersprüchen.

Keine hohlen Bilder, keine leeren Räume: Stahelski versteht, dass man Geschichten auch über die visuelle und auditive Ebene erzählen kann. Die Böden des Apartments sind mit Requisiten dekoriert, als würde John Wick direkt in ein Gemälde laufen. Wir haben warme und kalte Farben. Licht und Schatten. Mündungsfeuer und knallende Schläge. Nicht nur Figuren: Hier erwacht ein ganzer Ort beiläufig zum Leben.

John Wick: Kapitel 4

Der Top-Down-Shot ist das wohl eindrucksvollste Beispiel, wie Stahelski Form, Ästhetik und Raumgefühl eines Videospiels in seine Inszenierung einfließen lässt. Es ist jedoch bei Weitem nicht das einzige. Immer wieder greift er Game-Dynamiken auf und entwickelt diese im Live-Action-Kontext seines Films weiter. Sei es bei der Raserei rund um den Arc de Triomph oder zwischen den Wasserfällen in einem Berliner Club.

Wenn Film-Bösewichte wie Nicht-Spieler-Charaktere aus einem Videospiel nachgeladen werden

Im Pariser Kreisverkehr versucht John Wick, einen Weg aus einem Labyrinth zu finden, das sich ständig verschiebt. Autos schießen wie Wände aus dem Nichts hervor, während die Bösewichte wie NPCs (Nicht-Spieler-Charakter, die meist nur einen konkreten Zweck erfüllen) durch die Gegend purzeln. Sie greifen an, fliegen raus und stehen wieder auf, um erneut am Gemenge teilzunehmen. Denn das ist ihre einzige Bestimmung.

Stahelski übernimmt in dieser Sequenz die Idee des (Re-)Spawnings. In der Videospielwelt ist damit der (Wieder-)Einstieg von Figuren gemeint, derer man sich als Spielender kurz zuvor entledigt hat. Oft handelt es sich um besiegte Gegner, die wieder und wieder zurückkehren, wenn man stirbt oder keinen entscheidenden Fortschritt macht.

John Wick: Kapitel 4

Die Aussichtslosigkeit des ewigen Nachschubs an Kontrahenten findet in John Wick: Kapitel 4 vor den Stufen von Sacré-Cœur ihren Höhepunkt. Gerade als Reeves Killer denkt, er hat sich seinen Weg freigekämpft, wird er vom oberen Ende der Treppe nach unten gestoßen. Er purzelt alle 237 (!) Stufen nach unten, während die Handlanger der Hohen Kammer einfach nachgeladen werden – ein frustrierendes Level!

In John Wick 4 kämpfen wir uns mit Keanu Reeves durch unzählige Level und Gegenspieler

Das Level-Design und die Konstruktion von Actionszenen gehen bei Stahelski Hand in Hand, wie etwa die Club-Sequenz in Berlin beweist. Mehrere Ebenen inklusive Endboss: Wenn John Wick dem Fiesling Killa (Scott Adkins) gegenübertritt, rahmt die Kamera und das Licht den Moment, als würden wir gleich einem Kampf folgen, der auf einer der Bühnen eines klassischen Beat ’em up-Spiels wie Mortal Kombat stattfindet.

Zwei Figuren stehen sich direkt gegenüber und packen ihre Moves aus. Wer die beste Kombination hat, gewinnt. Stahelski könnte mühelos eine Grafik über die Bilder legen, die uns über Energiereserven, Spezialfähigkeiten und die verbleibenden Leben der Figuren informiert. Doch an diesem Punkt würde er lediglich ein Videospiel imitieren. Stahelski ist längst einen Schritt weiter. Er hat die Videospielästhetik verinnerlicht.

John Wick: Kapitel 4

Game-Elemente ziehen dynamisch in John Wick: Kapitel 4 ein, als gehörten bestimmte Perspektiven, die wir eher einem Shooter zuordnen würden, ganz natürlich zu Stahelskis filmischem Vokabular. Dieser intuitive Umgang fehlt den meisten Videospielverfilmungen komplett. Umso spannender wird es, wenn Stahelski demnächst tatsächlich ein existierendes Videospiel adaptiert: Ghost of Tsushima.

John Wick: Kapitel 4 läuft seit dem 23. März 2023 in den deutschen Kinos.

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