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Von einer nicht ganz so glücklichen Schwangerschaft...

Rosemaries Baby - eine cineastische Albtraumfahrt

Rosemary's Baby
© Paramount
Rosemary's Baby

Das Genre des Horror und Gruselfilms schafft es selten, mich zu schockieren. Dies liegt vor allem an den sich wiederholenden Themen, Motiven und Elementen, die oftmals einfallslos oder vorhersehbar in allen möglichen Filmen genutzt werden. Dies geht von knarrenden Türen, die sich langsam öffnen, plötzlich hervorspringenden Monstern, irren Killern mit Kettensägen bis hin zur einsamen Jungfrau, die das Massaker an ihren Teenagerfreunden überlebt. Doch ist das, was heute altbekannt wirkt und schon eine Erwartungshaltung an den Film hervorruft, bevor dieser gesehen wird, in "älteren Horrorfilmen" tatsächlich innovativ oder wegweisend? Rechtfertigt ein "alter Horrorfilm" so einen Kultstatus in der Neuzeit, auf denen sich moderne und aktuelle Horrorfilme beziehen? Ich glaube, dass dies nicht der Fall ist und breche hier auch keine Lanze dafür. Ein Film aus dem Horrorgenre ist dann gut, wenn er als Film gut ist, im Prinzip also, wie es für jeden Film gilt. Das Genre ist dabei unerheblich. Es gibt jedoch Horrorfilme, die ihren Ruf als "Klasiker" über die Jahrzehnte der noch nicht alten Filmgeschichte rechtfertigen und ihren Stellenwert in dieser behaupten. Zu diesen Filmen zähle ich, vielleicht auch an erster Stelle: Rosemaries Baby von Roman Polanski.

Was macht diesen Film so besonders im Bereich seines Genres und als eigenständiger Film und somit über sein Genre hinaus?

Dass, was Polanski mit Mia Farrow & Co. in seinem Film zur Perfektion führt, hat er drei Jahre zuvor mit Catherine Deneuve in seinem Werk Ekel schon genial angedeutet, dabei jedoch zum Teil andere Schwerpunkte in Inhalt und Inszenierung gesetzt und so das Genre "verschoben" hat.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht in beiden Filmen eine Frau in einer Mietwohnung. Während die eine sich aufgrund innerer Zwänge, die sich nach einer Weile nach außen manifestieren, in Form von Isolation, Halluzinationen und Soziophobie äußern und sie so langsam dem Wahnsinn verfällt, entgeht Mia Farrow zum Teil diesem Schicksal. Sie ist glücklich verheiratet, zieht in eine neue Wohnung, erfährt dass sie schwanger ist und hat scheinbar sehr hilfsbereite Nachbarn und nimmt am gesellschaftlichen Leben Teil. Der Schrecken, der sich bei Deneuve über die Bildsprache in Rissen in der Wand äußert, zeigt sich hier in der Verzweiflung der Hauptfigur in ihren sozialen Beziehungen: zu ihrem Mann, der sich nach und nach von ihr abwendet, ohne dies zu erklären und seine plötzlich erfolgreiche Karriere als Schauspieler als Grund anführt und zu ihren Nachbarn, vor allem Ruth Gordon, deren Interesse an ihrer Schwangerschaft und den Übergriffigkeiten, zur einer Belastungsprobe für sie werden. Das Resultat für die Hauptdarstellerin ist auch hier eine Isolation und die Flucht in sich selbst, um ihr ungeborenes Kind zu schützen. Doch während die innere Emigration bei Deneuve ihr Schutz vor der für sie feindlichen Außenwelt bieten soll, scheitert die Rolle Farrows daran. Die letzte Zuflucht, in sich selbst, scheitert, da sich ihr eigener Körper, ihr Kind, gegen sie wendet.

Der Prozess der Schwangerschaft, die mit einem Fiebertraum und der "Vergewaltigung" durch ihren Ehemann begann, wird durch den satanischen Kultismus der Nachbarn und ihres Frauenarztes immer weiter beungünstigt und führt letztlich auch zu einer Entfremdung Rosemaries von ihrem vorherigen Selbst. Das Ende der Schwangerschaft und das Ende des Film, lasse ich mal aus Spoilergründen offen, doch das Lächeln einer Mutter war selten so beängstigend.

Was ist es, was diesen Film so erschreckend macht? Es gibt kein Blut, außer das Essen einer rohen Leber währen der Schwangerschaft, keine Axtmorde und dennoch unerklärliche Tote. Es gibt kein Entkommen. Für die Figuren nicht und auch nicht für den Zuschauer. Man wird in den Sog der Figuren und ihrer psychischen Verfassung bzw. deren Destabilisierung mitgenommen. Der Schrecken geschieht im Alltag und lässt einen mit der Gewissheit zurück, dass der Horror, wie auch immer sich dieser ereignen mag, stets dann am größten ist, wenn der die "heile Welt des Alltags" vernichtet und man sich von seinem bisherigen Leben entfremdet und verabschieden muss. Es ist das Fremde im Gewohnten, das die Angst schürt und so eine Identifikation mit den Protagonistinnen ermöglicht. Nicht zuletzt das hervorragende Spiel der Aktricen und die Bildsprache Polanskis offenbart dem Zuschauer ein intensives Erleben ihres Angstgefühls und lässt einen zum Teil fassungslos zurück.

Bin ich ein Fan von Horrorfilmen? Nein, aber ich bin ein Fan von guten Filmen und wenn diese zufällig Horrorfilme sind, dann freut mich das. Also an dieser Stelle eine Empfehlung: Wer Rosemaries Baby oder Ekel nicht gesehen hat, auf zum nächsten DVD Händler oder legalen Streamingdienstes und macht es euch mit einer Taniswurzel zum Knabbern auf der Couch bequem und lasst euch in den Schrecken des Alltags entführen.

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Um was geht es? Um Filme, die ich gesehen habe. Filme, die mich begeistert haben und die in meinem Kopf noch nachhallen. Es geht um Themen und einzelne Filme und den ganz normalen Filmwahnsin im Leben.

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