Bedeutet das Sense8-Aus das Ende der kreativen Freiheit bei Netflix?

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"Ganz gleich was Du auch ausrichtest, es wird nie mehr sein als ein einzelner Tropfen in einem unendlichen Ozean!" - "Was ist ein Ozean, wenn nicht eine Vielzahl von Tropfen?"

Netflix hat sich in den vergangenen Jahren den Ruf erworben, Hort für kreative Autoren und Regisseure und ihre Ideen zu sein. Während im Kino Superheldenfilme und (andere) Franchises in Dauerschleife laufen (Ausnahmen bestätigen die Regel), gab der Streamingdienst einem ambitionierten Serienprojekt nach dem anderen seinen Segen. Angefangen bei dem Politdrama House of Cards, mit dem Netflix seine Erfolgsgeschichte einleitete, über Comedyserien wie Grace and Frankie bis hin zu aufwendigen Produktionen The Get Down und Sense8. Gerade dieser Aufwand, auch in finanzieller Hinsicht, soll der Grund für die Absetzung der beiden letztgenannten Serien sein, bei gleichzeitig ausbleibendem Zuschauerwachstum, was sich freilich nicht nachprüfen lässt, da Netflix seine Zahlen nicht offenlegt. Die Kosten hingegen sind bekannt: so soll die Produktion von The Get Down, die im New York der 70er Jahre spielt, insgesamt fast 200 Millionen Dollar gekostet haben, bei Sense8 sollen sich die Kosten pro Folge auf 9 Millionen Dollar belaufen. Die Absetzung wirft einen Schatten voraus auf Netflix' künftige Strategie.

Die unterscheidet sich elementar von der des klassischen Fernsehens. Das Programm klassischer Fernsehsender ist in der Regel auf die Ausstrahlung in einem nationalen Gebiet ausgerichtet. Netflix als international operierendes Unternehmen hat ein weltweites Publikum und dementsprechend verschiedene Möglichkeiten, was die Ausrichtung und Auswertung der Formate betrifft. Zunächst werden Filme und Serien für den amerikanischen Markt gedreht, aber auch international ausgestrahlt. Als Beispiel dienen hier die zweite Erfolgsserie vom Anfang der Netflix-Historie, Orange Is the New Black, aber auch Comedyserien wie Unbreakable Kimmy Schmidt. Außerdem finden sich im Angebot Produktionen, die klar ein länderspezifisches Publikum ansprechen (sollen). Frankreich machte da mit Marseille den Anfang. Dieses Jahr soll die erste deutsche Serie auf Netflix mit dem Titel Dark anlaufen. Angekündigt ist ebenso die erste türkische Netflix-Produktion. Eine dritte Möglichkeit, die mit Sense8 und Marco Polo, einer anderen abgesetzten Netflix-Serie, probiert wurde, ist der Auftrag von Großproduktionen mit Millionenbudget und internationaler Besetzung, die damit weltweit Zuschauer erreichen sollen. Dieses Konzept ist riskant, Netflix könnte von ihm abrücken.

Aber gerade bei wagemutigen Serien wie eben Sense8 wäre das schade. Sie verkörpern mit ihren Alles-ist-möglich-Geist, mit dem Netflix die kreativsten Autoren anlockte, den Geist des Streaming-Dienstes im Laufe seines Aufstieges in den letzten Jahren. Sense8 etwa ist ein Beispiel mit Alleinstellungsmerkmal. Unmittelbar nach Bekanntgabe der Absetzung wurden von Fans verschiedene Petitionen ins Leben gerufen, die eine Fortsetzung oder zumindest eine abschließende Staffel fordern, die die Geschichte zu einem Ende bringt. Auf Twitter machten in diesem Zusammenhang Hashtags wie "BringBackSense8" oder "NoSense8NoNetflix" die Runde, in denen Nutzer wegen der Absetzung die Kündigung ihres Netflix-Abos erklären.

Netflix indes ließ sich von den Protesten der Anhänger nicht erweichen. Zwar gab es ein offizielles Statement, in dem die Verantwortlichen die Entscheidung bedauerten, aber an der Absetzung wird sich wohl nichts mehr ändern. Die Serie mit 2 Staffeln erfreut sich aufgrund ihrer Repräsentation verschiedener, vor allem nicht-heterosexueller Identitäten großer Beliebtheit, insbesondere in der LGBTIQ-Community. Die Abkürzung steht für Lesbian-Gay-Bi-Trans-Inter-Queer und möchte alle sexuellen Orientierungen einbeziehen, die nicht heterosexuell sind. Ein breites Publikum ließ sich dafür scheinbar nicht begeistern, obschon mit den Wachowski-Schwestern prominente Showrunner die Feder führten. Verschont bleiben allerdings auch andere Serien nicht, die eher dem Mainstream zuzuordnen sind.

Denn was in dieser Diskussion nicht vergessen werden darf, ist die Tatsache, dass Sense8 bei Weitem nicht die erste Netflix-Serie ist, die das Schicksal eines vorzeitigen Aus erlitt. Die Serien Longmire sowie The Killing übernahm der Streamingdienst von Fernsehsendern und erzählte sie selbst zu Ende. Im Fall von Bloodline waren die Diskussionen über die Absetzung schon ausführlicher. So listete Vulture verschiedene mögliche Gründe auf, als Netflix bekannt gab, das Familiendrama nach der 3. Staffel zu beenden. Unter anderem nannte die Seite als Option geringes Zuschauerinteresse. Bei Fernsehsendern kann die Absetzung eines Formats eindeutig auf niedrige Quoten zurückgeführt werden, wenn die dazu veröffentlichten Zahlen den Rückschluss zulassen. Das ist bei dem Streamingdienst nicht möglich, weil er keine Informationen über Abrufzahlen einer Serie preisgibt. Wir wissen einzig und allein, dass Netflix derzeit um die 100 Millionen Abonnenten weltweit hat. Josef Adalian von Vulture erklärt in seinem Artikel über das Ende von Bloodline, dass eine neue Phase bei Netflix eingeläutet wird. Netflix könnte den Erfolg einer Serie nun mehr von den Zuschauerquoten abhängig machen und nicht mehr (scheinbar) blind jede Serie verlängern, schon gar nicht die teuren und zuschauerschwachen: also die außergewöhnlichsten Netflix-Produktionen.

Unser Hit-Anteil ist viel zu hoch im Moment. Also, wir haben sehr wenige Serien abgesetzt ... Ich treibe das Content-Team immer an: Wir müssen mehr Risiken eingehen; wir müssen mehr verrückte Dinge probieren. Denn wir sollten insgesamt eine höhere Absetzungs-Quote haben.

Das sagte Netflix-CEO Reed Hastings kurz vor der Sense8-Absetzung. Wie genau sich dieser Kommentar auf die Programmausrichtung von Netflix auswirken wird, wissen nur Reed Hastings und sein Content-Chef Ted Sarandos.

Ein Blick auf die verlängerten und neu in Auftrag gegebenen Produktionen lässt aber immerhin verschiedene Interpretationen zu. Sowohl Unbreakable Kimmy Schmidt als auch Grace and Frankie gehen in die 4. Staffel, außerdem kündigte Netflix eine Fortsetzung von Arrested Development an. Das und die zahlreichen Stand up-Auftritte im Angebot lassen die Vermutung zu, dass das Comedy-Segment eine wichtige Rolle spielt und dementsprechend verstärkt werden soll. So wurde im Mai angekündigt, dass Ellen DeGeneres mit einem Bühnenprogramm zu ihren beruflichen Wurzeln zurückkehrt. Solche Formate sind in der Produktion günstiger als Großproduktionen wie eben The Get Down bzw. Sense8.

Inhaltlich bietet das Programm allerdings weiterhin extraordinäre Alternativen. So ist die Historienserie The Crown über die mittlerweile 60-jährige Regentschaft von Queen Elizabeth II. auf sechs Staffeln angelegt und steht auf einer Budget-Stufe wie Sense8 und The Get Down. Auch die mit eigenwilligem Stil und interessanten Bildern ausgestattete Fantasyserie The OA bekommt eine zweite Staffel. David Finchers Mindhunter wird zumindest wieder für Aufsehen sorgen. Eine neue wagemutige Serie, die in einer ähnlichen Liga wie die beiden jüngst abgesetzten Serien The Get Down und Sense8 spielt, ist im Angebot für die kommenden Monate allerdings noch nicht zu finden. Und selbst wenn Netflix wieder außergewöhnliche Formate testet (und das werden sie laut Hastings ja tun), die nur eine begrenzte Zuschauerschaft ansprechen, so würden die bei schlechten Quoten wohl eher nicht verlängert. Es wird künftig viel häufiger diese enttäuschenden Sense8-Fälle geben. Darauf müssen wir uns einstellen.

Was denkt ihr, wie es mit dem Programm von Netflix weitergeht?

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