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5 Gründe genau jetzt The Leftovers zu schauen

Power Couple: Kevin und Nora retteten erst sich selbst. Folgt nun die Welt?
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Power Couple: Kevin und Nora retteten erst sich selbst. Folgt nun die Welt?
14.04.2017 - 08:50 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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Während zu dieser Zeit normalerweise mit Game of Thrones das Jahreshighlight vieler Serienfans anläuft, strahlt HBO in diesem April die finale Staffel von The Leftovers aus. Wieso ihr jetzt unbedingt einsteigen solltet und weshalb Damon Lindelofs Serie das wahre Highlight ist, lest ihr hier.

Es gibt zu viele Fernsehserien. Oder nicht genug Stunden am Tag. Wie auch immer, bei aufregenden Zombies, cleveren Anwälten und Drachen und Intrigen in Westeros kann man leicht eine Serie übersehen, die einem viel abverlangt und dann doch reichhaltig belohnt.

The Leftovers von Damon Lindelof ist genau diese Serie. Sie ist nicht einfach, man leidet mit den Figuren und findet am Ende trotzdem keine zufriedenstellende Lösung. Oft lässt sie einen verwirrter als zuvor zurück. Doch vielleicht liegt genau darin der Charme der Serie.

Hier sind fünf Gründe dafür, wieso ihr die Osterzeit nutzen solltet, euch zwei der besten Staffeln der jüngeren Fernsehgeschichte reinzuziehen, um ab nächster Woche über die - für mich und vielleicht bald auch für euch - größte Serie aller Zeiten mitdiskutieren zu können.

Grund 1: Die Prämisse des Sudden Departures

Es geschah ohne Vorwarnung. Von einer Sekunde auf die andere verschwinden zwei Prozent der Menschheit. Das sind 140 Millionen, die in The Leftovers ohne erkennbares Muster, Hinterlassenschaften oder Spur einfach aufhören zu existieren. Dabei gibt es keine Unterschiede bei Alter, Geschlecht, Religion, Aussehen oder Geldbeutel.

Das Mysterium wird die Serie jedoch nie aufklären. Das ist kein Spoiler, das ist Teil des Designs. Showrunner Damon Lindelof, dem wir bei seiner ganz besonderen Faszination mit Mysterien bereits bei Lost etliche Jahre zuschauen durften, adaptiert Tom Perrottas Roman sehr genau und löst das Geheimnis um das Verschwinden nie wirklich auf. Lindelof hat bereits in Interviews zur 1. Staffel verkündet, dass er das Mysterium nicht wie in seiner ABC-Serie minutiös aufschlüsseln möchte. Dies untermauert auch der großartige Song "Let The Mystery Be " in den Opening Credits der 2. Staffel.

Eine Sekte will sich gegen das Vergessen wehren und terrorisiert die Kleinsadt Mapleton.

Stattdessen untersucht The Leftovers die titelgebenden Überbleibsel in menschlicher, religiöser und zivilisatorischer Form. Das Verschwinden von 140 Millionen Menschen dürfte nahezu jeden in irgendeiner Form betreffen, ob man jetzt selbst Verwandte und Freunde verliert, oder ob einen dieses kosmische Event in eine tiefe Glaubenskrise oder Depression stürzt. 140 Millionen Menschen sind, trotz biblischer Parallelen, jedoch kein apokalyptisches Event. Die Welt geht nicht unter, sie dreht sich weiter. Nur ist nichts mehr, wie es zuvor war.

Die Serie setzt drei Jahre nach diesem plötzlichen Verschwinden ein und erzählt von einer zerrütteten Bilderbuch-Patchwork-Familie. Niemand in der Familie verschwand und trotzdem ist alles anders als zuvor. Polizist Kevin Garvey (Justin Theroux) lebt alleine mit seiner Tochter (Margaret Qualley), nachdem sein Stiefsohn sich auf die Reise zu einem Wunderguru begab und seine Frau Teil einer örtlichen Sekte wird. Nachdem weder die Wissenschaft (es gibt ein eigens eingerichtetes Ministerium der Regierung für das Verschwinden) noch die Institutionen der Religionen Antworten liefern können, wenden sich viele Menschen extremen Gruppierungen zu. Polizist Garvey ist mehr und mehr überfordert mit diesen gesellschaftlichen Problemen, als ihn auch noch die vererbte Schizophrenie seines Vaters einholt.

The Leftovers ist eine Serie, die die großen Fragen stellt. Es geht nicht um die Thronfolge in einer Fantasiewelt und auch nicht um das aufregende Leben und Überleben russischer Spione. Die Serie richtet sich jede Woche mit einer unglaublich detaillierten Sozialstudie und mitreißenden Figuren an den Zuschauer, der für diese Themen bereit sein muss. Wer sich jedoch einlässt, wird reichhaltig belohnt mit Fragen zu Religion, unserer Existenz, dem Zusammenhalt der Zivilisation und was uns wirklich morgens aus dem Bett treibt. The Leftovers findet Antworten, animiert aber auch an, eigene zu suchen. Wie gehen wir mit Trauer um? Sind tote Menschen einfach "weg"? Können wir jemals wirklich glücklich sein, ohne alle Antworten zu kennen oder stürzt uns die unausweichliche Entropie in tiefe Depression? Wer seine Serien nicht gerne binge-watcht, sondern erst einmal ruhig verdauen will, ist hier an der richtigen Stelle.

Carrie und Kevin versuchen einen gemeinsamen Neustart in Texas.

Grund 2: Die Musik von Max Richter

Die Geheimwaffe der Serie ist Max Richter, dessen grandiose Kompositionen bereits in den Opening Credits der 1. Staffel den Ton angeben. Seine Musik ist melancholisch, bedeutungsvoll, tiefgehend und leidend.

https://www.youtube.com/watch?v=3PTNHQND6MA

In nahezu jedem emotionalen Höhepunkt kommen Richters Geigen ins Spiel und heben die Serie einige Level nach oben. Ohne seine musikalische Untermalung wäre die Serie immer noch gut, aber nicht das, was sie ist.

Böse Zungen könnten behaupten, dass man die Musik oft einsetzt, wenn ein Moment nicht sein volles Potenzial entfalten kann; dass Damon Lindelof und seine Regisseure Richters Musik als Stütze benutzen. Doch Richters Musik ist das pochende Herz der Serie.
In einer Serie, die sich mit so tiefgehenden Fragen und Situationen auseinandersetzt, ist es häufig besser, wenn die Figuren schweigen und die Musik zusammenfasst, was Worte nicht ausdrücken können.

Grund 3: Das mitreißende Schauspiel

The Leftovers weigert sich nicht unbedingt Antworten zu liefern. Die Autoren sind nur der Auffassung, dass es oft mehr als eine Wahrheit gibt. Ist es immer besser, die Wahrheit zu kennen? Oder kann auch eine Lüge hilfreich sein, um durch den Alltag zu kommen. Zu diesen Beispielfragen kann jeder nur eine individuelle Antwort finden.

Das Plötzliche Verschwinden hat das Leben einiger Menschen komplett zerstört, sie sind am Boden und depressiv. Wir folgen Nora (Carrie Coon), Kevin und Co. auf ihren Wegen nach Antworten und den Orten, wo ihre Fragen sie hinführen.

https://www.youtube.com/watch?v=fohOet_3XBc

Dies endet oft in Wutausbrüchen oder großer Verzweiflung, weil sie ihre Ziele nicht erreichen können - oder in kathartischen Momenten, die auch unsere Seele reinwaschen. Die absurde Prämisse der Serie stört dabei nie, denn die Gefühle der Figuren sind so nachvollziehbar, so einnehmend und mitreißend, dass man sich am Ende einer Folge mitgenommen fühlt.

The Leftovers verweigert sich dem Verlangen der Zuschauer nach Eskapismus und konfrontiert sie mit den Fragen, denen oft lieber ausgewichen wird. All dies verkörpern die Schauspieler so einfühlsam, dass ihre Figuren und Darstellungen direkt in die TV-Geschichte eingingen. Bisher wurden die Schauspieler bei den Emmys völlig vergessen - ein Verbrechen, wenn man mich fragt. Doch das wird sich nach der 3. Staffel ändern.

Grund 4: Besonders starke Episoden

Ich will ehrlich sein. Die 1. Staffel ist durchaus ein kleiner Kampf. Nicht jede Folge ist der große Wurf, doch bereits hier deutete sich in einzelnen Folgen die große Kunst dieser Serie an. Lindelof, der an nahezu allen Folgen als Autor mitwirkte, lässt ab und zu seine Sozialstudie der Dörfer zurück und konzentriert sich auf eine einzelne Figur und ihre Reise.

Traumsequenzen geben Einblick in die Psyche von Pfarrer Matt (Christopher Eccleston).


In der 2. Staffel gelingt den Autoren die Balance besser. Dort ist der Spannungsbogen der Staffel stärker mit den individuellen Folgen (ähnlich wie bei LOST) verwoben, was synergetische Effekte zur Folge hat. Die Schicksale der Charaktere werden noch besser beleuchtet, ihre Qualen und Handlungen verständlicher gemacht. Der Zuschauer entwickelt für jedes Mitglied dieser schwierigen Figurenkonstellation Empathie, oft auch aus Mitleid, denn sie irren genau wie wir oft im Dunkeln.

Wer am Ball bleibt, wird gegen Ende der 2. Staffel mit der Folge "International Assassin" belohnt. Glaubt man manchen Kritikern und Zuschauern, handelt es sich hierbei um mit die beste TV-Episode, die jemals produziert wurde.

Grund 5: Das Letzte-Staffel-Phänomen

Die 3. und finale Staffel führt uns in nur acht Episoden zum Ende. Öffnen sich die Himmelstüren oder gibt es ein erneut apokalyptisches Ende für Fans des Lost-Schöpfers? Lindelof gab bereits in einigen Interviews erste Geheimnisse preis. Nach den acht Episoden ist tatsächlich Schluss. Es soll keine Spin-offs geben.

Dass sich das Plötzliche Verschwinden jederzeit wiederholen könnte, führt zu Hysterie und Angst.

Diese Finalität bietet einen verlockenden Reiz. In der Zukunft werden Zuschauer die Staffeln auf HBO streamen oder auf Blu-ray kaufen können, sie anschließend binnen einigen Wochen oder auch - wie schlimm - Tagen verzehren. Dabei ist eine Serie, die mit so großen, tiefgehenden und schlicht menschlichen Fragen um sich wirft, doch wert diskutiert zu werden. Genau diese Möglichkeit habt ihr jetzt. Das Ende einer Serie ist immer ein Phänomen. Wie geht es aus? Was kann noch passieren? Wie sind diese einzelnen Szenen zu interpretieren? Welche Easter Eggs sehen wir hier im Hintergrund?

Serielle Narration lebt von Atempausen, sie lebt von Diskussion. Also versäumt es nicht, einzuschalten.

The Leftovers startet passend zu den religiösen Themen der Serie an Ostern auf HBO. In Deutschland sind die Folgen immer montags auf Sky Go abzurufen.


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