Im Kino läuft jetzt das Meisterwerk eines Kult-Regisseurs: Wer vor dem Film nichts isst, wird wahnsinnig

08.02.2024 - 08:00 UhrVor 23 Tagen aktualisiert
Geliebte KöchinWeltkino
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135 Minuten wird in Geliebte Köchin nur gekocht und gegessen. Was nach romantischem Kitsch klingt, ist ein Meisterwerk. Der Film von Kult-Regisseur Tran Anh Hung läuft jetzt im Kino.

Nicht Sport ist Mord, sondern Kochen. Das suggerieren Serien wie The Bear: King of the Kitchen oder Filme wie Yes, Chef! und The Menu, die seit einigen Jahren eine Art Haute Cuisine-Renaissance ins Heimkino und auf die Leinwand bringen. Sterneköche sind die neuen Wall Street-Banker, so die Botschaft. Aber das ist alles nur billige Adrenalin-Hascherei im Vergleich zu Geliebte Köchin, der ab sofort im Kino läuft.

Lasst euch von dem kitschigen Titel nicht abschrecken. Es handelt sich nicht um oberflächliches Romanzenkino, sondern um das (neue) Meisterwerk von Kult-Regisseur Tran Anh Hung (Der Duft der grünen Papaya), der 135 Minuten zwei Menschen kochen und essen lässt. Der Film ist ab der ersten Sekunde extrem unterhaltsam und faszinierend. Aber wer sich vorher nicht zumindest ein Pausenbrot schmiert, wird einen Nervenzusammenbruch bekommen.

Schaut euch hier den Trailer zu Geliebte Köchin an:

Geliebte Köchin - Trailer (Deutsch) HD
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Geliebte Köchin ist ganz anders, als ihr denkt

Geliebte Köchin spielt im ländlichen Frankreich von 1885. Ausnahme-Köchin Eugénie (Juliette Binoche) teilt mit ihrem Hausherren Dodin (Benoît Magimel) eine alles übersteigende Leidenschaft fürs Essen. Gemeinsam erfinden sie Gerichte und probieren diese aus. Mit glasigem Blick stehen sie dann stundenlang in der Küche, immer auf der Suche nach neuen Geschmäckern und dem perfekten Gericht. Aber ihre gemeinsame Liebe wird bald auf eine Probe gestellt.

Die Handlungsbeschreibung klingt nach einem französischen Wohlfühlfilm, der komplexe Probleme mit billigen Metaphern zukleistert. Der Depressionen mit "Live, Laugh, Love" beantwortet oder Existenzängste mit einem wohlgemeinten "Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt". Dass Geliebte Köchin anders funktioniert, wird im Kino allerdings sofort klar.

Juliette Binoche und Benoît Magimel in Geliebte Köchin

Zunächst einmal lässt einem Hungs Film das Wasser im Munde zusammenlaufen, und zwar mehr als zwei Stunden lang. Wunderschöne Bilder setzen Gericht nach Gericht makellos in Szene. Gebratener Kalbsrücken, in Crème fraîche gekochte Flunder, Flusskrebse, Trüffel, in Eischaum gekühlte Eiscreme. Hung lockt die Zuschauer:innen über die Ästhetik der Kochkunst in den Film, an der man sich laben will, bis man platzt.

Tran Anh Hungs Film begeistert mit der puren Lust am Leben

Was Geliebte Köchin von einem perfekt ausgeleuchteten Werbespot unterscheidet, ist der Minimalismus, mit dem der Regisseur die extreme Leidenschaft von Eugénie und Dodin porträtiert. Minutenlang beobachtet das Publikum das glückliche Ballett der beiden, die mithilfe der Hausmädchen ein meisterhaftes Menü auf den Tisch bringen. Jeder Handgriff sitzt, jeder Tropfen Soße, jedes Blättchen Thymian ist genau dosiert. Warum ist das so unterhaltsam?

Seit einigen Jahren gibt es unter Film-Fans den Begriff "Competence Porn": Er soll die Wirkung von Szenen beschreiben, in denen das Talent, das Können, die schiere Handwerkskunst einer Figur dem Publikum Lust bereitet. In gewisser Hinsicht trifft das auch auf Geliebte Köchin zu. Wie die Präzision eines Rennfahrers oder das taktische Wissen eines Offiziers fasziniert die kulinarische Perfektion der Protagonist:innen , die stets genau wissen, was sie tun. Aber das ist nicht alles.

Juliette Binoche in Geliebte Köchin

Der Tanz der beiden Figuren durch sinnliche Kochszenen hat eine spürbare Körperlichkeit, eine Lebensfreude, die die Sterilität des Perfektionismus vermeidet. Eugénie und Dodin schwitzen um die Wette, tauchen ihre Arme ins Fett, stopfen ein Huhn mit Pilzen aus, dosieren den Wein mit dem Daumen auf der Flaschenöffnung. Was hier spricht, ist nicht die kalte Präzision aus Serien über Sterneköche, sondern die pure Lust am Leben, an allem, was ernährt und erquickt.

Das große Geheimnis von Geliebte Köchin zeigt sich erst auf den zweiten Blick

Noch faszinierender ist die Bildsprache, mit der Hung der Leidenschaft seiner Figuren eine Bühne bietet. Sie ist so simpel, so schnörkellos, dass man ihre Feinfühligkeit lange nicht bemerkt. Allein durch die Länge der Küchenszenen spielt sie sich in den Vordergrund. Und entpuppt sich schließlich als Herz des Films.

Geliebte Köchin

Das historische Setting, der ländliche Schauplatz, das Machtgefälle zwischen Herren und Bediensteten, zwischen Männern und Frauen, die Regeln der Ehe und die Freiheit der Natur: All diese oberflächlichen Attribute werden überstrahlt vom Faszinosum der Kamera für ihre Akteure und Hungs Liebe für seine Figuren.

"Mein Zweck beim Filmemachen ist es, neue Gefühle zu finden und die Freude, sie zu entdecken", hat Tran Anh Hung einmal der vietnamesischen Seite Talawas  über seinen Stil verraten. Seine Zuneigung überträgt sich wie ein Blitz auf das Publikum. So genau ist sein Blick für das Wesentliche, so intuitiv sein Gespür für Rhythmus und Komposition, dass es fast wie Magie wirkt.

Das Ergebnis ist eine Art Meditation, eine Trance, eine Glückseligkeit über die stille Freude der Figuren. Wholesome in einer Art, die die Essenz von Wholesome verstanden hat. Zwei Stunden im Kino lassen sich kaum besser verbringen. Aber vorher bitte noch essen.

Wann läuft Geliebte Köchin im Kino?

Geliebte Köchin läuft seit dem 8. Februar 2024 im Kino. Neben Binoche und Magimel ist unter anderem Emmanuel Salinger (Das Geheimnis der zwei Schwestern) vor der Kamera zu sehen.

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