Kinostart von Lunchbox

Mainstream-Kino aus Mumbai abseits vom Tanzgesang

20.11.2013 - 12:00 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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Lunchbox
© NFP Marketing & Distribution
Lunchbox
Diese Woche startet die Tragikomödie Lunchbox in unseren Kinos und beweist, dass der indische Film auch, oder vor allem, abseits von pompösen Tanznummern und ausschweifenden Balladen zu ausgezeichneter und überzeugender Mainstream-Ware fähig ist.

Zu Beginn von Lunchbox sieht alles noch sehr konservativ aus. Die Frau tauscht mit ihrer krächzenden Nachbarin Rezepte aus, um ihren Ehemann zu beeindrucken. Die Männer an sich werden als fleißige Arbeiter dargestellt und liefern entweder das Essen aus oder sie bekommen es von ihren Frauen geliefert. Doch umso weiter diese romantische Tragikomödie von Regisseur und Drehbuchschreiber Ritesh Batra voranschreitet, desto mehr ist die Liebe zu Indien und seinen Menschen zu erkennen, welche jedoch mit scharfsinniger Kritik am Trott einer Großstadt und an festgefahrenen Traditionen einhergeht. Und das Schicksal nehmen die Charaktere selbst in die Hand.

Bollywoodsche Family Romances
Indien ist ein Staat, der in weiten Teilen von Armut und Tradition geprägt ist. Dem Westen, also uns, erscheint der indische Kunstfilm oder auch der, dem westlichen Kino angelehnte Genrefilm meist viel authentischer, da er auf überspitzte Gesangs- und Tanzszenen verzichtet und sich oftmals Tabuthemen in Bollywood nähert. Seit dem wirtschaftlichen Niedergang Indiens in den 80er Jahren und die darauffolgende, gezwungene Lieberalisierung mit dem Westen, forderte auch das Kino eine Rückkehr zu familienfreundlicheren und massentauglichen Filmen für den maximalen Ticketverkauf. Als neue Ziegruppe galt die Mittelschicht. Westliche Güter wurden in Bollywoodschen Family-Romances der 1990er Jahre oft zum Luxusgut erhoben und die glamuröse Traditionshochzeit mit Tanz und Gesang, arrangiert von den Eltern, galt als oberstes Ziel und Handlungs-, sowie Kostümierungshöhepunkt des Films (Hum Aapke Hain Koun).

Ehebruch und Einsamkeit
Doch das indische Kino kann klarerweise auch anders. Und gerade weil sich Ritesh Batras Lunchbox kein großes Thema wie die verheerende Armut oder das vorherrschende Patriarchat zum Überthema nimmt oder an den Pranger stellt, funktioniert er so gut. Er pickt sich faszinierende Facetten von Mumbai, der viertgrößten Stadt der Welt, heraus. Das Überthema bleibt jedoch die unverhoffte Liebe, wie sie bereits aus zahlreichen Bollywood-Mainstream-Filmen und unzähligen Produktionen aus dem Rest der Welt bekannt ist. Doch dieses universale Überthema arbeitet Ritesh Batra an Motiven wie Ehebruch und Einsamkeit ab.

The Lunchbox schafft es, das indische Leben ganz ohne Pathos, Theatralik, Gewalt und Tanzgesang authentisch und ohne Farbexplosionen zu porträtieren. Da in Indien die ausschweifend prächtigen Feierlichtkeiten samt Gesang und Tanz teil der Religion und Tradition sind, floppen dort auch oft indische Beiträge zum Genrekino, welche diese Elemente weglassen.

Thriller und Krimis aus Mumbai
In Lunchbox fungiert der weltbekannte Inder Irrfan Khan (Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger) als Zugpferd, um das schöne Drama auch einem westlichen Publikum bekannt zu machen. Doch nicht nur Liebesfilme werden in Mumbai produziert, auch Thriller und andere Dramen entspringen der Metropole. Das indische GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia -Pendant, die Gangster-Saga Gangs of Wasseypur, vom indischen Scorsese Anurag Kashyap erschien 2012. Im Gegensatz zu The Lunchbox orientiert sich dieses 320-minütige Epos jedoch nicht nur bezüglich der Laufzeit am Bollywood-Mainstream. Auch ohne Gesang und Tanz ist hier jede Menge Theatralik zu spüren, was jedoch keineswegs den Sehwert dieses Dramas mindert. 2004 griff Kashyap in seinem aufwühlenden Krimi-Drama Black Friday ein weitgehendes Tabuthema im indischen Mainstream-Film auf: die grausamen Vorfälle des 12. März 1993 in Mumbai, als bei einem Attentat 260 Menschen ums Leben kamen.

2011 propagierte Shor in the City von Raj Nidimoru, dass wir uns lieber nicht auf das Karma verlassen sollten. Er stellt in diesem Krimi-Drama fünf Menschen vor, die während dem Ganesh Chaturthi Festival mit ihren Problemen kämpfen. Das Action-Drama Striker aus dem Jahr 2010 hingegen spielt im Ghetto von Mumbai der 80er Jahre, basiert auf wahren Begebenheiten und lässt die menschliche Hoffnung allen Widerständen trotzen.

Auch Lunchbox thematisiert die Hoffnung auf ein besseres Leben, welche sich jedoch erst breit macht, als zwei Menschen durch einen glücklichen Zufall aneinandergeraten. Wirklich sympathisch sind sie sich zu Beginn nicht, aber das ist ja bekanntlich in den meisten Liebesfilmen so. Doch umso länger uns die Welt dieses tragisch-schönen Liebesfilms näher gebracht wird, desto mehr Facetten des Geschehens offenbaren sich uns und Lunchbox entpuppt sich als massentauglicher Liebesfilm zum Nachdenken. Besonders interessant ist hierbei das Thema der Dabbawallas, von denen in Mumbai jeden Tag 5000 Essensausträger im Einsatz sind, die rund 200.000 Mahlzeiten abliefern. Die Chance, dass hier ein Fehler passiert, wie in Lunchbox, steht 1:16 Millionen. Doch nach diesem kleinen Wink des Schicksals dürfen die Charaktere dann aber wirklich auf eigene Faust agieren.

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