Tenet ist aggressiv verwirrend: Ein zweiter Kinobesuch wirkt Wunder

Tenet - Trailer 2 (Deutsch) HD
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Tenet braucht zwei Kinobesuche
05.09.2020 - 09:00 UhrVor 6 Monaten aktualisiert
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Tenet hat mich verwirrt und verärgert. Um mit Christopher Nolans Film endlich ins Reine zu kommen, habe ich im Kino einen zweiten Anlauf gebraucht.

"Ich dachte eigentlich immer, ich wäre ziemlich intelligent, aber..." ist ein Satz, den ich in der letzten Woche aus dem Mund von mehr als einem Tenet-Kinobesucher gehört habe. Er könnte auch von meinen Lippen stammen. Verwirrung hielt mich nach dem Verlassen des Kinos noch lange fest im Griff.

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Geheimnisse von Nolans Film

Christopher Nolans neusten Regiestreich auf Anhieb vollständig zu erfassen, stellt eine Herausforderung dar. Dass mich Tenet allerdings zugleich mit Wut erfüllen würde, die erst ein zweiter Kinobesuch wieder vertreiben konnte, hatte ich nicht erwartet. Doch hatte dieser Effekt am Ende vielleicht sogar Methode?

Tenet: Verwirrte Raserei?

Oder war es am Ende nur der Umstand, dass mir Tenet unsanft meine eigene begrenzte Hirnkapazität vor Augen führte, der mich beim ersten Kinobesuch so allergisch reagieren ließ? Achtung, der folgende Text kann Spuren von Tenet-Spoilern enthalten.

Tenet: Der erste Kinobesuch als verwirrendes Erlebnis

Für Tenet bin ich am Mittwoch zum Start sofort vorfreudig ins Kino gerannt. Übrigens zum ersten Mal, seit die Lichtspielhäuser mit Corona-Auflagen wieder geöffnet haben. Aber klar: Den neuen Christopher Nolan-Film nicht im Kino zu sehen, war einfach keine Option.

Zweieinhalb Stunden später verließ ich den Saal allerdings in einem unangenehmen Zustand, der sich nur als aggressive Verwirrung beschreiben lässt. Eingenistet irgendwo in einer unbestimmbaren Region zwischen Kopf und Magengegend hallte es noch lange in mir nach. Durch Tenet (wie durch dem Soundtrack von Ludwig Göransson) wurde ich auch Tage später noch in starke Schwingungen versetzt.

Der Tenet-Trailer verriet erst einen Teil der verwirrenden Geschichte

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Es war nicht so, dass ich Tenet überhaupt nicht verstanden oder genossen hätte. Ich schwelgte durchaus in den furiosen Actionszenen und sah, wie sich am Ende die Schnittstellen invertierter Handlungsbögen zusammenfügten. Aber es blieben eben doch reichlich Ecken und Kanten in Form von nicht sofort verinnerlichte Konzepten und ungeklärten Fragen. Und daran scheuerte ich mir unangenehm die Hirnrinde auf.

Ich bin nicht dumm oder: Wie Tenet mich nicht mehr losließ

Ich musste ein bisschen an meinen Kollegen Hendrik denken, den der zweifachen Abbruch der Serie Dark in Selbstzweifel stürzte. Nur ließ mich Tenet an meiner Auffassungsgabe zweifeln.

Die euphorischen ersten Kritiken hatten mir quasi vorausgesagt, dass Tenet der Film für mich sein würde. Schließlich liebe ich es, wenn es in Mindfuck-Filmen auch mal komplizierter wird und mir ein paar Denkleistungen abverlangt werden. Aber nach Tenet kam ich mir dumm vor.

Tenet: Doppelte Gehirnkapazität erwünscht

"Ich dachte eigentlich immer, mein Englisch sei super, aber...", wäre in diesem Zusammenhang auch ein passender Satz. Ich sah Tenet nämlich im Original ohne Untertitel, womit ich sonst keine Probleme habe. Bei den genuschelten, durch Masken und Motorengeräusche verzerrten und mit unterschiedlichsten Akzenten vorgetragenen Erklärungen rutschte aber im Englischen offenbar doch so einiges durch.

Am Ende waren mir weder die Motivationen der Figuren, noch die Timeline von Tenet ganz klar. Unachtsamkeit in Form von auch nur kurz abschweifende Gedanken wurden mit Wissenslücken bestraft. (Sind Schulstunden nicht extra nur 45 Minuten lang, weil der Mensch sich nicht länger durchgehend so intensiv konzentrieren kann? 150 Minuten Tenet sind da offenbar anderer Meinung.)

Tenet auf dem Weg durchs Labyrinth der Zeit

Später Tenet erklärt zu bekommen, half nur bedingt, weil offenbar jeder, mit dem ich sprach, so kurz nach dem Kinostart noch eine andere Deutung parat hatte, von der er nicht 100 Prozent überzeugt war. Clémence Poésys filminterner Aufforderung, ich solle die Inversion einfach spüren, wollte ich nur ein erzürntes "Ich will es aber verstehen!" entgegenschleudern.

Tenet wurmte mich also weiter. So sehr, dass ich erst gar keine Lust hatte, nochmal ins Kino zu gehen. Ich tat es dann aber doch. Vielleicht auch, weil eine zweite Kinokarte günstiger ist als ein Besuch beim Seelenklempner. (Ja ja, Robert Pattinson, dieser Teil ist "ein bisschen dramatisch".)

Der zweite Kinobesuch von Tenet als mentaler Genuss

Vier Tage nach dem ersten Kinobesuch, suchte ich an meiner Ehre gepackt also die erneute Konfrontation mit Tenet. Diesmal auf Deutsch.

Tenet: Wenn Skepsis zu Verständnis wird

Und es geschah tatsächlich: Meine negative Ladung verwandelte sich in eine positive. Die Unsicherheiten wurden zu Aha-Momenten. Ich sog die beim ersten Mal überhörten Erklärungen in mich auf und schloss so Verständnis-Lücken. ("Ich dachte eigentlich immer, ich wäre ein aufmerksamer Kinobesucher, aber...").

Wo ich beim ersten Mal unvoreingenommen und ungespoilert ins kalte Wasser gesprungen war, hatte ich nun einen Vorteil: Ich kannte den Fahrplan. Plötzlich fand ich mich in der Position von John David Washington am Ende von Christopher Nolans Film wieder: Mein vergangenes Wissen nutzend, konnte ich mich dem Ereignis Tenet aus einer neuen Perspektive nähern.

So wurde für mich der zweite Kinobesuch eine temporale Zangen-Bewegung: Mein verwirrtes Ich des ersten Kinobesuchs konnte nichts weiter tun, als sich den sich überschlagenden Ereignissen hilflos auszuliefern. Mein ins Kino zurückgekehrtes Ich aber konnte die erlernten Puzzleteile endlich zusammensetzen und genießen.

Tenet hoch 2

Wenn Tenets Box Office-Erfolg am Ende mir und all den anderen verwirrten Besuchern zugeschrieben wird, die durch einen zweiten Kinobesuch die geringeren Corona-Publikumszahlen ausgleichen, dann hat mein Tenet-Leidensweg immerhin einen positiven Effekt.

Meine aggressive Verwirrung durfte sich jedenfalls endlich legen und ich konnte meinen filmischen Seelenfrieden (und den angeknacksten Glauben an meine Intelligenz) wiederfinden. Ich verstand, dass (selbst, wenn ich beim ersten Mal schon alles kapiert hätte) die wahre mentale Freude an Tenet erst in der Wiederholung einsetzt.

Diesmal verließ ich das Kino nach Tenet lächelnd. Durch das Drehkreuz natürlich. Als Protagonist meiner eigenen Kinoerfahrung.

Podcast: Wie gut ist Christopher Nolans Tenet?

Unsere Kollegen von FILMSTARTS widmen sich dem neuen Mindfuck von Christopher Nolan. Keine Sorge: Große Spoiler gibt es in der Folge nicht.

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Tenet ist der Film, auf dem derzeit die Hoffnungen der Kinobranche ruhen, nach der Corona-Pause wieder Zuschauer anzulocken. Ohne Spoiler kann verraten werden: Wer ihn schaut, hat anschließend garantiert Diskussionsbedarf.

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Wie ging es euch nach dem ersten Kinobesuch von Tenet?

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