Atypical - Autismus ist doch keine Superkraft

Atypical
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Hält sich jung mit Coming-of-Age-Filmen.

Realität ist die Ressource für alles Fiktionale und Realitätsabstraktionen unzähliger TV-Autoren ziehen zum Zwecke der Unterhaltung und der Vermittlung ein Netz der Vereinfachung über komplizierte Sachverhalte, zum Beispiel Suizid, zum Beispiel Anorexie. Auch ist die durchschnittliche Serienfigur bekannter als der durchschnittliche Autist oder auch das als Entwicklungsstörung bezeichnete Syndrom. Ich will mich in diesem Artikel auf keine Bezeichnung für Autismus festlegen, dafür kenne ich mich schlicht zu wenig mit diesen Themen aus und die Gefahr, jemanden mit sprachlichen Festlegungen zu beleidigen, ist in diesen Gebieten groß. Sicher ist, und hier steuern wir wieder in die vertrauten Gewässer, Färbungen des Autismusspektrums waren in den letzten Jahren überaus präsent in Serien. Viele Serien inszenierten Autismusausprägungen dabei als eine Art kognitive Superkraft. Sherlock etwa ignoriert gesellschaftliche Gepflogenheiten, kann sich dafür aber in die hintersten Ecken einer fremden Seele hineininduktionieren. Sheldon Cooper versteht zwar keinen Sarkasmus, dafür aber die Stringtheorie besser als jeder andere Erdbürger (glaubt er). Monk denkt mehr und anders als seine Kollegen, konstruiert die wildesten Theorien und hat damit doch meistens recht. Das gleiche gilt für den buttrig-arroganten Dr. House, die scharfsinnige aber in sich und ihre eigene Regelwelt zurückgezogene Saga Norén aus Die Brücke und das sozial überforderte Popkulturreferenzwunder Abed aus Community. In der South Park-Episode Ass-Burgers gelangt Stan mit dem Asperger-Syndrom zu einer klareren Sicht auf die Schlechtigkeit der Welt. Kurzum, eine Personen mit Autismus- und Asperger-Merkmalen zu versehen, ist ein recht einfaches Mittel, einen schillernden Charakter zu produzieren. Asperger-Klischees bringen verschrobene, kluge Charaktere hervor, die witzige Dinge und unverschämte und unvorhergesehene Sätze sagen.

In der echten Welt sind Menschen mit Autismus aber vor allem schwer zu verstehen, weil sie grundlegend anderen Gedankenmustern folgen. Die sie umgebende echte Welt wiederum strukturieren Autisten anders als Außenstehende sich das jemals vorstellen können. Neurodiversität nennen Autisten diese Unterschiede in Wirklichkeitswahrnehmung und -verarbeitung. Die neue Netflix-Serie Atypical bemüht sich hier, eine Kommunikationsbrücke herzustellen. Bei der Verhandlung sensibler Themen fingen sich die Netflix-Produktionen To the Bone und Tote Mädchen lügen nicht zuletzt öffentliche Ohrfeigen ein, machten Zuschauern aber so gut (oder schlecht) es eben geht Sachverhalte verständlich, die schwer zu verstehen sind. Die sich vielleicht auch bei Wikipedia nicht einfach so anlesen lassen. Serien können hier drei Rollen gleichzeitig annehmen, wenn ihre Beziehung zum Gegenstand und zum Zuschauer gefestigt ist. Sie können Wissen vermitteln, Wirklichkeit erschaffen und Empathie erzeugen.

Atypical macht hier fast alles richtig. Die Serie wählt einen butterweichen Weg in den Autisten-Alltag hinein. Sie erklärt und verklärt Autismus nicht, sie ist auch keine Serie über einen Jungen mit Autismus sondern eine recht klassisch angelegte Coming-of-Age-Geschichte, erzählt nach dem Boy-Meets-World-Schema, nur mit Autismussymptomen.

Der Boy in Atypical heißt Sam Gardner (Keir Gilchrist). Er ist 18 Jahre alt, hat eine Mutter und einen Vater mit Eheproblemen und eine tolle Schwester, die ihn beschützt. Er fährt mit dem Bus zur Arbeit und zur Schule. Er geht einem Nebenjob in einem Tech-Store nach. Sein einziger Freund dort hält ihn dazu an, Kundinnen anzusprechen, ohne Beratungshintergedanken.

Diese ganz gewöhnlichen Alltagspfeiler müssen sich in Atypical gegen die Zwänge und Herausforderungen des Autismus behaupten. Im Bus lacht Sam über seine eigenen Gedanken (mal ehrlich: warum darf man das eigentlich nicht?) und seine verspannte Sitzhaltung gleicht der eines Periskops. Er hat in der Schule keine Freunde und wird ständig angestarrt. Sein Lächeln ist eine unkontrollierte Fratze, mit der er Mädchen beim Flirten verscheucht. Wenn er das eine, nicht furchteinflößende Lächeln gefunden hat, will er es am liebsten gar nicht mehr loslassen. Er recherchiert Wissen über neue Dinge zwanghaft. Und wenn Sam ins Reden kommt, redet er ohne Satzzeichen, zum Beispiel über ein Mädchen aus einem Datingportal: "She has a cat called Simba I dont love Cats do you think she'll get rid of him".

Das wird alles sehr gelassen und mit einer angenehmen Beiläufigkeit dargebracht. Atypical hat viele ganz gewöhnliche Momente, einige witzige und wenige traurige. Witzig ist Atypical, ohne sich über Autismusymptome lustig zu machen, und traurig, ohne Autismus zu fatalisieren. In der fiktionalen Fruchtbarmachung des Diagnosebildes ordnet sich Atypical irgendwo ein zwischen den Darstellungsextremen von Rain Man, Das Mercury Puzzle und Sherlock. Hier einige Dialog-Momente in Atypical, die sich in kommunikative Verschiebungen hineinfühlen und die Erkenntnisse daraus an den Zuschauer weiterreichen:

  • "I thought you were kidding" - "I dont do that"
  • "You are pretty." - "I thought my nose is too big" - "A little, but the rest of your face makes up for it."
  • "What if she likes Penguins" - "Just assume that she doesen't"

Wir beobachten, wie sich bei Sam Zwänge und Stress anstauen und sich entladen, wie sich Marotten äußern, und wir beginnen schon im Verlauf der ersten Folge, den wunderlichen Pragmatismus in seinem Handlungs-und Gesprächsgebaren zu verstehen und zu entschlüsseln. Bei Sams erstem Date lässt Keir Gilchrist zunächst die erste, gruselige Fassung seines Lächelns aufblitzen, um sie danach allmählich zu jener Fassung herunterzudimmen, auf die er sich mit seiner Therapeutin geeinigt hatte. Wie viel Reflexionsleistung Autisten in einfache Kommunikationshandlung stecken müssen, um keinen Anstoß in ihrer Umwelt zu erregen, wird hier verdeutlicht.

But Dude, nobody is normal.

Über die Bewältigung sind Sam und sein Kreis aus Vertrauten schon lange hinweg. Die große Stärke des Piloten ist es, sein Thema weiterzudenken. Sam etwa hadert nicht mit dem Autismus, sondern mit den Hürden des Erwachsenwerdens. Mit diesen Gedanken wiederum kann sich seine Mutter (gespielt von Jennifer Jason Leigh) nicht arrangieren. Eine Kette mit Gefühlsbildern aus Sams Kindheit fällt ihr in die Hände und Elsa wird glatt nostalgisch. Sie kann sich von dem Sohn, dem schutzbedürftigen Sam, nicht lösen. Die löwenherzige Schwester Cassy (Brigette Lundy-Paine) gefällt sich vielleicht auch zu sehr in der Rolle der Retterin und einsamen Gefährtin. Am Ende könnte Atypical eine Serie über das Vakuum werden, das entsteht, wenn ein Problem plötzlich gar kein Problem mehr ist.

Alle acht Episoden von Atypical sind seit gestern bei Netflix abrufbar.

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