Berlinale 2020: Auch eine Mülltonne kann eine Sensation sein

Maggie's Farm
© James Benning, 2019. Courtesy the artist and neugerriemschneider, Berlin
Maggie's Farm
24.02.2020 - 11:00 UhrVor 1 Jahr aktualisiert
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Filmemacher James Benning präsentiert auf der Berlinale 2020 sein neustes Werk. In Maggie's Farm filmt er mitunter minutenlang einfach nur eine Mülltonne - und das ist brillant.

Wie fühlt es sich an, minutenlang auf eine Mülltonne zu starren? Im Alltag gibt es vermutlich wenig trostlosere Vorstellungen als der starre Blick auf jenes Behältnis, an dem Dinge für gewöhnlich enden, da sie verbraucht oder kaputt sind. James Benning lässt sich davon jedoch keineswegs beirren. Eindringlich filmt er in Maggie's Farm eine Mülltonne, während er uns außenrum die Geschichte des California Institute of the Arts erzählt, an dem der US-amerikanische Experimentalfilmer auch selbst unterrichtet.

Vom konventionellen Kino könnten James Bennings Beobachtungen kaum weiter entfernt sein und trotzdem fassen sie schlussendlich die Essenz des Filmemachens zusammen. Denn bei James Benning geht es vor allem um Bilder und alles, was sich in diesen versteckt. Auf den ersten Blick mag das zwar nur eine Mülltonne sein, die recht unspektakulär in der Gegend steht. In Verbindung mit den Einstellungen davor und denen danach ergibt sich allerdings ein spannendes, faszinierendes und forderndes Porträt.

Die wichtigsten Fakten zu Maggie's Farm und James Benning

  • Maggie's Farm ist der neuste Film von James Benning und feierte dieses Jahr im Rahmen des Berlinale-Forums seine Weltpremiere.
  • James Benning ist ein Avantgarde-Filmemacher und Dokumentarfilmer. Seine Filme setzt er für gewöhnlich alleine und ohne größeres Personal um.
  • Meistens beschäftigt er sich mit der Beobachtung von Landschaften, Bauwerken und Bewegungsabfolgen, gerahmt von einer natürlichen Geräuschumgebung.
Maggie's Farm

Fordernd ist Maggie's Farm deswegen, weil die Aufnahmen die gesamte Aufmerksamkeit des Zuschauers beanspruchen. Wer ungeduldig in einem James Benning-Film sitzt, wird schnell frustriert auf die Uhr blicken und merken, dass die Zeit einfach nicht vergehen will. Bei der ersten öffentlichen Vorführung des Films auf der Berlinale dauerte es nicht lange, bis die ersten Zuschauer wieder den Saal verließen. Zu sehen waren bis zu diesem Punkt Gräser, Bäume und Sträucher - im Hintergrund das Rauschen der Umgebung.

Man muss sich auf diese Filmerfahrung einlassen, keine Frage.

Maggie's Farm als entspannter Abschluss eines langen Festivaltages

Am Ende eines langen Festivaltages, der das Kino in allen Formen und Farben bereithielt und einen geradezu mit Eindrücken überschüttete, erweist sich Maggie's Farm wahrlich als filmischer Segen, so konzentriert entpackt James Benning seinen Film. Es hat durchaus etwas Beruhigendes, dieses absolut entschleunigte, auf das Wesentliche reduzierte Entdecken von Orten, die wie ausgestorben wirken. Kein einziger Mensch ist in Maggie's Farm zu sehen. Lediglich Schritte und das Radio künden vom Leben.

Nachdem James Benning im ersten Drittel von Maggie's Farm ausführlich die Natur erkundet hat, begibt er sich in die Gänge des Instituts und interessiert sich für all jene Dinge, deren Existenz man für gewöhnlich nicht wahrnimmt. Ecken, Stufen, Geländer und eine Lampe: Besonders auffällig ist, dass James Benning vorzugsweise auf Totalen verzichtet, sondern sich stattdessen auf Details fokussiert. Den Blick auf das Ganze erhalten wir selten, dafür rücken die unbemerkten Dinge des Alltags in den Vordergrund.

Maggie's Farm

Beim Publikum fallen die Reaktionen dabei sehr unterschiedlich aus. Es ist ein interessantes Erlebnis, diesen Film in einem vollgepackten Kino zu sehen. Gemeinsam versucht das Publikum, die Bilder und ihre Abfolge zu entschlüsseln, ehe ein unterdrücktes Niesen die Stille durchbricht und für einen kurzen Augenblick aus der Welt des California Institute of the Arts herausreißt. Manche nehmen die Unterbrechung dankbar zum Durchatmen an, andere lassen sich nicht aus der Ruhe bringen und folgen gespannt dem Gezeigten.

Maggie's Farm und die Wahrhaftigkeit des Nicht-Repräsentativen

Dann fällt eine Tür ins Schloss, also im Film, doch die geradezu aufwirbelnde Bewegung findet nur im Off statt und bleibt unserer Vorstellung überlassen. James Benning wählt ausschließlich statische Einstellungen. Ein statischer Ort ist dieses Institut trotzdem nicht, im Gegenteil. Spätestens, wenn sich die Natur mit dem von Menschen Geschaffenem vereint, errichtet James Benning eine Brücke mit seinen sorgfältigen Kompositionen, manchmal sogar begleitet von Bob Dylans Stimme, die aus der Distanz erklingt und hinsichtlich ihrer Ursprungsquelle rätseln lässt.

Schon bald wirkt die von der Kamera eingefangene Umgebung nicht mehr leer und verlassen. Stattdessen besuchen wir hier einen Ort, der deutliche Gebrauchsspuren und damit auch ein gewisses Alter und eine Geschichte mit sich bringt. Selbst wenn Maggie's Farm hauptsächlich aus Aufnahmen des Nicht-Repräsentativen besteht, verlassen wir am Ende das Kino mit einem ganz bestimmten Gefühl für einen ganz bestimmten Ort. Der mag auf den ersten Blick nicht besonders sein und dennoch steckt jedes Bild voller Ereignisse, auch das der eingangs beschriebenen Mülltonne.

Seid ihr schon mal in die Beobachtungen von James Benning eingetaucht?

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