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A Ghost Story

Für einen Moment wollte ich ein Geist sein

A Ghost Story - Trailer (English) HD
2:14
A writer writes a novel, a songwriter writes a song, we do what we can to endureAbspielen
© Universal Pictures/moviepilot
A writer writes a novel, a songwriter writes a song, we do what we can to endure
10.02.2018 - 08:50 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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Manchmal endet dies alles hier plötzlich, manchmal schleichend, aber enden wird es. Was kommt danach? Bleibst du bei deinen Lieben oder hast du etwas Bleibendes hinterlassen? Wirst du deine eigene Ghost Story haben? Oder hast du sie vielleicht schon?

Mit A Ghost Story hat David Lowery einen einzigartigen Film geschaffen, leise und nachdenklich, über Liebe und Verlust, über das Vergängliche und das was bleibt. Mit seiner eigenen Geistergeschichte hat FrancisYorkMorgan einen einzigartigen Kommentar dazu geschrieben, der euch nachdenklich machen wird, der euch einhüllen wird wie eine verschneite Winternacht, und der euch lange nicht verlassen wird ...

Der Kommentar der Woche von FrancisYorkMorgan zu A Ghost Story

Ich glaube daran! Du nicht?
Zumindest nicht, wenn ich nüchtern bin, nein.

Und der Schnee fiel. Ich öffnete die Tür des alten Transporters, alles kratzte und krachte in den Scharnieren, und ich stieg in meiner dichten Arbeitskluft hinein, klackte den Zündschlüssel und wartete ohne Regung, atmete, während die Scheibe langsam beschlug. Der Dieselmotor startete laut und grollend. Ein vibrierendes und ratterndes Monster. Der Schaltknauf klapperte im Leerlauf, gegen meine Fingernägel, und die Scheinwerfer leuchteten durch den wirbelnden Schnee. Kupplung, erster Gang und eine leichte Kurve. Ich spürte, wie das Profil der Reifen im Schneeteppich wühlte, nur für einen kurzen Moment Spuren hinterließ. Rillen, Narben und Abdrücke, die schleierhaften Erinnerungen daran. Doch der fallende Schnee, die Zeit, verformte meine Spuren, pustete über die Kanten der Straße, ließ den Bordstein mit der Straße verschwimmen. Ich hielt, mitten auf der Fahrbahn. Schneeflocken und der Wind. Eine lange Gerade, am Ende die scharfe Kurve. Acht neun dicke Bäume mit ihren mächtigen Stämmen, der schroffen Rinde, die Äste, hoch oben in der Luft, voller Schnee, links der Straße. Der rauschende Fluss gleich unter diesen behangenen Bäumen. Ich schaltete das Licht am Transporter aus, schälte mich für einen Moment aus der Verantwortung, stellte die Scheibenwischer ab und sah sie in meinen Pupillen, um die Augäpfel herum taumeln, den weißen Glaskörper anlächeln. Die, die mich über die Jahre verlassen mussten, Erlösung in anderen Leben, im Tod fanden.

Langsam ließ ich die Kupplung kommen und fuhr los, im Dunkel und ohne Sicht, der flächige Schnee schmierte auf der Scheibe und ich schaltete, kuppelte und flüchtete über die gefühlten und verschneiten Schienen, wollte entgleisen. Die Baumkronen im natürlichen Licht des Abends, die weißen Blitzer und das Rauschen des Wassers, links der Straße, all der Schnee. Ich stieg irgendwann in die Bremsen, der Transporter brach leicht aus und schwebte, hinterließ Schleier und Muster auf der dichten Schneedecke, die Räder flogen, stotterten und schwammen. Alle Lichter im Armaturenbrett leuchteten, flackerten und korrigierten die mögliche Ewigkeit. Und dann ... stand ich, öffnete die Augen, zog am Türgriff und schob die sperrig quietschende Tür auf, fiel mit meinen Latzhosen und der dicken Jacke in den Schnee und stand vor dem letzten Baum, neben dem Fluss. Mitten in der Stille dieses endlosen Märchens. Warmer Dampf stieg auf, wehte im Schneetreiben davon. Ich weilte lange neben dem Auto, der Schnee fiel auf meine Schultern, auf meinen kahlen Kopf, hüllte mich für einige Minuten, bedeckte mich komplett. Wirbel und Gebilde aus Schnee, Silhouetten und schlierende Wellen über dem Wasser. Die Zeit verharrte und ich fragte mich, wie es wohl ist, bin ich nicht mehr da, würde als wanderende Gestalt neben jenen Menschen wachen, die sich neue Erinnerungen schaffen, die Spuren, die ich hinterließ, langsam verwischen. Für einen Moment wollte ich ein Geist sein, der die, die er im Leben verloren hatte, auf ewig heimsucht ...

Vor ein paar Tagen fragte mich eine Freundin beiläufig, bei einem Kaffee am späten Nachmittag, ob ich wissen möchte, was in meinem Horoskop stünde. Ich meinte, sichtlich ruhig, dass ich nicht an solche Dinge glaube. Wir unterhielten uns den ganzen Abend über brabbelnde Schamanen, Hokuspokus, Puschel und Wünschel, diesen glitzernden Talisman in ihrer Wohnung, Zauberliteratur, Wunder und heilende Kerzen. Erinnerungen und Kräfte, Symbole, Mächte und unsichtbare Stimmen, Geister. Sie erzählte mir dann eine wirklich aufregende Geschichte über das Haus ihrer verstorbenen Oma, über seltsame Zustände, über den Verlust, den schwülen Sommer, als es passierte. Und schließlich fragte sie mich, ob ich so etwas auch schon mal erlebt hatte. Ich verschränkte meine Arme, grub diese in meinen grauen Kapuzenpulli und senkte meinen Blick, erzählte ihr von dem Mann, der in den Transporter stieg, alle Lichter verschwinden ließ, vom Schnee und den mächtigen Stämmen links der Straße, dem Fluss darunter. Die verschwundene Flucht über der Schneedecke, den Spuren, die er in der Kälte, im Leben anderer hinterließ und die Wärme, die verhallte und verschwand. Erinnerungen, Linien. Eine andere Geistergeschichte kenne ich nicht.

Sie griff nach meiner Hand. Die Rillen und Spuren auf ihren Fingern, strich sie mir über die Haut. Sie stand auf, schnappte mich und wir liefen durch die anbrechende Nacht. Etwas später hielten wir in der Kurve. Es lag kein Schnee mehr, keine Silhouetten flogen durch die Luft, keine weiß schimmernden Gebilde tanzten über die Straße, über den Fluss hinweg, durch die starren Bäume und verzweigten Äste. Es war still und der Blick engte sich, die Ränder schwärzten. Verschüchtert und hoffnungsvoll. Ich mochte ihre Wangen, ihre Ohren, die an den Spitzen einen Ruck aus den Strähnen ragten. Wir schrägten unsere Gesichter und sie ließ mich nicht mehr los, während das Wasser rauschte.

Ich musste ihr versprechen, immer das Licht anzulassen, die Scheibenwischer. Wünschel, Wunder und Zauberei. Ich hätte noch Zeit, meinte sie, um die Ewigkeit heimzusuchen. In diesem Moment war ich nüchtern und glaubte ihr.

Den Originalkommentar findet ihr hier.

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